Diversity am Horizont. Warum Unterschiede und Demokratie zusammengehören

Wenn alle Menschen „von Geburt an über die gleichen, unveräußerlichen Rechte und Grundfreiheiten“ verfügen, dann können alle Menschen – jede*r – für sich in Anspruch nehmen, den anderen vor dem Recht gleich zu sein. Und genau dieses Gleichheitspostulat schafft die Grundlage für Identitätspolitiken unterschiedlichster Art. Diese Erkenntnis ist nicht neu.

In Deutschland waren es in der Weimarer Republik zuerst die nationalen Minderheiten, die im Lichte der demokratischen Neukonstellation des Staates sichtbar wurden. Was im Ancien Régime  unerkannt geblieben war, wurde nun auf einmal zu einem nationalen Problem:

„Im Gedankensystem des Staatsrechts erscheint das Nationalitätenproblem als ein Problem der Demokratie. Es ist historisch entstanden und konnte erst entstehen mit dem Eindringen des demokratischen Prinzips in das Staatssystem. Im absoluten Fürstenstaat war die Nationalität eine ganz unerhebliche Angelegenheit. Denn die Gesamtheit der auf dem Staatsgebiet wohnenden Menschen, die Untertanenschaft, war nur ein Gegenstand der Bewirtschaftung für die Staatsgewalt. Die fremdnationalen Teile der Untertanenschaft mochten gelegentlich benachteiligt sein. Das war dann nur die Folge irgendwelcher Erwägungen ökonomischer Politik. Sie waren sehr oft aus demselben Grunde auch bevorzugt gegenüber den anderen Untertanen, man denke nur an die französische Kolonie in Berlin. Sie waren beides nicht als Nationalität, sondern nur als Ziffern in der Tabelle der Wirtschaftspolizei wie jede andere dazu brauchbare Gruppierung, z. B. die nach Religion, nach Geburt- oder Berufsständen usw., auch. Ihre Besonderheit kam als eigenes Problem für den Staat gar nicht in Frage.“ (Wolzendorff 1921, S. 8)

Demokratie macht Diversität sichtbar

Was Kurt Wolzendorff 1921 in seinen „Grundgedanken des Rechts der nationalen Minderheiten“ beschreibt, lässt sich problemlos auf alle möglichen Minderheiten – nicht nur die nationalen – übertragen. Wolzendorff macht auf ein Paradox aufmerksam, das die Demokratie seit jeher begleitet: Gerade WEIL sie die „Gleichheit aller Volksgenossen im Recht“ betont, macht sie Unterschiede sichtbar, die in vordemokratischen Staaten unsichtbar waren. Sehr stark vereinfacht gesagt hat die horizontale Machtverteilung in Demokratien die Folge, dass die Machsubjekte sich in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden gegenseitig erkennen und beobachten, während die vertikale Machtverteilung des Ancien Régime Gemeinsamkeiten und Unterschiede institutionalisiert und gerade dadurch unsichtbar machte.

Für Wolzendorff ist dieses Gleichheitspostulat durch mindestens drei Bewegungen massiv infrage gestellt worden „Sozialismus, Kulturkampf, Irredenta“ (S. 17). Soziale, kulturelle und nationale Unterschiede bleiben mit anderen Worten nicht nur bestehen, sie drängen sich in einer Demokratie in den Vordergrund und zwingen sich als Thema auf.

Unter dem Begriff der Diversity sind weitere Unterschiede hinzugekommen: So lassen sich z.B. Gruppen ausfindig machen, die sexuelle, ernährungstechnische, religiöse, gesundheitliche usw. Identitäten betonen. Darüber kann man sich lustig machen – und das findet z.B. in Form des Minderheitenquartetts statt, dessen Spielregeln wie folgt erklärt werden:

„Wir können sie nicht leiden, weil sie anders sind:  MINDERHEITEN. Ständig verstopfen sie mit ihren Neurosen das Internet und fordern nimmersatt Applaus für ihre ‚Identität‘.  Doch Individualität macht einsam und zerstört unser liebgewonnenes Schubladendenken. So macht Demokratie keinen Spaß! Ziel des Spiels ist es deshalb, das Wirrwarr an Minderheiten in übersichtliche Stereotype zu sortieren, auf die man mit dem Finger zeigen kann. Wer zuerst vier Minderheiten in eine Schublade steckt, hat das Spiel gewonnen.“ (leipzigerspiele.de)

Das Gegenteil von Diversity ist Hierarchie

Aber bei aller heiterer oder vielleicht auch gar nicht so heiteren Beschäftigung mit Minderheiten muss festgehalten werden, dass das Gegenteil von Diversity nicht Unity, sondern Hierarchie ist. Denn nur hierarchisch legitimiert sich eine radikal nicht-horizontale Herrschaftsform durch Privilegien. Deswegen beharren antidemokratische Autoren*innen, wie z.B. der unter Neurechten so beliebte Julius Evola darauf, dass der Grundunterschied zur Demokratie die Hierarchie ist.  Bei Evola (2010) ergibt die sich letztlich aus Geburtsrechten, denn seiner, „Traditionalismus“ genannten, Theorie zufolge ist die Ordnung zwischen Priestern, Kriegern, Händlern und der breiten Masse seit jeher gegeben und darf durch nichts und niemanden hinterfragt werden.

