Ist Schlumpfhausen ein Staat? Zur Politologie eines gezeichneten Gemeinwesens

Vor einigen Jahren legte der französische Essayist Antoine Buéno (2011) eine politisch-kritische Analyse der Gesellschaft der Schlümpfe vor. Hier ging er u.a. der Frage nach, ob die Schlümpfe einem totalitären Gesellschaftsbegriff verfangen seien, ob ihr Kampf gegen Gargamel und namentlich gegen Azraël antisemitisch motiviert sei und ob ihr Kollektivismus eher faschistischer oder stalinistischer Prägung sei.

Solche Fragen an einen Comic heranzutragen ist gelinde gesagt komisch. Comics reduzieren die Komplexität der Welt auf wenige Orte, Personen und Geschehnisse. Dass auch totalitäre Systeme die Wirklichkeit zu ihren Gunsten verdrehen (Orwell 1999) ist keine Schuld der Comicgesellschaften. Ob die Schlümpfe also Nazis, Stalinisten oder Demokraten sind ist eine Frage, die sich nicht wirklich stellt. Spannender aber ist die (gerade wieder aktuelle) Frage, ob das Gemeinwesen der Schlümpfe als Staat bezeichnet werden könnte.

Was würde die Politikwissenschaft sagen?

Eine naive Politikwissenschaft müsste diese Frage positiv beantworten, denn gemäß der berühmten Drei-Elemente-Theorie des Staatsrechtlers Georg Jellinek ist Schlumpfhausen eindeutig ein Staat. Jellinek zufolge braucht ein Statt nämlich ein Staatsvolk (die Schlümpfe), ein Staatsgebiet (Schlumpfhausen) und eine Staatsgewalt (Papa Schlumpf). Doch hinterlässt diese Analyse Zweifel: ist es damit tatsächlich getan?

Die von Wolfgang Reinhard (2007) vorgeschlagenen zusätzlichen Elemente des Staates könnten helfen, hier weiter zu kommen. Demzufolge besteht ein Staat neben den genannten drei Elementen aus 4.) einem Gewaltmonopol nach innen, 5.) einem Gewaltmonopol nach außen, 6.) einer Rechts- und Verfassungsordnung. Zusätzlich dazu seien moderne Staaten 7.) Nationalstaaten und 8.) Demokratien.

Wenn wir davon ausgehen wollen, dass Papa Schlumpf das legitime Gewaltmonopol nach innen ausübt und der zähe Verteidigungskampf gegen Gargamel das äußere Gewaltmonopol unterstreicht, so sehen wir schon wieder einige der fraglichen Punkte erfüllt. Das Rechtssystem der Schlümpfe könnte man als Gewohnheitsrechtsordnung beschreiben, was sicherlich kaum die Voraussetzungen eines modernen Rechtsstaates erfüllt, aber zumindest dem Ideal nach eine Art volonté générale der Schlumpfheit wiederspiegelt (Grutzpalk 2012). Antoine Buéno kommt uns bei der Beantwortung der Frage zu Hilfe, ob Schlumpfhausen ein Nationalstaat sei – wenn man denn im Hang zur rassistischen Stereotypisierung als Beleg für einen hyperventilierenden Nationalismus erkennen möchte (vgl. das Kapitel un monde raciste bei Buéno (2011)). Und ob Schlumpfhausen eine Demokratie ist, wäre wohl spätestens seit solch kreativen Wortschöpfungen wie gelenkte Demokratie ohnehin in einer breiteren Debatte über die „Schlumpfokratie“ zu klären.

Geschichtsloses Schlumpfhausen

Sollte das Ergebnis einer solchen Untersuchung also letztlich sein, dass es sich bei Schlumpfhausen tatsächlich um einen Staat handelt? Das ist wenig befriedigend und auch nicht realistisch. Aber woran erkennen wir denn die Realität eines Staates?

Schon die Tatsache, dass Comics zwar Geschichten erzählen, aber über keine Geschichte (im historischen Sinne) verfügen, sollte hier aufhorchen lassen. Was in Comics passiert, findet so gut wie nie Eingang in das kollektive Gedächtnis der Comicfiguren. Jede Story beginnt im Grunde in historischem Neuland. Comicgesellschaften brauchen also keine großen Erzählungen, in denen sie sich von sich selbst berichten. Menschliche Gesellschaften schon, wie Jean Baudrillard (1978; S. 21) feststellt: „Wir benötigen eine sichtbare Vergangenheit, ein sichtbares Kontinuum, einen sichtbaren Ursprungsmythos, der uns über die Erde beruhigt.“

Und nicht nur wir auch der Staat braucht das. Wie wir zur Zeit in der Ukraine beobachten können, werden bei der (Be-)Gründung von Staat Geschichten darüber erzählt, wie es immer schon gewesen sei und warum das für immer so bleiben müsse. Wenn Vladimir Putin sagt: „Die Ukraine gibt es überhaupt nicht, einen solchen Staat gab es auch nie. Das ist ein scheiternder Staat, der zur Hälfte ohnehin aus ur-russischem Territorium besteht“, dann erzählt er eine Geschichte.

Wichtig ist nie, ob so eine Staatsgeschichte historisch richtig ist – wichtig ist, dass sie gehört wird. Ein Staat entsteht dann, wenn es ein zwischenstaatliches Publikum gibt, das die Geschichte hört, versteht und für richtig hält. Völkerrechtlich nennt man das dann eine Anerkennung. Damit ist letztlich gesagt, dass Staaten sich gegenseitig die Geschichten abnehmen, die sie sich über sich selbst erzählen. Schlumpfhausen wäre also so gesehen dann ein Staat, wenn seine Fahne vor einem Gebäude der Vereinten Nationen wehen würde.

Da aber noch nicht einmal andere Comicimperien wie das gallische Dorf (wie heißt das eigentlich?) oder Entenhausen Schlumpfhausen anerkannt haben muss es am Ende heißen: Schlumpfhausen ist kein Staat und wird es auch nie werden.

Literatur:

Baudrillard, Jean (1978): Agonie des Realen; Berlin
Buéno, Antoine (2011): Le petit livre bleu. Analyse critique et politique de la société des schtroumpfs; Paris

Grutzpalk, Jonas (2012): Das Gewaltmonopol des Staates. Online veröffentlicht unter http://www.bpb.de/politik/Innenpolitik/innere-sicherheit/125721/das-gewaltmonopol-des-staates?p=all

Orwell, George (1999): 1984; Berlin

Reinhard, Wolfgang (2007): Geschichte des modernen Staates. Von den Anfängen bis zur Gegenwart; München