Vom Türschloss zum Tipping Point. Dimensionen polizeilicher Prävention

Moderne Gesellschaften sind unter vielen Dingen Präventionsgesellschaften, denen daran gelegen ist, Probleme in ein zeitliches Vorfeld zu verlagern, in dem man sie leichter behandeln kann als später. Das gilt insbesondere für die Polizei, die gerne mit dem Satz, sie wolle „vor die Lage kommen“ für sich wirbt.

Natürlich schlug man sich schon in der Antike mit vergleichbaren Gedanken herum – der lateinische Merksatz militärischer Prävention, man solle den Krieg vorbereiten, wenn man den Frieden liebe, hat sich im Waffennamen „Parabellum“ verewigt. Auch lassen sich Grundzüge des Versicherungswesen und einer „vor die Lage“ kommende Verwaltungen schon in vormodernen Gesellschaften finden. Zur vollen Entfaltung kommt der Anspruch einer Bewirtschaftung des Zeithorizontes „Zukunft“ aber tatsächlich erst in modernen Gesellschaften.

Dabei ist Prävention nicht gleich Prävention. Je nachdem, mit welcher Gefahr man zu hantieren hat ist die vorsorgliche Abwehr eine jeweils unterschiedliche Angelegenheit. Das hat polizeilichen Konsequenzen. Wie man sich die verschiedenen Dimensionen polizeilicher Prävention vorstellen kann wird recht nachvollziehbar, wenn man sich auf eine sehr bildhafte Weltgeschichte der Prävention einlässt, die der französische Philosoph Jean Baudrillard 2001 im Interviewband „d’un fragment l’autre“ vorgelegt hat. Er beschreibt die Entwicklung die Prävention mit folgendem Bild:

„Wir kennen vier Arten des Angriffs und der Verteidigung, der Offensive und der Defensive, die historisch aufeinander folgen: Der Wolf, die Ratte, die Kakerlake und das Virus.“

Formen der Prävention

Zuerst ist der Feind frontal: das sind die Wölfe – und das gilt auch für die menschlichen Feinde – man verbarrikadiert sich, man baut Stadtmauern,  man richtet die Stadt des Mittelalters ein.“ Der Wolf ist ein potentiell sichtbarer Feind, den man mit Barrikaden, Landwehren und Mauern präventiv abwehren kann. Wir kennen ihn im polizeilichen Kontext z.B. als den Einbrecher, der schon allein mit einem hinreichend soliden Türschloss von seinem Tun abgehalten werden kann. Die Polizei kann bei der Anschaffung einer solchen Schlosses beraten – und tut das auch.

Danach kommen die Ratten: das ist ein unterirdischer Feind, die frontale Verteidigung gibt es nicht, man muss sich etwas anderes einfallen lassen, eine Vorsorge, eine Hygiene.“ Die Ratte tritt in zwei räumlichen Dimensionen in Erscheinung: über- und unterirdisch. Aber zumeist unterirdisch. In der Darstellung der Kriminalität entsteht in diesem Präventionskontext das Bild einer kriminellen Gegenwelt – einer Unterwelt , wie es im Film „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ geradezu bilderbuchhaft skizziert wird. Die kriminelle Gesellschaft trifft sich hier in der Tat unter der Erde, um ihre Versammlungen abzuhalten, die geradezu ein Spiegelbild der oberirdischen Gesellschaft bieten. Für die polizeilich präventive Arbeit hat dieses Bild einer unterirdischen Parallelwelt allerdings eher metaphorische Bedeutung: es geht eher um polizeiliche bekannte kriminalitätsaffine Gesellschaftsbereiche – man möchte fast sagen: Parallelgesellschaften. Der szenekundige Beamte im Fußball, aber auch der V-Mann sind Beispiele für die vorsorgliche polizeiliche Beschäftigung mit potentiellen Gefahren in diesen vielleicht nicht Unter- aber Nebenwelten.

