Humanismus und das Heilige

Im Gespräch mit religiösen Menschen erleben säkulare Humanist*innen häufig, dass früher oder später der „immer-und-überall“-Joker gelöst wird. Es gäbe – so geht dieser Joker – kein Volk auf der Erde und es gäbe auch keine nennenswerte Weltepoche, in der die Menschen NICHT religiös gewesen seien. Und natürlich haben diese religiösen Menschen dann irgendwie Recht, aber wie das bei solchen Großargumenten häufig der Fall ist – natürlich haben Sie zugleich auch Unrecht.

Das liegt schon am zentralen Begriff „Religion“, der hier in die Irre führt. Karen Armstrong hat in ihrem Buch „A Case for God“ sehr vermittelnd beschrieben, wo das Problem liegt: wir können gar nicht davon ausgehen, dass die religiösen Emotionen, Erfahrungen oder gar Strukturen der Menschen von vor 40.000 Jahre, vor 10.000 Jahren oder vor 1000 Jahren jeweils die gleichen sind. Allein die Erfindung der Seele in der Achsenzeit markiert ja einen riesigen spirituellen Unterschied, hinter den es schwer fällt, denkerisch zurück zu fallen.

Welche (religiösen?) Emotionen die Neandertaler z.B. vor 176.000 Jahren dazu gebracht haben, in der Bruniquel-Höhle gut zwei Tonnen Stalagmiten und Stalagtiten kreisförmig aufzuschichten muss ihr Geheimnis bleiben. Wir wissen es bei aller Liebe nicht und können es nicht wissen. Wir wissen auch nicht, ob eine Schamanin, ein Priester, Imam oder Sannyasin die Bauarbeiten überwachte und wir haben nicht die leiseste Vorstellung davon, welche (religiösen?) Wahrheiten in diesem Zusammenhang verkündet wurden.

Es ließe sich also dem religiösen Gesprächspartner antworten, dass es – ja – seit jeher und überall Zeugnisse für religiöse Emotionen gegeben hat. Aber, so wird man ergänzen müssen, wir werden kaum jemals verstehen, welche Emotionen das genau sind und ob und wenn ja wie sie in ein Regelsystem gegossen wurden ganz im Sinne des arabischen Wortes für Religion din, das zugleich „Gesetz“ bedeutet.

Heilig statt Religion

Aber vielleicht ist es sowieso klüger, statt von Religion vom „Heiligen“ zu sprechen? Das Heilige nämlich – und das erstaunt jetzt vielleicht ein bisschen – ist säkularen Humanist*innen nämlich ganz und gar nicht fremd. Sie mögen noch so sehr von sich sagen, dass sie nicht religiös sind, aber dass sie das Heilige nicht kennen, kann eigentlich keine*r von sich behaupten. Zumindest, wenn man die Definition des evangelischen Theologen Rudolf Otto des Heiligen als furchteinflößendes (tremendum) und zugleich faszinierendes (fascinans) Mysterium zum Anschlag bringt.

Dieses wortlose Erstarren in einem geradezu heiligen Moment hat wohl jede*r schon einmal erlebt, die/der über beide Ohren verliebt war. „Wir fahren auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht“ kann nur jemand sagen, der die furchtbare wie zugleich fesselnde Erkenntnis gemacht hat, ohne den anderen nicht mehr sein zu wollen und zu können.

Heilig statt profan

Auch die Unterscheidung von profan und heilig, die der Soziologe Emile Durkheim ins Gespräch gebracht hat, dürfte Säkularen bekannt vorkommen. Durkheim behauptet, seit jeher hätten die Menschen die Sphären des Heiligen und des Profanen voneinander zu trennen gewusst. Diese Behauptung ist mindestens so steil wie die, Menschen seien immer religiös gewesen, aber für unsere Zwecke ist sie hier hilfreich. Wenn wir nämlich unterstellen, dass diese Zweiteilung eine Art menschlich-binärer Grundcodierung ist, dann gilt sie tatsächlich auch für säkulare Humanist*innen. Das zeigt sich nicht zuletzt an dem sehr umfangreichen Lebensfeierwesen, das die Bewegung seit jeher begleitet.

Seit 1852 finden z.B. Jugendweihen (oder wahlweise: Jugendfeiern) statt, bei denen ohne religiösen Bezug der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter gefeiert wird. Alle Beteiligten – die Jugendlichen genauso wie ihre Verwandten und Freunde –  markieren diesen besonderen Moment, indem sie sich schick machen, die Jugendlichen tragen häufig erstmals in ihrem Leben Schlips oder Kleid und dem gesamten Zeremoniell ist eine (jetzt sage ich es mal) heilige Ernsthaftigkeit anzumerken. Erwachsen werden die Kinder im profanen Leben auch von alleine, aber bei einer Jugendfeier geht es darum, eine nicht-profane Atmosphäre zu schaffen.