Aber genau das ist in unserer Welt nicht mehr möglich. Schon Wolfgang Amadeus Mozart formuliert in seiner Oper „Figaros Hochzeit“, warum wir uns nicht mit „gegebenen“ Hierarchien zufriedenstellen können:

„Adel, Vermögen, Rang, Würden, all das macht so stolz! Und was haben Sie dafür geleistet? Sie haben sich die Mühe genommen, geboren zu werden, weiter nichts.“

Angeborene Rechte werden seither zunehmend als unglaubwürdig angesehen. So beschreibt Ernst Jünger in seinem Kriegstagebuch  „In Stahlgewittern“ die Begegnung zwischen ihm und einem Anspruch auf adlige Sonderbehandlung:

„In Flers fand ich das mir zugewiesene Quartier von einigen Feldwebeln der Etappe besetzt, die sich unter dem Vorwande, das Zimmer für einen Freiherrn von X. bewachen zu müssen, weigerten, Platz zu machen, jedoch nicht mit der üblen Laune eines gereizten Frontsoldaten rechneten. Ich ließ (…) kurzerhand die Tür einschlagen und nach einem kleinen Handgemenge (…) flogen die Herren die Treppe hinunter.“

Der Krieg produziert seine eigenen Hierarchien, in denen die althergebrachten keine Geltung mehr haben. Auch wenn Ernst Jünger nicht im Verdacht steht, einer emanzipatorischen Bewegung angehangen zu haben zeigt sich auch bei ihm: eine Hierarchie, die sich auf eine (göttliche?) und immerwährende top-down-Ordnung beruft hat ihre Glaubwürdigkeit verloren.

Horizontale Machtverteilung begründet sich auch aus mangelnden Gründen für Hierarchien

Und obwohl sich Jünger nie wirklich mit der Demokratie anfreunden wollte ist er ein bedeutender Kronzeuge für eine Überlegung, die die Demokratie seit jeher begleitet: Wenn vertikale Machtverteilung unglaubwürdig geworden ist, bleibt nur noch übrig, sich für eine horizontale Machtverteilung zu entscheiden.

Demokratie basiert so gesehen auf der Verlegenheit, keinen vernünftigen Grund mehr für eine hierarchische Gesellschaftsgestaltung erkennen zu können. Die bisher aufgeführten Gründe haben sich als unbegründet erwiesen: weder lässt sich eine bestimmte Ethnie festmachen, der mehr Herrschaftsrecht zusteht als anderen, noch lässt sich glaubhaft behaupten, der engere Kontakt der Herrschenden mit der göttlichen Sphäre ermächtige sie zu ihren Privilegien. Und die Machtquellen Reichtum und Wissen erweisen sich als zu volatil, um dauerhafte Hierarchien begründen zu können.

Die einzigen Hierarchien, die sich in Demokratien begründen können sind die, die auf Wahl oder dem Recht fußen und die, die sich von einer wie auch immer gezeigten Leistung abhängig sind.

Es gibt keine „Religion der Menschenrechte“

Und wenn dieser vernünftige Grund so offenbar fehlt und sich auch nicht in Religion, Biologie oder Intelligenz ein Anlass zur Hierarchisierung findet, dann bleibt nichts anderes übrig als zu bekennen, dass alle Menschen „von Geburt an über die gleichen, unveräußerlichen Rechte und Grundfreiheiten“ verfügen. Die Neue Rechte hat daraus einen Strick zu drehen versucht indem sie die Menschenrechte selbst zu einer Religion sui generis erklärt hat (Benoist 1988). Aber das kann nicht wirklich davon ablenken, dass die Zukunft horizontal-demokratisch sein muss, weil eine konsequent vertikale Machtverteilung sich nicht begründen lässt.

Wenn wir also letztlich nur die Wahl zwischen vertikaler und horizontaler Machtverteilung haben, dann ergibt sich daraus 1., dass wir der horizontalen den Vorzug geben müssen, weil sich eine vertikale höchstens durch Wahl, per Gesetz oder meritokratisch begründen lässt und 2., dass wir uns auf Dauer auf Diversity einstellen müssen. Sie ist die paradoxe Konsequenz der Demokratie. An beiden geht letztlich kein Weg vorbei.

Literatur:

Benoist, Alain de (1988): Die Religion der Menschenrechte, In: Mut zur Identität, Hrsg.: Pierre Krebs (Hrsg.), Struckum, S. 41.74

Evola Julius / René Guénon (2010): Democrazia e Gerarchia, Padova

Jünger, Ernst (1998): In Stahlgewittern; Stuttgart

Wolzendorff, Kurt (1921): Grundgedanken des Rechts der nationalen Minderheiten (Naturrecht des Minderheitenschutzes) mit einem Exkurs über Nationalkataster, Berlin

Veröffentlicht von

grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der HWR Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Bielefeld.

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