Humanismus und das Heilige

Im Gespräch mit religiösen Menschen erleben säkulare Humanist*innen häufig, dass früher oder später der „immer-und-überall“-Joker gelöst wird. Es gäbe – so geht dieser Joker – kein Volk auf der Erde und es gäbe auch keine nennenswerte Weltepoche, in der die Menschen NICHT religiös gewesen seien. Und natürlich haben diese religiösen Menschen dann irgendwie Recht, aber wie das bei solchen Großargumenten häufig der Fall ist – natürlich haben Sie zugleich auch Unrecht.

Das liegt schon am zentralen Begriff „Religion“, der hier in die Irre führt. Karen Armstrong hat in ihrem Buch „A Case for God“ sehr vermittelnd beschrieben, wo das Problem liegt: wir können gar nicht davon ausgehen, dass die religiösen Emotionen, Erfahrungen oder gar Strukturen der Menschen von vor 40.000 Jahre, vor 10.000 Jahren oder vor 1000 Jahren jeweils die gleichen sind. Allein die Erfindung der Seele in der Achsenzeit markiert ja einen riesigen spirituellen Unterschied, hinter den es schwer fällt, denkerisch zurück zu fallen.

Welche (religiösen?) Emotionen die Neandertaler z.B. vor 176.000 Jahren dazu gebracht haben, in der Bruniquel-Höhle gut zwei Tonnen Stalagmiten und Stalagtiten kreisförmig aufzuschichten muss ihr Geheimnis bleiben. Wir wissen es bei aller Liebe nicht und können es nicht wissen. Wir wissen auch nicht, ob eine Schamanin, ein Priester, Imam oder Sannyasin die Bauarbeiten überwachte und wir haben nicht die leiseste Vorstellung davon, welche (religiösen?) Wahrheiten in diesem Zusammenhang verkündet wurden.

Es ließe sich also dem religiösen Gesprächspartner antworten, dass es – ja – seit jeher und überall Zeugnisse für religiöse Emotionen gegeben hat. Aber, so wird man ergänzen müssen, wir werden kaum jemals verstehen, welche Emotionen das genau sind und ob und wenn ja wie sie in ein Regelsystem gegossen wurden ganz im Sinne des arabischen Wortes für Religion din, das zugleich „Gesetz“ bedeutet.

Heilig statt Religion

Aber vielleicht ist es sowieso klüger, statt von Religion vom „Heiligen“ zu sprechen? Das Heilige nämlich – und das erstaunt jetzt vielleicht ein bisschen – ist säkularen Humanist*innen nämlich ganz und gar nicht fremd. Sie mögen noch so sehr von sich sagen, dass sie nicht religiös sind, aber dass sie das Heilige nicht kennen, kann eigentlich keine*r von sich behaupten. Zumindest, wenn man die Definition des evangelischen Theologen Rudolf Otto des Heiligen als furchteinflößendes (tremendum) und zugleich faszinierendes (fascinans) Mysterium zum Anschlag bringt.

Dieses wortlose Erstarren in einem geradezu heiligen Moment hat wohl jede*r schon einmal erlebt, die/der über beide Ohren verliebt war. „Wir fahren auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht“ kann nur jemand sagen, der die furchtbare wie zugleich fesselnde Erkenntnis gemacht hat, ohne den anderen nicht mehr sein zu wollen und zu können.

Heilig statt profan

Auch die Unterscheidung von profan und heilig, die der Soziologe Emile Durkheim ins Gespräch gebracht hat, dürfte Säkularen bekannt vorkommen. Durkheim behauptet, seit jeher hätten die Menschen die Sphären des Heiligen und des Profanen voneinander zu trennen gewusst. Diese Behauptung ist mindestens so steil wie die, Menschen seien immer religiös gewesen, aber für unsere Zwecke ist sie hier hilfreich. Wenn wir nämlich unterstellen, dass diese Zweiteilung eine Art menschlich-binärer Grundcodierung ist, dann gilt sie tatsächlich auch für säkulare Humanist*innen. Das zeigt sich nicht zuletzt an dem sehr umfangreichen Lebensfeierwesen, das die Bewegung seit jeher begleitet.

