Ein Wiki wäre noch besser gewesen. Rezension zu: The Good Book. A Secular Bible von A.C. Grayling (2016)

Heilige Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie Textsammlungen sind, die immer wieder im Verlauf ihrer Geschichte redaktionellen Straffungen unterworfen wurden. Mitunter fallen diese Redaktionen dann auf, wenn sie zu logischen Brüchen oder inhaltlichen Kompromissen führen. Da sich z.B. die Redakteure des alten Testaments nicht einig werden konnten, wie genau Gott die Welt geschaffen hat, finden wir zwei konkurrierende Schöpfungsmythen in der Bibel vor. Dass das Thomas-Evangelium nicht im Neuen Testament zu finden ist war eine redaktionelle Entscheidung, die der Popularität des Textes keinen Abbruch tun konnte. Selbst der Koran liegt in redigierter Fassung vor, zumindest, was die Aufführung der Suren ihrer Länge nach angeht.

Grayling muss sich gesagt haben, dass es doch noch genug andere bronzezeitliche, antike und spätantike Texte gibt, die man ernst nehmen und sich von ihnen zur Meditation anregen lassen kann. Warum sollten nicht auch sie durch redaktionelle Zusammenfügung zu einem „guten Buch“ vereint werden? Und diese Idee leuchtet mir ein und ich finde das Ergebnis sehr schön. Grayling fusioniert mehrere hundert verschiedene Quellen aus verschiedenen Epochen und Kulturzusammenhängen und schafft damit etwas, was man durchaus einen heiligen Text der Säkularen nennen kann, (wie es Grayling auch tut). Hier werden Weistümer, Geschichte(n), Erfahrungen und Überlegungen über das gute Leben ähnlich wie in der Bibel redaktionell zusammengetragen.

Es ist (zurecht) mokiert worden, dass Grayling damit die echte Bibel nachäfft. Es sei dem Projekt deswegen auch kein Erfolg beschieden. Aber das ist unhistorisch gedacht. Auch das Buch Mormon imitiert die Bibel sprachlich und doch war bei der Präsidentschaftswahl 2008 in den USA einer der Kandidaten Mormone.

Was mich an dem Buch ein wenig zögern lässt, es in Bausch und Bogen zu loben ist die Rolle, die sich Grayling als Redakteur zuschreibt. Ich denke, dass es besser in unsere Zeit gepasst hätte, wenn er seinen Entwurf als Wiki angelegt hätte, der über die Jahre von anderen säkularen Denkern und Dichtern hätte redaktionell weitergeführt werden können. So wäre eine moderne Bibel des Humanismus entstanden, die nicht nur in die Geschichte, sondern auch in die Zukunft blickt.