Heiße Luft

Reflexionen zur integrativen und zur zerstörerischen Kraft medialer Empörung

In letzter Zeit ist wieder viel von gesellschaftlichen „Strukturen“ die Rede. Dabei erweist sich die Struktur einer Gesellschaft nach wie vor als große Unbekannte und es scheint als dürfe nach Belieben darüber spekuliert werden, was Gesellschaften im Innersten zusammenhält. Dabei ist der Begriff als solcher bemerkenswert, denn das lateinische Verb „struere“ (= aufbauen, errichten) , das dahintersteckt geht ja von der Metapher eines Hauses zur Beschreibung dessen aus, was man gemeinhin „Gesellschaft“ nennt. Strukturen im Sinne von Aufbauten gibt es dort, wo man sich Gesellschaft als etwas vorstellt, das durch interne Verstrebungen zusammengehalten wird.

Doch spätestens seit der Erfindung der Traglufthalle ist auch eine andere Metapher für die innere Ausgestaltung der Gesellschaft denkbar: die des tragenden Luftdrucks. Es ließe sich dann vermuten, dass Gesellschaften nicht innere Strukturen brauchen, um nicht zu implodieren, sondern ein geregeltes Ausmaß an innerem Druck. Wenn man Gesellschaft nun mit der Metapher der Traglufthalle beschreibt, wirft sich die Frage auf, wie es gelingt, dass dieser soziale Innenraum über hinreichend Spannung verfügt, dass die Gesellschaft weder platzt noch wie ein labbriger Ballon an Spannkraft verliert.

Genau diese Frage hat sich der Philosoph Peter Sloterdijk schon 1998 gestellt, ohne, dass sie nach meiner Erkenntnis bislang in der Soziologie hinreichend gewürdigt worden wäre. Dieser Beitrag kann das nicht heilen, aber zumindest ist Sloterdijks Input hinreichend interessant, um sich damit zu beschäftigen, wie Gesellschaft dann nicht implodiert, wenn man sie sich als eine gewaltige Aerohalle vorstellt.

Gesellschaft als Aerohalle

Sloterdijk, der sich nicht für Gesellschaften, sondern für Nationalstaaten interessiert (aber was soll’s: letztlich ist das ja häufig das Gleiche), gibt eine interessante Lösung vor, wenn er von „psycho-politische Stressgemeinschaften“ spricht. Was er damit meint, führt er wie folgt aus:

„Moderne Nationen sind Erregungsgemeinschaften, die durch telekommunikativ … erzeugten Synchron-Stress Form halten. Mit Hilfe synchronisierender Hysterien und homogenisierender Paniken versetzen sie sich selbst fortwährend in jene Mindestspannung, die nötig ist, um das erneute Aufklaffen der Frage, ob die Revolution hier beendet sei oder eine Fortsetzung verlange, zu verhindern oder zu vertagen.“

Nationalstaaten wären demnach die Großkollektive, die sich regelmäßig selbst in Panik versetzen und in der allgemeinen Erregung über ihren Grund, eine Nation zu sein, debattieren. Der Luftdruck zum Erhalt der Innenspannung entsteht also dadurch, dass man sich empört über die Gründe des Zusammenhaltes austauscht. Die interne Debatte erzeugt, so möchte ich ein wenig überspitzt zusammenfassen, die heiße Luft, die es braucht, um den Gesellschaftsballon aufzublasen.

In gewisser Hinsicht könnte der Soziologe Niklas Luhmann Sloterdijk diesem Argument sogar beispringen, wenn er feststellt, dass die Unterscheidung, mit der die Massenmedien sich definieren die zwischen Information und Nichtinformation ist. Etwas überspitzt ließe sich diese Codierung auch als die zwischen Skandal und Nicht-Skandal zusammenfassen. Die medial erzeugte Erregung ist auch bei Luhmann ein fester Bestandteil des Innenraumes moderner Gesellschaften. Und da wir dank Jürgen Habermans darüber im Bilde sind, dass die mediale Öffentlichkeit der Diskursraum par excellence moderner Demokratien ist wissen wir auch, dass diese Erregungsökonomie durchaus ihre staatstragenden Seiten haben kann.

Empörung als integrative Kraft

Das zeigt sich u.a. dann, wenn man sich anschaut, wie ein Empörungskollektiv sich der zentralen Frage jeder modernen Großgesellschaft stellt: der Integration.