Seit 1852 finden z.B. Jugendweihen (oder wahlweise: Jugendfeiern) statt, bei denen ohne religiösen Bezug der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter gefeiert wird. Alle Beteiligten – die Jugendlichen genauso wie ihre Verwandten und Freunde –  markieren diesen besonderen Moment, indem sie sich schick machen, die Jugendlichen tragen häufig erstmals in ihrem Leben Schlips oder Kleid und dem gesamten Zeremoniell ist eine (jetzt sage ich es mal) heilige Ernsthaftigkeit anzumerken. Erwachsen werden die Kinder im profanen Leben auch von alleine, aber bei einer Jugendfeier geht es darum, eine nicht-profane Atmosphäre zu schaffen.

Zweck solch einer Übung ist zu verhindern, dass das Leben einfach nur so vorbeirauscht. Diese dem profanen Lebenslauf zeitlich und zeremoniell entrissenen Momente kann man durchaus als „heilig“ bezeichnen, auch wenn sie ganz und gar nicht religiös sind. Solche Momente gibt es auch im Privaten, wenn z.B. ein Geburtstag dem Alltag entrissen wird, indem schon zum Frühstück eine Tischdecke der Kakao- und Kaffeebefleckung ausgesetzt wird. Und wir kennen diese Momente im Kollektiv, wenn wir z.B. Partnern dabei zusehen, wenn sie zueinander „ja“ sagen.

In modernen Großgesellschaften sind Momente des Heiligen, an denen eine große Mehrheit der Menschen beteiligt ist selten geworden. Dennoch gibt es diese Momente auch heute. Wer z.B. einmal auf den Straßen einer israelischen Stadt erlebt hat, wie anlässlich des Jom ha’Schoah jede Bewegung für zwei Minuten eingefroren wird und Menschen da stehenbleiben, wo sie gerade stehen, der sieht, dass das Heilige auch in säkularen Gesellschaften seinen Platz hat.

Heilsame Distanz

Humanist*innen ist vieles heilig, von den Menschenrechten angefangen hin zum Überleben unserer Spezies im Raumschiff Erde. Aber eines können wir von den religiösen Erfahrungen mit dem Heiligen sicherlich lernen: heilig ist nicht gleichbedeutend mit moralisch richtig oder gar gut. Das zeigt der Begriff haram im Arabischen, der sowohl einen Sakralbau bezeichnet – einen heiligen Ort also, als auch religiös motivierte Verbote – also Tabus.

Etwas, das im islamischen Kontext haram ist, ist also eben gerade nicht gut, sondern dem Gläubigen wird davon abgeraten. Das Heilige kennt also nicht nur den Aspekt des nicht-Profanen, sondern auch dessen, von dem man sich fernzuhalten hat, um sich nicht unnötig selbst zu profanieren. In diesem Sinn ließe sich beispielsweise eine humanistische Distanz von antisemitischen Strömungen begründen.

Offen für das Heilige und nicht religiös

Religion mag für viele Menschen Kern und Auslöser des Heiligen sein und es sollte sich gezeigt haben, dass es gute Gründe gibt, das anzuerkennen und zu respektieren, denn auch säkularen Humanist*innen ist das Heilige nicht fremd. Es steht hierbei aber eher der einzelne Mensch und eine lebenswerte Gesellschaft im Mittelpunkt der Betrachtung. Säkularer Humanismus ist also zwar nicht religiös, aber manches ist ihm eben doch – heilig.

Achtung, Rationalitätsfalle! Säkularer Humanismus als Training in Schwindelfreiheit

In einem Interview in der Sendung „Tag für Tag“ des Deutschlandfunk warnte ich vor einer möglichen „Rationalitätsfalle“, in die Atheisten geraten könnten. Ich meinte damit, dass Atheisten verlockt sein können, dem Spirituellen, Sphärischen und Mystischen, das Religion so häufig begleitet eine kalte Rationalität gegenüber zu stellen, die scheinbar nur sich selbst genügt.

