Aerosole in der Käseglocke. Mit welchen Metaphern beschreiben wir die Corona-Pandemie?

Der Philosoph Hans Blumenberg (1998) hat mit seiner Metapherologie deutlich gemacht, dass wir auch in einer Welt leben, die wir sprachlich beschreiben und in deren bildlichen Ausgestaltung wir uns einrichten. Besonders gerne greifen wir dabei zur Metapher, einer Übertragung von einem Sachverhalt zum nächsten. Wir sagen z.B., es gäbe eine „nackte“ Wahrheit – obwohl wir bei aller Liebe nicht wüssten, wie sich die Wahrheit eigentlich bekleidet geschweige denn entkleidet. Wenn man darauf achtet, wird man Metaphern fast überall finden: sie verstecken sich (Achtung! DAS ist schon eine Metapher) in zahlreichen Beschreibungen (schon wieder eine) der Wirklichkeit.

Wenn jemand z.B. sagt, Corona sei ein Schnellzug, ein Krieg oder ein Rätsel, dann ist dieses kleine Virus natürlich weder ein Fahrzeug, noch ein behelmter General feindlicher Truppen noch ein besonders kniffliges Rätsel – es ist und bleibt ein Virus, doch dessen Wirklichkeit wird uns vertrauter, wenn wir es sprachlich in unsere Lebenswelt herüberholen und es so quasi sprachlich sozialisieren

Für Sozialwissenschaftler*innen steckt deswegen auch eine gewisse Verlockung darin, sich nicht objektive Tatsachen anzuschauen, sondern zu prüfen, inwieweit Metaphern, die wir uns von Tatsachen machen, handlungsauslösend sein können. So hat Andreas Pettenkofer in seiner soziologischen Geschichte der Grünen die Bedeutung „starker Metaphern“ wie „Atomtod“ zur Beschreibung von Radioaktivität herausgearbeitet. Ich selbst habe vor einiger Zeit überprüft, ob sich die soziale Bedeutung unsichtbarer Aktanten anhand der Metaphern beschreiben lässt, die zu ihrer Beschreibung verwandt werden.

In der aktuellen Corona-Krise beschäftigen wir uns nun seit knapp einem Jahr mit einer virologischen Tatsache. Zugleich beobachten wir einen vehementen Streit um die Deutung dieser Tatsachen – insbesondere mit Blick auf die Notwendigkeit von einschränkenden Maßnahmen, die tief in das Leben der Menschen eingreifen. In Vorbereitung auf ein größeres Forschungsprojekt habe ich jetzt einmal in einer kleinen Umfrage versucht herauszubekommen, welche Bilder und Metaphern wir eigentlich nutzen, um die aktuelle Corona-Krise zu beschreiben. Die Umfrage ist keineswegs repräsentativ, sondern spiegelt das soziale Umfeld, das sich über direkte Ansprachen, Twitter und Facebook erreichen ließ.

Dennoch glaube ich hier einen Trend zu erkennen, der sich vermutlich hochrechnen lässt: die Werkzeuge zur sachlichen Beschreibung von Corona (Statistiken, Fachausdrücke wie „Pandemie“, Verweise auf die Pathologie der Krankheit) reichen nicht aus, Corona in die sprachliche Lebenswirklichkeit zu integrieren. Die dazu genutzten Metaphern sind deutlich persönlicher und verweisen stark auf eine individuell erlebte Krisensituation.

Auswertung der Umfrage – Ein Hang zur pessimistischen Mitte

Auffällig ist das breite Spektrum der Meinungen zur Gefährlichkeit von Corona. Eine Frage bat die Teilnehmenden, in einem Punktesystem von 1 (ungefährlich) bis 100 (sehr gefährlich) die Gefährlichkeit der Lage zu taxieren. Es kamen Antworten zwischen 10 und 90 zustande, wobei sich der Durchschnittswert bei gut 67 lag. Auf die Frage, welche Aussage (von: „Corona gibt es nicht“ bis: „das wird nie wieder gut“) zutreffe fand sich eine Mehrheit in einer pessimistischen Mitte. 5 der 39 Befragten sagten, es gäbe zwar Corona, aber alle übertrieben zu dem Thema gerade, vier sagten, es würde nie wieder gut werden und drei sahen sich vor einer Katastrophe stehen. 27 hingegen sagten es, die Lage sei „brenzlig“ und gaben damit die „mittlere“ Antwort.

Die Analyse ist sachlich und persönlich

Die Antworten auf die Frage „Wenn Sie einem Zeitreisenden aus den 1990ern die aktuelle Corona-Situation erklären müssten, welche drei Begriffe würden Sie dafür wählen?“ lassen sich in drei Kategorien einordnen. Die zahlenmäßig Stärkste beschreibt Corona als Pathologie. Hier wird recht sachlich referiert, dass eine Pandemie herrsche (13 Antworten), die von einem Virus ausgelöst werde (12), der wiederum eine Atemwegserkrankung auslöse (3). Es wird berichtet, wie die Übertragungswege über Aerolsole funktionieren (2), dass die Krankheit tödlich sein kann (3), dass die Sache der spanischen Grippe ähnele (1) und dass „Impfstoffe in Rekordzeit hergestellt“ worden seien. Ein Handeln in dieser Krise sei letztlich „alternativlos“ (1).