Zweck solch einer Übung ist zu verhindern, dass das Leben einfach nur so vorbeirauscht. Diese dem profanen Lebenslauf zeitlich und zeremoniell entrissenen Momente kann man durchaus als „heilig“ bezeichnen, auch wenn sie ganz und gar nicht religiös sind. Solche Momente gibt es auch im Privaten, wenn z.B. ein Geburtstag dem Alltag entrissen wird, indem schon zum Frühstück eine Tischdecke der Kakao- und Kaffeebefleckung ausgesetzt wird. Und wir kennen diese Momente im Kollektiv, wenn wir z.B. Partnern dabei zusehen, wenn sie zueinander „ja“ sagen.

In modernen Großgesellschaften sind Momente des Heiligen, an denen eine große Mehrheit der Menschen beteiligt ist selten geworden. Dennoch gibt es diese Momente auch heute. Wer z.B. einmal auf den Straßen einer israelischen Stadt erlebt hat, wie anlässlich des Jom ha’Schoah jede Bewegung für zwei Minuten eingefroren wird und Menschen da stehenbleiben, wo sie gerade stehen, der sieht, dass das Heilige auch in säkularen Gesellschaften seinen Platz hat.

Heilsame Distanz

Humanist*innen ist vieles heilig, von den Menschenrechten angefangen hin zum Überleben unserer Spezies im Raumschiff Erde. Aber eines können wir von den religiösen Erfahrungen mit dem Heiligen sicherlich lernen: heilig ist nicht gleichbedeutend mit moralisch richtig oder gar gut. Das zeigt der Begriff haram im Arabischen, der sowohl einen Sakralbau bezeichnet – einen heiligen Ort also, als auch religiös motivierte Verbote – also Tabus.

Etwas, das im islamischen Kontext haram ist, ist also eben gerade nicht gut, sondern dem Gläubigen wird davon abgeraten. Das Heilige kennt also nicht nur den Aspekt des nicht-Profanen, sondern auch dessen, von dem man sich fernzuhalten hat, um sich nicht unnötig selbst zu profanieren. In diesem Sinn ließe sich beispielsweise eine humanistische Distanz von antisemitischen Strömungen begründen.

Offen für das Heilige und nicht religiös

Religion mag für viele Menschen Kern und Auslöser des Heiligen sein und es sollte sich gezeigt haben, dass es gute Gründe gibt, das anzuerkennen und zu respektieren, denn auch säkularen Humanist*innen ist das Heilige nicht fremd. Es steht hierbei aber eher der einzelne Mensch und eine lebenswerte Gesellschaft im Mittelpunkt der Betrachtung. Säkularer Humanismus ist also zwar nicht religiös, aber manches ist ihm eben doch – heilig.

Steinmeditationen

„A rolling stone gathers no moss,“ sagt ein uraltes englisches Sprichwort. Es zeigt, dass wir von Steinen einiges lernen können: das Stillhalten z.B., das einfach nur Daliegen und das Zuwarten auf was immer da kommt. Die „Rolling Stones“ sahen sich für einen solchen Lebenswandel als zu zappelig an – daher die Namenswahl.

Steine sind in der Tat auf den ersten Blick Meister im Stillhalten. Es gibt kaum etwas, was wir uns als haltbarer, dauerhafter und träger vorstellen als einen Stein. Wenn man „schläft wie ein Stein“, rührt man sich nicht von der Stelle. Und wer „Stein auf Bein“ schwört, ist in seiner Haltung unverrückbar.

Aber wenn man sich einen Stein lang genug anschaut, zeigt sich ein anderes Bild.

Ein Stein liegt zum Beispiel am Strand, angespült von der Brandung, die schon wieder an ihm zerrt und ihn in den kommenden Tagen und Wochen unweigerlich ins Wasser zurückziehen wird. Seine Form ist rundlich, fast möchte es scheinen, er sei dafür gemacht, sich in eine Hand zu schmiegen. Seine Oberfläche ist glatt und geschmeidig, doch auch immer wieder von kleinen Löchlein übersäht. Diesen Zustand hat der Stein einem vermutlich schon seit Jahren dauernden Schleifprozess zu verdanken, in dem er immer und immer wieder von der Brandung über den rauen Sandstrand geschubst wurde – hin und her. Er kugelt den Strand herauf, er kugelt den Stand herunter – und nimmt dabei zunehmend die Form eines merkwürdigen Balles an. Was für eine unfassbare Geduld, Zeit und Ausdauer an diesem Stein zu Werke waren!

Doch bevor er der Stein wurde, den wir nun in der Hand halten war er vielleicht ein Teil eines Sedimentsgefüges. Das erkennen wir an den feinen Strichen, aus denen er geformt ist. Diese Striche sind Ablagerungen eines Strandes, den es vor mehreren Millionen Jahren einmal gab, als die Erde noch nicht einmal ahnte, dass es einmal eine Tiergattung geben würde, nach der ein ganzes Erdzeitalter benannt werden würde. Dinosaurier sind über solche Strände spaziert – ab und an haben sie ihre Fußstapfen hinterlassen, die wir uns bis heute ansehen können. Jahr für Jahr haben sich in den Lagunen dieser Küsten Sandschichten abgelagert. Eine Sandschicht. Noch eine. Noch eine. Und noch eine. Bis mehrere tausend dieser Sandschichten übereinander lagen und der Druck, den sie aufeinander ausgeübt haben sie zu einem zusammenhängenden Gestein gepresst haben.