Leider war der Begriff „Rationalitätsfalle“ nicht besonders glücklich gewählt, denn er wird den in den Wirtschaftswissenschaften schon dazu benutzt, eine ungünstige Verschiebung zwischen individueller und struktureller Rationalität zu beschreiben: Was auf einzelwirtschaftlicher Ebene, ob beim privaten Haushalt oder beim Unternehmen, durchaus rational erscheinen mag, schlägt gesamtwirtschaftlich betrachtet negativ auf das ganze System zurück.

Weil das Wort also im Zusammenhang mit einer nicht-religiösen Weltanschauung nicht selbsterklärend ist, möchte ich an dieser Stelle noch einmal ein wenig ausholen und zu erklären versuchen, was gemeint ist, wenn ich von einer „Rationalitätsfalle“ für Atheisten spreche. Es geht mir letztlich darum, eine Weltanschauung zu denken, die ohne metaphysische Referenzpunkte auskommt.

Von „Religioten“ und „Rationalisten“

Es ist meines Erachtens ein Fehler, Religion mit dem Spirituellen, Sphärischen und Mystischen zu verwechseln und gleichzeitig ist es ein Fehler, Rationalität als Gegenstück zur Religion zu denken. Nicht religiös zu sein ist stattdessen vermutlich einfach deutlich anstrengender als es erscheinen möchte, wenn man  „Relgioten“ und „Rationalisten“ einander gegenüberstellt.

So leicht dürfen nicht-religiöse Menschen sich die Sache nicht machen und zwar aus mindestens zwei Gründen: einmal ist es religiösen Menschen gegenüber nicht fair, wenn man ihnen jegliche Rationalität abspricht (oder ihnen nur dahingehend Rationalität unterstellt, dass sie mit ihren Ritualen etc. lediglich betrügen wollen). Zum anderen schaden sich nicht-religiöse Menschen aber auch selbst, wenn sie sich einerseits die Türen zu jeglicher Art von Spiritualität zuschlagen und sich andererseits zu Sachwaltern „der Rationalität“ erklären.

Außerdem ist die Unterscheidung vollkommen unhistorisch. Wenn sie stimmen würde, dann wären schon vor langer Zeit viele Menschen auf die Idee gekommen, nicht religiös und stattdessen rational zu sein, was – welthistorisch betrachtet – nicht der Fall ist. Tatsächlich ist wohl eher Richard Dawkins Recht zu geben, wenn er in „The Blind Watchmaker“ schreibt:

„Although atheism might have been logically tenable before Darwin, Darwin made it possible to be an intellectually fulfilled atheist.“

Die Evolutionstheorie ist in der Tat das gedankliche Werkzeug, das eine immer wieder entstehende, sich entwickelnde Welt erkennen lässt. Ohne dieses Werkzeug kämen wir immer wieder dahin zurück, eine absichtlich gestaltende Macht hinter der realen Welt entdecken zu wollen. Aber selbst mit dem Werkzeug der Evolutionstheorie in der Hand neigen wir immer wieder dazu, das menschliche Maß anzulegen, wenn wir die Dinge der Natur befragen.

Rationalität ist eine Frage des Standpunktes

So ist z.B. die Frage, ob „Homosexualität natürlich“ ist, nur aus der Perspektive einer menschlichen Gesellschaft her sinnvoll, die auf der Existenz und Fortexistenz von Familien angewiesen ist. Mit Blick auf die lange Geschichte und Vielfalt des biologischen Lebens auf der Erde insgesamt ließe sich vielmehr die Frage stellen, ob Heterosexualität eigentlich der naturgegebene Normalfall ist.