Danach kommt eine andere Generation von Feinden: das sind die Kakerlaken, die nicht nur durch den dreidimensionalen Raum, sondern auch durch die Zwischenräume spazieren. (…) Es wird sehr schwer, ihre Anzahl zu minimieren, man muss alle Methoden der Verteidigung neu erfinden.“ Die Kakerlake ist räumlich flexibel und „ein bisschen überall“, sodass Prävention ein ebenso ubiquitäres wie gesellschaftlich umfassendes Anliegen wird. Im Bereich der Kammerjägerei wird das Problem der tatsächlichen Kakerlakenpopulationen damit angegangen, dass der gesamte Raum, in dem sie sich bewegen mit tödlichem Gas befüllt wird. Es verrät einiges über die menschenverachtende „rassische Generalprävention“ der Nationalsozialisten, dass sie ein solches raumfüllendes Schädlingsbekämpfungsmittel für die Vernichtung von Menschenleben einsetzten.

Wer den Gegner als „Kakerlake“ versteht – also ein Wesen, das immer und überall auftaucht, und dem man mit klassischen Formen der Prävention nichts anhaben kann – kann irgendwann nur noch die vollkommene Vernichtung dieses Gegners anstreben: eine Entwicklung, die sich in Völkermord in Ruanda grausam gezeigt hat.

Doch jenseits einer wortwörtlichen Umsetzung der Kakerlaken-Metapher zeigt sich, dass es Problemlagen gibt, die sich weder mit Mauern noch mit Infiltration präventiv abwehren lassen. Das können z.B. Probleme der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sein, die sehr allgemeiner Natur sein können. „Angsträume“ sind ein Beispiel für eine eher räumlich als personell zu beschreibende Gefahr. Im polizeilichen Bereich sind hier Sicherheitspartnerschaften ein Schlagwort. Wenn der Raum der abzuwehrenden Gefahren diffus wird, braucht es mehrere Akteure, die helfen können, ihn zu sichern. Sicherheit wird zu einem Problem, das viele angeht und das nur gemeinsam sichergestellt werden kann.

Die vierte Phase: das sind die Viren, man befindet sich also in einer vierten viralen Dimension, wo kein Widerstand mehr möglich ist. Was kann man also tun?“ Mit Viren kennen wir uns seit der Corona-Pandemie aus. Wir wissen z.B., dass sie extrem klein sind – so klein, dass man sie nur mit einem Rasterelektronenmikroskop sehen kann – damit sind sie de facto unsichtbar. Wir wissen daher nichts viel darüber zu sagen, wie man ihnen den Weg absperrt, sie kanalisiert, oder sie großflächig abschirmt. Und wir wissen, dass sie über Aerosole verbreitet werden. Es ist nicht ganz ohne bittere Ironie, dass im Film „Outbreak“ von 1995 der erste Ausbruch einer Viruserkrankung mit Hilfe einer Aerosolbombe verhindert wird.

Mit diesem viralen Feind stehen wir aber in Wirklichkeit jenseits von den präventiven Möglichkeiten der Stadtmauer, der Infiltration oder der Sicherheitskooperation. Das Virus ist schon lange da, bevor wir es bekämpfen wollen – acht Prozent des menschlichen Genoms stammen ursprünglich von Viren. Und Viren sind so einfach strukturiert, dass sie sich fortlaufend ändern. Das heißt: dieser Feind ist nicht nur unsichtbar, er ist auch noch hochgradig flexibel.

Aber: er ist mathematisch beschreibbar. Davon wissen die Zeitgenossen der Corona-Pandemie ein Lied zu singen, in dessen Refrain von R-Faktor, Übersterblichkeit, Inzidenz und exponentiellem Wachstum die Rede ist. Diese Idee der mathematischen Beschreibbarkeit von Virusinfektionen wurde schon in den 1990er Jahren auf die polizeiliche Präventionsarbeit zurückgespiegelt. Malcolm Gladwell hat in einem legendären Artikel im New Yorker folgende Frage aufgeworfen:

„What if homicide, which we often casually refer to as an epidemic, actually is an epidemic, and moves through populations the way the flu bug does?“