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Manche Steine haben aber noch größere Abenteuer erlebt. Als magmatisches Gestein sind sie durch den Schlot einer Vulkankraters gepresst worden, oder waren zumindest in dessen Magmakammer so heiß, dass sie als flüssiges Gestein dort hin und her waberten. Je nachdem, mit welcher Geschwindigkeit sie abkühlten bildeten sich verschiedene Gesteine. Vom körnigen Bims bis zum glasigen Obsidian ist hier alles mit dabei.

Auch solche Steine können natürlich von Urzeitmeeren an Urzeitstränden zu Sand zermalmt werden. Die feinen Sedimentstriche, die wir auf dem schönen Stein auf unserer Hand beobachten können also magmatische Sände sein, die sich zu Sedimenten übereinandergelegt haben – so dass ein Sedimentgestein vermutlich magmatische Vorfahren hat.

Besonders anrührend sind Steine, die während einer Eiszeit zusammengepresst wurden. Man kann sich die fantastischen Kräfte kaum vorstellen, die mehrere Kilometer hohe Gletscher auf Stein ausüben können. Sie zermalmen und pressen in mehrfachen Reprisen, was sich ihnen in den Weg legt. Sie schieben die Gesteinspampe ein wenig mit sich, legen sie beim intermediären Schmelzen irgendwo ab, nehmen sie in Kaltphasen wieder auf, kratzen mit ihr über den Boden und pflügen im großen Stil ganze Landschaften um. Einen Konglomeratstein aus solch einer Eiszeit in der Hand zu halten macht demütig und löst ein Gefühl der Brüderlichkeit aus: wie mag es den wenigen Homo Sapiens wohl gegangen sein, die es bei der letzten großen Eiszeit vor 35.000 Jahren schon gab? Wie ist wohl ein menschliches Leben in einer solchen Welt, in der Schnee und Eis mit solch einer Wucht in das Leben der Landschaften, Tiere und Menschen eingreifen?

Ein Stein – vielleicht mehrere zehntausend Jahre jung, vielleicht aber auch mehrere Millionen Jahre alt – liegt also in meiner Hand. Wenn ich Glück habe, werde ich 100 Jahre alt. Da wird es diesen Stein noch geben. Und noch lange danach.

Doch auch er wird sich ändern, wird durch Wind, Wasser, Hitze, Kälte, andere Steine und viel viel Zeit immer wieder anders aussehen. Er wird Stein bleiben und zugleich nie der gleiche Stein sein, den ich jetzt in der Hand halte. Auch wenn es bei ihm viel länger dauert als bei mir: auch er verändert sich, passt sich seiner Umwelt an, wird durch die Lebensumstände seiner Zeit geprägt, zermalmt, zersetzt und aufgerichtet.

Ich mag vielleicht Gefühle haben, Augen, um zu sehen und eine Sprache, die es mir erlaubt, meine Gefühle zu beschreiben. Aber angesichts dieses Abenteuers, das der Stein in meiner Hand hinter sich hat und das ihm noch bevorsteht, gibt es keinen Anlass für Überheblichkeit. Ich war noch nie Zeitgenosse eines Dinosauriers, bin noch nie durch tektonische Verschiebungen unter die Lithosphäre gedrückt worden und bin dort geschmolzen, wurde nie durch einen Vulkanschlot gepresst und habe mich nie als Sediment in aller Ruhe, Schicht nach Schicht irgendwo abgelagert. Zwar haben meine Vorfahren auch eine Eiszeit mitgemacht, aber ich selbst wurde nie zerdrückt und mit anderem Gestein zu einem Felsen eigener Art zusammengepresst.

Und doch ist mir das alles nicht gänzlich fremd. Einige der Geschichten, die ich in der Lehre erzähle müssen auf meine Studenten in der Tat so wirken, als hätte ich zur Zeit der Dinosaurier gelebt. Tektonische Verschiebungen kenne ich auch, z.B. gerade in diesem Augenblick, wo im britischen Unterhaus über den Brexit abgestimmt wird. Mir sind einige Sachen in meinem Leben so peinlich, dass mir so heiß wird wie in einem Vulkan und das sedimentartige Zur-Ruhe kommen kenne ich aus jedem Urlaub. Und dass ich mit anderen Menschen zu einer ganz eigenständigen Körperschaft zusammengepresst bin nennt man seit jeher in der Soziologie: Gesellschaft.

Sind Steine also letztlich das Selbe wie ich, nur langsamer? Auf die Idee könnte man kommen. Eines sind Steine aber auf jeden Fall: eine wunderschöne Anregung zur Mediation über sich, das Leben, den dazu gehörenden Wandel und die Zeit. Wer sich die Ruhe gönnt, Steine so anzusehen setzt vielleicht kein Moos an. Aber er bekommt die Gelegenheit zu einer gelungenen Meditation. Wie kann man angesichts eines Steines nicht ins Meditieren geraten?

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