Wenn „Rationalität“ also bedeutet, dass etwas „mit der Vernunft“ (lat. ratio) begriffen wird, dass müssen auch nicht-religiöse Menschen erkennen, dass ihre Rationalität an Referenzpunkte gebunden ist. Das wird umso deutlicher, je mehr wir das Wort „ratio“ in seine Herkunftsbestandteile zerlegen. Mit Blick auf das Verb „reor“ – (lat. „ich lege fest“) wird nämlich klar, dass auch eine rationale Behauptung auf der Basis vorher gesetzter Standpunkte erfolgt. Dass Heterosexualität der Normalfall ist, z.B. Nur wenn ich diesen Standpunkt einnehme kann ich „rational“ feststellen, dass die bei über 1500 Tierarten beobachtbare Homosexualität ein Ausnahmefall sein müsse. Eine im luftleeren Raum schwebende Rationalität gibt es also nicht.

Ein anderes Beispiel: Mein Vater konnte sich immer wieder über das „irrationale“ Verhalten von Fußballspielern nach einer Tor empören. Für diese ganze Jubelei verbrauchten die Spieler doch die Energie, die ihnen später im Spiel dann fehlte. Emile Durkheim hätte ihm wohl geantwortet, dass ein Tor sich aus dem profanen Spielgeschehen abhebt und schon allein deswegen gefeiert werden muss. Kein Torjubel wäre aus Durkheims Perspektive vermutlich vollkommen irrational. Wer von den beiden hat Recht?

Rationalität ist nutzgebundenes Denken

Der Kinderroman „Eine Woche voller Samstage“ von Paul Maar macht – vielleicht etwas kindisch, aber dafür immerhin leicht nachvollziehbar – deutlich, wie sehr Rationalität von Setzungen ausgeht: „Man muss nur logisch denken können – wie ein Privatdetektiv“, sagt Bruno Taschenbier hier. Und diese Logik sieht wie folgt aus: „Am Sonntag Sonne, am Montag Herr Mon, am Dienstag Dienst, am Mittwoch Wochenmitte, am Donnerstag Donner, am Freitag frei – und heute war Samstag. Am Samstag Sams! Das war’s!“

Und tatsächlich verfängt das „rationale“ Argument, das so unwahrscheinlich ist, in dieser einen Situation. Und weil sie sich als „tragfähig“ erwiesen hat, wird Bruno Taschenbier im zweiten Roman „Am Samstag kam das Sams zurück“ die von ihm entdeckte Rationalität abfeuern, um das Sams zu sich zurück zu rufen. Rational ist Herrn Taschenbiers Verhalten nur im Kontext des Romans. Dass seine Vermieterin ihn für verrückt erklärt kann eigentlich nicht wundern.

Im letzten Kapitel seines Romans „der Name der Rose“ führt Umberto Eco (ein wenig länglich vielleicht) aus, was für Folgen diese Erkenntnis in die relative Wirklichkeit von Rationalität hat. Diese Ausschweifungen enden mit folgendem, oft zitierten Satz, in dem Eco u.a. auch Ludwig Wittgenstein auf’s Korn nimmt:

„Die Ordnung, die unser Geist sich vorstellt, ist wie ein Netz oder eine Leiter, die er sich zusammenbastelt, um irgendwo hinaufzugelangen. Aber wenn er dann hinaufgelangt ist, muß er sie wegwerfen, denn es zeigt sich, daß sie zwar nützlich, aber unsinnig war. ‚Er muoz gelîchesame die leiter abewerfen, sô er an ir ufgestigen’ . . . Sagt man so?“

Was macht dann eine säkulare Weltanschauung aus?

Wenn der Unterschied zwischen Religion und nicht-religiöser Weltanschauung nicht in der Binärformel „irratonal/rational“ kodiert werden kann, dann stellt sich die Frage, was denn überhaupt das Wesentliche einer atheistischen Weltanschauung ausmachen kann. Dabei kennt vermutlich jeder, der eine Religion in Richtung des säkularen Humanismus verlassen hat „the sense of spiritual relief which comes from rejecting the idea of God as a supernatural being“, den Julian Huxley einst beschrieb. Wenn die Abwendung von der Religion einen solchen Seufzer der Erleichterung hervorbringen kann, dann muss es doch einen Unterschied zwischen Religion und Nicht-Religion geben.