Egon Friedell schreibt zu diesem Thema, es lasse sich ein roter Faden jungendkultureller Empörungsmoden in Deutschland seit dem späten 18. Jahrhundert ausmachen, die regelmäßig „die Rechte eines bisher unterdrückten Standes“ thematisiert – also sich für dessen gesellschaftliche Integration eingesetzt hätten:

„Wir können die Sturm- und Drangbewegung vielleicht unserem Verständnis näher rücken, wenn wir sie mit der naturalistischen und der expressionistischen vergleichen. Die Unterschiede sind nicht so groß (…). Der Vorgang war in allen drei Fällen prinzipiell der gleiche. Eine ‚fordernde’ Jugend erhebt ein großes Geschrei gegen alles Bisherige, das bloß abgelehnt wird, weil es das Bisherige ist. Sie sprengt alle Formen oder glaubt es zu tun: in Wirklichkeit schafft sie eine neue Form. Sie kommt allemal ‚von unten’, vertritt die Rechte eines bisher unterdrückten Standes, ist betont polizeiwidrig und so weit als möglich nach links orientiert: 1770 demokratisch, 1890 sozialistisch, 1920 kommunistisch.“

Der leicht sarkastische Tonfall Friedells sollte nicht über die enorme Integrationsfähigkeit solcher Bewegungen hinwegtäuschen. Sie bilden den Quell jener „autosuggestiv stressierender Meldungen“, die Sloterdijk – ebenfalls nicht ohne Ironie – als „starken Grund, zusammen zu sein“ ausgemacht hat. Doch ist es m.E. falsch, sich nur spöttisch über die Empörungskollektive unserer Zeit und ihre Träger („Wutbürger“) zu unterhalten. Vielmehr sollten wir feststellen, dass ein beachtliches Integrationspotential in der Empörung steckt, die sich gegen soziale Ausgrenzung richtet.

Sich also angesichts von Ausgrenzung, Diskriminierung und Verspottung zu empören, kann von integrativer Wirkung sein. Stéphane Hessels legendärer Aufruf „Empört Euch!“ ist also so gesehen mehr als ein Bekenntnis zur „psycho-politische Stressgemeinschaft“. Er ist ein wichtiger Aufruf zur gesellschaftlichen Integration in Großgesellschaften und darüber hinaus.

… bis es platzt: Wutbroaker

Nun lässt sich seit der zunehmend verbreiteten Nutzung der „sozialen“ Medien aber leider ein neues Problem erkennen: das wütende Aufschäumen extrem kurzlebiger und sehr destruktiver Erregungskollektive. Diese bilden sich z.B. bei Twitter um Fragen des Radverkehrs, der Stellung der Frau in der Gesellschaft, der gesunden Ernährung, des richtigen Umgangs mit der Corona-Pandemie etc. Hier haben sich Wutbroaker etabliert, die davon leben, Kurzmeldungen so zu streuen, dass sie eine maximale Empörung unter gleichzeitiger Unkenntnis irgendwelcher Zusammenhänge erzeugt.

Man wird sagen müssen, dass Donald Trump ein Meister dieses Empörungsmarketing war. Dass sein Projekt, einen Blog mit längeren Beiträgen zu betreiben nach kürzester Zeit eingestellt wurde macht noch einmal deutlich, wie gefährlich sozialmediales gesteuertes Empörungsmanagement für moderne Großgesellschaften ist. Solange Trump über die sozialen Medien (also insbesondere Twitter und Facebook) kommunizieren konnte, gelang es ihm im Grunde täglich, die Empörung zu stiften, die seine Bewegung wie ein Luftkissenboot durch die politische Landschaft trug und noch trägt. Solche kurzfristig generierten heftigen Wutauftriebe drohen moderne Gesellschaften bis zum Rande des Zerberstens mit einer heißen Luft zu füllen, der jede integrative Kraft abgeht.

Empörungsaskese?

Niemand wird diese neuen „sozialen“ Medien einschränken wollen und wie mit allen medialen Neuerungen wird es auch bei den „sozialen“ Medien gelingen, sie zu sozialisieren. Solange das aber noch nicht gewährleistet ist, ist jede*r Einzelne aufgerufen, mit ihrer und seiner Empörungsfähigkeit zu haushalten. Medien wie Twitter sind im Grunde darauf angelegt, aufzuregen. Das Ausmaß an (man kann sich des Eindrucks nicht erwehren) gewollten Missverständnissen, das sich hier beobachten lässt legt den Verdacht nahe.

Wir müssen aber aufpassen, dass wir vor lauter Erregung nicht aus dem Blick verlieren, wozu Empörung in modernen Großgesellschaften gut sein kann – wenn sie integrativ ist, hat sie ihren Wert, wenn sie explosiv ist, ist sie gefährlich. Diese Unterscheidung nimmt uns zur Zeit keine*r ab, sodass wir alle – jede*r für sich – zu einer Art Empörungsaskese gezwungen sind. Wir müssen uns täglich fragen, ob eine Empörung, die wir teilen, zu etwas gut sein kann, oder ob sie im Gegenteil gefährliche heiße Luft ist. Diese Einschätzung gelingt nicht immer. Aber ohne diese Art der Selbstkontrolle kommen wir zurzeit noch nicht aus.

Dieser Beitrag ist eine Erweiterung von Übrlegungen, die ich vor meiner persönlichen Erfahrung mit Twitter & Co. verfasst hatte. https://grutzpalk.wordpress.com/2018/11/11/integration-durch-empoerung/

Veröffentlicht von

grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der HWR Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Bielefeld.

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