Als Bild (Frage 4) würden die Meisten die Corona-Pandemie als statistische Graphik (17), als Maske (12), oder als Virus (9) darstellen – was dem hier festgestellten Trend zur (mathematischen) Sachlichkeit entspricht. 

Daneben wird im hypothetischen Gespräch mit dem Zeitreisenden viel auf die eigene Lebenssituation eingegangen, es ist von Einsamkeit und Langeweile die Rede (5), Angst und Anspannung (3) sowie von Unklarheit (5). Belastungen wie Home-Office, Home-Schooling und die damit verbundenen Sorgen um ein funktionierenden W-Lan werden insgesamt fünf Mal thematisiert.

Die politische Implikation zu guter Letzt ist zum Einen eine Kritik am Kapitalismus und dem Auseinanderklaffen der „Schere zwischen Arm und Reich“ und zum Anderen eine Kritik am politischen „Schlingerkurs“ der Regierenden oder gar am „Regierungsversagen“ (jeweils 1).

… und welche Metapher wird gewählt?

Bei der zu guter Letzt konkretisierenden Frage „Welche Metapher fällt Ihnen zur Beschreibung der Corona-Pandemie ein?“ ist auffällig, dass wenig von der o.g. Sachlichkeit übrig bleibt. Nur zwei Vorschläge gehen auf Statistik ein. Die Lage wird mit der Pest verglichen (3), oder mit einer unkontrollierten Naturgewalt (3). Vier Antworten passen bestehende Sprichworte an die aktuelle Corona-Lage an („Kind ist in den Brunnen gefallen“ / „Wir sägen am Ast auf dem wir sitzen“ / „Kleines Virus große (Aus)Wirkung“ / „Nichts ist so beständig wie der Wandel“).

Im politischen Spektrum wird betont, dass Home Office ein „Klassenprivileg“ ist (1), die Demokratie in einer Krise stecke (3), die Überbevölkerung Auslöser der Pandemie sei (3) und dass die politischen Maßnahmen nur inkonsequent durchgezogen würden (1).

Auffällig zahlreich und wuchtig aber sind die stark persönlichen Beschreibungen der Pandemie in Metaphern, die Isolation beschreiben („Berühren verboten“ / „Käseglocke“ / „Gefangen“ / „Ein unendlicher Warteraum beim Arzt“ / „Stillstand“ / „Zwangsjacke“ / „Wärmeverlust“) sowie Beschreibungen einer plötzlichen Veränderung („Als wenn einem der Boden unter den Füssen weggezogen wird“ / „Die Musik des Lebens wurde leise gedreht“ / „krasser Bühnenbildwechsel im Theater“). Metaphern wie „Graue Wolke“ / „Nebel“ / „Invasion eines unbekannten Feindes“ / „Unsichtbare Gefahr“ sowie „Zombieapokalypse“ lassen eine starke Unsicherheit erkennen, die sich nur teilweise unter dem Deckmantel der Ironie verbergen lässt.   

Fazit

Wie lässt sich die Bildsprache zur Beschreibung der aktuellen Corona-Pandemie deuten? Nun, zuerst einmal nur provisorisch, denn diese Daten verraten gar nichts über die conscience collective der Deutschen in Pandemiezeiten.

Doch eines ist vielleicht schon einmal auffällig: während zur Beschreibung der Pandemie objektivierende Bilder wie statistische Graphiken und Verweise auf das Krankheitsbild genutzt werden, ist die Metaphernwelt zur Beschreibung der Gesamtlage eher von Ängsten, Vereinsamungsgefühlen und der Sorge darum, dass hier etwas außer Kontrolle gerät geprägt. Das Metaphernfeld scheint emotional aufgeladen zu sein. Vielleicht lässt sich mit dieser Beobachtung auch die für den äußeren Beobachter so merkwürdig hohe Emotionalität der Querdenkerbewegung (z.B. „Feuer der Liebe“) zumindest mit-erklären.

Wenn hier eine repräsentative Befragung vorliegen würde, wäre ich geneigt, den Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und Medizin nahezulegen, das Bedürfnis nach emotionalen Metaphern stärker zu befriedigen und die aktuelle Notlage nicht nur sachlich zu beschreiben. Gleichzeitig natürlich besteht das Problem, dass Metaphern Wirklichkeiten schaffen – sie müssen also behutsam eingesetzt werden. Letztlich bräuchte es also noch so etwas wie eine systematische Metapherologie der Pandemie, aber die steht noch aus.

Literatur:

Blumenberg, Hans (1998): Paradigmen zu einer Metaphorologie; Frankfurt a.M.

Luhmann, Niklas (1996) Die Realität des Massenmedien. Opladen

Pettenkofer, Andreas (2014): Die Entstehung der grünen Politik. Kultursoziologie der westdeutschen Umweltbewegungen; Frankfurt a.M.