Vom Wolf zum Virus. Reflexionen über die Prävention

Moderne Gesellschaften sind unter vielen Dingen Präventionsgesellschaften, denen daran gelegen ist, Probleme in ein zeitliches Vorfeld zu verlagern, in dem man sie leichter behandeln kann als später. Im Interviewband „d’un fragment l’autre“ von 2001 schlägt der französische Philosoph Jean Baudrillard eine Art Genealogie der Prävention vor, die mir hilfreich zu sein scheint zu erkennen, wo postmoderne Gesellschaften in ihrem Anspruch auf Prävention stehen. Er beschreibt die Entwicklung so:

„Wir kennen vier Arten des Angriffs und der Verteidigung, der Offensive und der Defensive, die historisch aufeinander folgen: Der Wolf, die Ratte, die Kakerlake und der Virus.“

Der Wolf ist ein potentiell sichtbarer Feind der frontal angreift und den man mit Barrikaden, Landwehren und Stadtmauern präventiv abwehren kann. Die Ratte ist ein „unterirdischer Feind“ und die Antwort auf diesen Feind ist ebenfalls subterran: Abwasserkanäle sind typische Abwehrmechanismen, mit denen man die schädigende Wirkung von Ratten eindämmen kann. Die Kakerlake ist räumlich flexibel und „ein bisschen überall“, sodass Prävention ein ebenso umfassendes und ubiquitäres und gesellschaftlich umfassendes Anliegen wird. Der Virus letztlich ist reine Information und die Prävention gegen es geht also den gleichen informativen Weg. In diesem Kontext ließe sich z.B. an die Deradikalisierungskampagnen denken, mit denen man extremistisches Gedankengut präventiv bekämpfen möchte.

Alle solche Faustformeln haben die große Schwäche, dass sie die Wirklichkeit zu einfach beschreiben und wichtige Bestandteile des Beobachtbaren auslassen. So ist es auch hier: die mantischen Dimensionen bleiben bei Baudrillards vierstufigen Entwicklungsmodell ebenso unerwähnt wie die Bedeutung der Erfahrung, die von Präventionskonzept zu Präventionskonzept weitergetragen wird. Historische Umbrüche wie die von Lucian Hölscher beschriebene Entdeckung der Zukunft seit der Aufklärung werden übersehen und auch einer Kritik eines überbordenden Präventionsanspruches lässt Baudrillards kleine Faustformel kaum Platz.

Dennoch hat solche eine schon fast sprichwörtliche Zusammenfassung einer mehrere Jahrhunderte währenden Erfahrung mit der Prävention doch auch Vorteile: sie zeigt auf, dass es in Präventionsdingen bei allem Wandel gleichzeitig nie etwas wirklich Neues unter der Sonne gibt. Noch immer bauen wir Mauern und erhoffen uns durch sie Schutz, auch die Kanalisation haben moderne Großgesellschaften nicht aufgegeben und die Hoffnung einer verallgemeinerten Prävention, die in Fleisch und Blut übergeht lässt sich problemlos finden. Dass in der Terrorismusprävention der In-Formation (und dadurch auch der De-Formation potentieller terroristischer Karrieren) solch eine Bedeutung beigemessen wird, zeigt, dass wir hoffen, auch der Gefahr durch Viren entgegen wirken zu können.

Der gegenwärtige weltweite Trend, politische Mauern zu bauen ließe sich mit Baudrillard als Versuch deuten, den Feind wieder zu externalisieren und ihn extra muros zu versetzen, um seine Bekämpfung zu vereinfachen. Der Feind wird so zum Wolf gemacht. Wie der aktuelle Corona-Virus zeigt, ist solch ein Bemühen fruchtlos. Wir müssen uns darauf einstellen, es mit viralen Feinden zu tun zu haben.

Fraglich ist dann, wie man in solch einer Lage überhaupt präventiv arbeiten kann. Wie soll es möglich sein, „vor die Lage“ zu kommen, wenn das Problem nur rhethorisch eines des „polizeilichen Gegenübers“ ist? Baudrillard beantwortet diese Frage mit einer Gegenfrage: „Was kann man da machen?“ Für Baudrillard ist klar: unter den Umständen einer viralen Gesellschaft ist Antizipation im Sinne von „Vorwegnahme“ nicht mehr möglich. Stattdessen lässt sich nur noch eine Präzitipation – also eine Abwehrrreaktion des Immunsystems – beobachten.

Doch was ist eigentlich das Immunsystem einer modernen Gesellschaft? Sind es ihre Institutionen, oder vielmehr die Öffentlichkeit? Ist es „das Volk“ – eine Entität, über die man so viel und so wenig zugleich weiß? Oder „das Recht“? Und wie genau reagieren soziale Immunsysteme auf virale Angriffe? Könnte es sein, dass z.B. Populismus so eine Art Fieber des body politic ist? Oder ist es gänzlich falsch, die Gesellschaft überhaupt als einen zusammenhängenden Körper zu verstehen?

Eines haben wir in der Corona-Krise jedenfalls gelernt: die Weltgesellschaft in der wir leben, ist dermaßen inklusiv, dass sie ihre Feinde nicht mehr vor die Tür stellen kann. Sie gehören zu ihr und sind mit ihren Abwehrreaktionen verbunden. Souverän ist im viralen Zeitalter also am ehesten, wer die zutreffendste Diagnose über den Zustand der Gesellschaft wagt und daraus wirksame Handlungsoptionen ableitet. Das ist angesichts viral gehender Parallelrealitäten ein beachtliches Kunstwerk.