Das wunderbare „Oxford Handbook of Atheism“ zeigt einen breiten Fächer an atheistischen Welt- und Werthaltungen auf und verweist dabei zurecht auch darauf, dass die westliche Perspektive auf Atheismus lange Zeit nur auf eine monotheistische Behauptung Bezug genommen hat, es gäbe einen wollenden und wirkenden Gott. Aus hinduistischer Perspektive z.B. wird die Sache schon komplizierter, wie Jessica Frazier ausführt:

„Indeed, the plurality of Hindu atheisms (…) prompts us to ask whether the term should imply ‚anti-theism’ a rejection only of theism, the belief of personal forms of divnity (…), or whether it is more brodly opposed to all notions of supernatural reality beyond the natural order? Or, by contrast with both, is ‚atheism’ essentially a term of sociological critique, opposed to the moral, social and institutional authority that religion often possess? Can there be a ‚religious atheism’ (…)? Or does an authentic atheism demand a value-neutral secular culture?“ (S. 366)

Ähnliche Fragen stellen sich mittlerweile auch einem Atheisten in Europa: Geht es um die Ablehnung der Idee eines persönlichen Gottes? Oder geht es darum, als ewig geltende Traditionen, wie sie moderne Faschisten gerne zu Markte tragen zu hinterfragen? Oder geht es nur um den Kampf gegen Institutionen, z.B. die Kirchen? Wie verhält es sich mit dem Spiritualität und der Esoterik?

Entscheidend scheint mir bei all dem zu sein, dass säkularer Humanismus bewusst auf einen stabilen Referenzpunkt in der Metaphysik verzichtet. Das allerdings ist nicht zum Nulltarif zu haben. Eher im Gegenteil setzt die Erkenntnis, dass es keine metaphysischen Referenzpunkte geben kann, ein Arbeitsprogramm in Gang, das aller „rationalen“ Trägheit entgegensteht. Francisco Varela führt dazu aus:

„Aus einer philosophischen und ethischen Perspektive muss jemand, der ohne Bezugspunkt leben muss – ohne Boden, mit dem Gefühl der Bodenlosigkeit – Lernprozesse in Gang setzen, um diese Situation zu bewältigen. Es reicht nicht aus, dies nur auszusprechen. Man muss sich wirklich umerziehen, um über das Bedürfnis, ein Fundament zu entdecken – sei es innen oder außen – hinauszuwachsen.“

Wenn Religion also eine Art Trainingsprogramm ist, wie der Apostel Paulus mehrfach nahegelegt hat (z.B. in 1. Korinther 9,25), dann ist säkularer Humanismus erst Recht ein solches Trainingsprogramm. Und zwar eines, das eine Art Schwindelfreiheit antrainiert. Denn wer sich im Bodenlosen bewegt, muss seine Standpunkte sorgfältig wählen. Und das gelingt nicht ohne Übung.

 

Sympathische Banden und die Profis. Einige Gedanken zum Weltanschauungsmarkt

Während in der Nachkriegszeit nahezu 97% der Deutschen Mitglied der einen oder der anderen Kirche waren, ist der größte religionsstatistische Block heute für „Konfessionsfreie“ reserviert. Diese Konfessionsfreien sind aber keine Einheit, sondern sie fallen durch eine irritierende Glaubensvielfalt auf: So glauben einer aktuellen Befragung zufolge 3% von ihnen an die Hölle, 18% an den Teufel, 20% an Gott, 25% an ein Leben nach dem Tod, 27% an Engel, 32% an eine unsterbliche Seele und 51% an Wunder.

Säkulare-humanistische Verbände bieten sich als Organisationsplattform für die Konfessionsfreien an, die sich auf einige Grundüberlegungen zum säkularen Humanismus einigen können. Sie glauben weitestgehend nicht an Wunder, haben oft ein szientistisches Welbild und betrachten religiöse Tradtiton vielleicht mit Wohlwollen, aber ungläubig.

Aber es ist unklar, für wen die Humanistischen Organisationen genau sprechen. Dass es diese Verbände überhaupt gibt, ist weitestgehend unbekannt und so ist kaum zu ermitteln, welche Reichweite sie in einer säkularen Community überhaupt haben können. Darin sind die säkular-humanistischen Verbände den islamischen Verbänden in Deutschland vergleichbar, die unter hiesigen Muslimen nur begrenzt bekannt sind.