Wenn also Gewaltkriminalität genauso mathematisch erfasst werden könne, so Gladwell weiter, so müsse es doch möglich sein, einen Umkippmoment zu beschreiben, in dem eine gesellschaftlich normale Lage in eine kriminelle Pathologie umkippt – auf Englisch nennt man das einen „Tipping Point“. Gladwell beschreibt diesen Tipping Point mit Hilfe des Bildes einer plötzlich auslaufenden Ketchupflasche:

„Tomato ketchup in a bottle – None will come, and then a lot’ll.“

Diese Idee des kriminalpräventive relevanten Umkippmomentes ist in die Begründung der „Zero-Tolerance“-Strategie der New Yorker Polizei (und später aller anderen Polizeien, die diese Policy nachahmten) übernommen worden. Kriminalität ist damit zu einem stochastischen Problem geworden, dem man mit einem antiseptischen Kriminalitätsverhinderungsregime entgegen tritt, das dem ähnelt, was man sich während der Pandemie angewöhnt hat: Maske tragen und Hände  zu waschen und smoit im Kleinen verhindert, dass die Lage umkippt.

Wie sich während der Pandemie zeigt, ruft solch eine Policy aber nicht ganz unbedeutende Legitimationsfragen auf den Plan: wer darf eigentlich aufgrund welcher sozial-virologischer Kompetenzen den kriminalistischen Tipping Point prognostizieren und daraus Schlussfolgerungen ziehen, die sich gesamtgesellschaftlich auswirken?

Hilft uns Baudrillards kleine Geschichte der Prävention also weiter?

Alle Faustformeln haben die große Schwäche, dass sie die Wirklichkeit zu einfach beschreiben und wichtige Bestandteile des Beobachtbaren auslassen. So ist es auch hier: die professionell-mantischen Dimensionen der Prävention (z.B. der polizeiliche „Riecher“) bleiben bei Baudrillards vierstufigen Entwicklungsmodell ebenso unerwähnt wie die Bedeutung der Erfahrung („ich erkenne meine Schweine am Gang“), die von Präventionskonzept zu Präventionskonzept weitergetragen werden. Historische Umbrüche wie die von Lucian Hölscher beschriebene Entdeckung der Zukunft seit der Aufklärung werden großzügig übersehen und auch für die Kritik  extremistischer Präventionsansprüche lässt Baudrillards kleine Faustformel keinen Platz.

Dennoch hat seine sprichwortartige Zusammenfassung einer mehrere Jahrhunderte währenden Erfahrung mit der Prävention auch Vorteile: sie zeigt, dass es in polizeilichen Präventionsdingen bei allem Wandel gleichzeitig nie etwas wirklich Neues unter der Sonne gibt. Noch immer werden Türen abgeschlossen, Informanten eingesetzt und Hoffnung in eine verallgemeinerte Prävention gesteckt, die in Fleisch und Blut aller Beteiligten übergeht. Die Polizeistatistik findet in erster Linie in der Verhinderung von Verkehrsunfällen Niederschlag, aber das neuere Phänomen des Predictive Policing zeigt, dass Polizeiarbeit längst schon mathematisch geworden ist.

Was wir mit Baudrillards Hilfe deutlicher erkennen ist aber, dass diese verschiedenen Formen der Prävention verschiedenen Zuschnitts sind, auch wenn sie unter den allgemein polizeilichen Anspruch fallen, „vor die Lage“ kommen zu wollen. Mit Hilfe seiner kleinen Präventionsmetaphorik hilft Baudrillard klarer zu erkennen, in welchem Präventionsbereich man sich gerade bewegt. Geht es um das Einbauen neuer Türschlösser, oder um die stochastische Erfassung einer potentiellen Tat? Je nachdem ist die Präventionsarbeit anders gestaltet und mit anderen Erfolgen gesegnet.

Es mag zwar stimmen, dass „there is no glory in prevention„, aber es stellt sich nach der Lektüre von Baudrillard immer auch die Frage, von welcher Prävention eigentlich genau die Rede ist.