Welche Chance diese säkular-humanistischen Verbände haben, Wirksamkeit (welcher Art auch immer) auf einem weltanschaulichen Markt zu entfalten ist eine Frage, der ich im folgenden Text nachgehen möchte.

Weltanschauung

So schön das Wort „Weltanschauung“ auch ist und so bewundernswert sein triumphaler Zug durch die Wörterbücher verschiedener Sprachen auch sein mag, so sehr macht der Begriff ein grundsätzliches Problem jedes Weltanschauungsverbandes deutlich: Weltanschauungsverbände können erst einmal nicht wesentlich mehr bieten als eben eine besonderes Anschauung der Welt, die von ihren Mitgliedern geteilt wird. Dass Menschen gemeinsam eine Weltanschauung teilen ist zwar auf den ersten Blick von einiger Bedeutung – Max Webers Religionssoziologie zeigt, wie sehr religiöse Weltanschauungen sich auf konkrete Lebensführungen niederschlagen. Aber zugleich zeigt sich, dass sich Weltanschauungen in einem Leben wandeln und somit als alleiniger Anlass für die Mitgliedschaft in einem Verband oft nicht ausreichen.

Wer nun vergleichend andere Weltanschauungsverbände schaut stellt fest, dass Glaubensüberzeugung eine wichtige Triebkraft ist, aber angesichts so vieler gescheiterter Religonsgründungsprojekte, die den Müllhaufen der Geschichte füllen muss man sich fragen, welche anderen Kräfte für den Erfolg eines Weltanschauungsverbandes noch verantwortlich gemacht werden können. Beim Blick auf das Christentum fällt da die Partnerschaft mit der staatlichen Macht ins Auge. Hier konnten Triebkräfte generiert werden, die die Mitgliedschaft in einem christlichen Weltanschauungsverband über Jahrhunderte nahelegten. Damit will gar nicht gesagt sein, dass die Mitgliedschaft in Kirchen Zwangsmitgliedschaft ist. Gesagt sein will aber, dass die ursprüngliche Akkumulation von Mitgliedern in Weltanschauungsverbänden nicht selten einer inhaltlichen Überzeugungsarbeit vorangegangen ist. Solche Zwangsmittel aber kann ein säkular-humanistischer Verband nicht nutzen und sollte sie auch nicht nutzen wollen.

Geld

Und natürlich spielt das Geld immer eine entscheidende Rolle. Das hat Max Weber bereits im Zusammenhang mit Parteien festgestellt: dass ihre Stärke nicht zuletzt auch mit der Fähigkeit in Verbindung steht, Posten und Mittel unter ihren engagierten Mitgliedern zu verteilen („Die Eroberung der Stellen des Verwaltungsstabes für ihre Mitglieder pflegt aber mindestens Nebenzweck, die sachlichen ‚Programme‘ nicht selten nur Mittel der Werbung der Außenstehenden als Teilnehmer zu sein“).

Man mag sich darüber empören, aber Geld ist nun einmal das Werkzeug, das reibungslose Ablaufsteuerung in modernen Großgesellschaften ermöglicht. Außerdem macht Geld es möglich, dass die Beschäftigung mit den für den Verband wichtigen Gegenständen auf professionelle Beine gestellt werden kann. Und nur Professionalisierung kann sicherstellen, dass angebotene Dienstleistungen des Verbandes auch in einer wünschenswerten Qualität vorgelegt werden können.

Professionalisierung ist darüber hinaus auch das Verbindungsglied zwischen dem, was man in der Soziologie Mikro- und Makro Ebene nennt. Die Mikrosoziologie widmet sich den sozialen Beziehungen zwischen konkret benennbaren Menschen. Makrosoziologie untersucht die Strukturen in großen sozialen Gebilden. „Zum Unterschied von Gruppen auf der Mikroebene, wo sich das Handeln auf einzelne Akteure bezieht, entsprechen der Makroebene jene Gebilde, die einen stabilen und institutionalisierten Rahmen“ aufweisen heißt es dazu auf soziologieheute.

Profession und professionelles Handeln sind dabei auf der Makroebene zu finden. Sie bietet die Möglichkeit, mit Hilfe nicht zuletzt von Geld institutionalisierte Rahmungen aufzubauen, die die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gegebenheiten der einen Verband umgebenden Wirklichkeit spiegeln – und zwar so, dass diese Wirklichkeit mit dem Verband interagiert.

Nun mag man diese Unterscheidung von Mikro- und Makroebene für künstlich halten, aber sie zeigt doch auf, was ein Weltanschauungsverband, der professionell arbeitet, erreichen kann: Er kann Menschen zusammenführen, die eine Weltanschauung teilen und ihnen eine eigene Struktur geben, die sich in Satzungen, Sitzungen und Ordnungen äußert. Durch diese strukturierte Arbeit an ihrer Weltanschauung entsteht ein höheres „generalisiertes Vertrauen“ – eine bedeutsame soziale Ressource, die über das Vertrauen in der Mikro-Ebene weit hinaus geht.

Der Verband kann dadurch deutlich mehr Verbindlichkeit zwischen seinen Mitgliedern herstellen, als losere themenbezogene Strukturen oder Freundeskreise (also das, was der französische Philosoph Bernhard-Henri Lévy einmal die „sympathische Bande“ genannt hat). Eine solche sympathische Bande ist ein weitestgehend unstrukturierter Betrieb mit hohen Fliehkräften, der aber auch tatsächlich sehr sympathisch daherkommen kann. Das hat auch damit zu tun, dass ihre Aktivisten ihren Aufgaben aus Leidenschaft für die Sache (und nicht für Geld) nachkommen.

Eine Garantie auf Professionalität kann eine sympathsiche Bande aber nicht geben. Das kann nur der Verband. Denn er ist professionell.

Markt

Der Verband kann Dienstleistungen anbieten, die für die Weltanschauung typisch sind – im Falle säkular-humanistischer Verbände sind das häufig Lebensfeiern.

Das ist dann auch der Markt, auf dem sich Verband und Sympathisanten begegnen. Dieser Markt ist deutlich größer als das Mitgliedsspektrum eines Verbandes. Es war eben schon von den Muslimverbänden die Rede. Schätzungen zufolge vertreten sie vielleicht ein Viertel der in Deutschland lebenden Muslime. Dennoch begegnen sich auch in diesem weltanschaulichen Feld Verbände und einzelne Muslime sicherlich häufiger – z.B. im Zusammenhang mit rituellen Anlässen, die von diesen Verbänden organisiert werden oder die ohne die strukturelle Vorarbeit der Verbände (Engagement für die Einrichtung muslimischer Friedhöfe, Bau von Moscheen etc.) gar nicht möglich wären.

Am Beispiel der Muslimverbände zeigt sich auch, dass es keine fließenden Übergänge von der Mikro- zur Makroebene gibt. Die Forderung nach einer Strukturierung der Moscheeverbände äquivalent zu den Kirchen lehnen die Muslimverbände deswegen regelmäßig ab – auch weil die über Jahrhunderte gepflegte automatische Mitgliedschaft in einer Großstruktur im Falle der Kirchen im Grunde einzigartig ist und derzeit rasant an Wirklichkeitsbeschreibung einbüßt. „Jeden Tag verlassen so viele Menschen die beiden Kirchen wie in einen Intercity-Express reinpassen“, stellt Lale Akgün zutreffend fest – der Weltanschauungsmarkt und seine Struktur verändert sich zur Zeit massiv.

Der säkular-humanistische Verband und unorganisierte säkulare Humanisten begegnen sich auf einem Markt, auf dem verbandsübliche Angebote nachgefragt werden. Im Zusammenhang mit Lebensfeiern zeigt sich, dass in den Verbänden Professionalisierungsbestrebung und sympathisches Engagement miteinander in Konflikt stehen. Solange die Dienstleistung (z.B. die Vorbereitung und Durchführung einer JugendFeier, einer Hochzeitsrede, etc.) nämlich in der Freizeit der Anbieter durchgeführt wird, muss sie bis zu einem bestimmten Niveau un-professionell bleiben. Andererseits ist sie „authentisch“ und fraglos mit viel Liebe und Engagement dargereicht.

Die Erwartung der „Kundschaft“ sind aber regelmäßig andere – so dass Enttäuschungen auf der einen wie auf der anderen Seite nicht ausbleiben können. Zudem ergeben sich durch die Begegnungen auf dem Markt selten genug langfristige Bindungen – das aber ist ein Ziel der Verbandsmitglieder. Hier bietet sich Platz für wachsenden Zynismus oder für Enttäuschung (oder beides gleichzeitig) auf Seiten der sympathischen Anbieter.

Was tun?

Die gute Nachricht zuerst: es gibt Menschen, die sich in säkular-humanistischen Verbänden organisieren, weil sie ein über das Niveau der „sympathischen Bande“ hinausgehendes Organisationsniveau erreichen wollen. Die individuellen Beweggründe sind dabei naturgemäß sehr breit gestreut, ich z.B. bin auch deswegen verbandlich gebundener Humanist, weil säkulare Humanisten in anderen Weltregionen existentiell bedroht sind.

Wie auch immer sich eine Mitgliedschaft bei einem Verband begründet: es bleibt festzuhalten, dass die Mitglieder Beiträge zahlen, die Mitgliedszeitung lesen, sich in Verbandsgremien engagieren und / oder die Verbandsregeln für sich als verbindlich anerkennen. Darüber hinaus gibt es einen recht umfangeichen Markt: „Organised Humanism is the tip of a very large iceberg“, schreibt Humanists UK dazu.

Fraglich ist aber, wie mit diesem Personenpotential umgegangen werden kann. Die säkular-humanistischen Verbände stecken hier m.E. in dem, was ich die „Dienstleistungsfalle“ nenne: einerseits werden sie als Dienstleister für bestimmte Services in Anspruch genommen, andererseits wollen sie sich eigentlich eher als Weltanschauungsgemeinschaften orgsanisieren, in denen sich sympathische Banden bilden können.

Wie aber kommen säkulare Humanistinnen und Humanisten und säkular-humanistische Verbände zusammen, wenn sich nicht erkennen lässt, wie eine Professionalisierung der Arbeit zu bezahlen wäre? Und was können die Mitglieder säkular-humanistischer Verbände tun? Auf längere Sicht haben sie entweder die Chance, zu Geld zu kommen oder sie bleiben lokale „sympathische Banden“, deren Mitglieder nach bestem Wissen und Gewissen ihrem Engagement nachgehen.

Der dritte Weg, Mitgliedschaften zu generieren, um dadurch an Einfluss und Schlagkraft zu gewinnen, bleibt erfolglos. Vermutlich ist ihm in Zeiten webbasierter Echokammern einfach kein Erfolg beschieden. Im Internetzeitalter erweist es sich als überaus einfach, Mobs anzuzetteln und emotionale Empörungsstürme loszutreten. Dauerhaftes Engagement fördert das nicht.

Aber vielleicht steckt in dieser ernüchternden Nachricht auch ein Funke Hoffnung. Wenn nämlich klar wird, dass sich die Mitgliedsbasis in nächster Zeit nicht dramatisch erweitern wird, dass Professionalisierung Geld kostet und „sympathische Banden“ nur selten etwas auf der Makro-Ebene ausrichten können, dann können sich alle Beteiligten in Ruhe und Besonnenheit auf ihr Engagement konzentrieren. Der säkulare Humanismus kann so im Stillen Erfahrungen sammeln, die er sicherlich eines Tages einmal brauchen wird.

Denn in einer Welt, in der religiöse Überzeugungen an Wert und Bedeutung verlieren und galoppierende Emotionen von radikalen Bewegungen gebündelt werden, ist eine säkulare Weltanschauung, die sich der positiven Lebensgestaltung widmet auf jeden Fall wichtig. Unsere Zeit kommt noch.

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