Kritik der Macht

Im Begriff „Staatsgewalt“ klingt der Begriff der „Macht“ buchstäblich in jeder Silbe mit. Denn sowohl der Staat hat nach allgemeiner Lesart Macht zu tun als auch und das Wort „Gewalt“. Das läutet uns nicht nur in der Verwaltung, sondern auch im Vornamen Walter entgegen. Dieses Wort „walten“ geht auf die indogermanische Wurzel *u̯al- „stark sein“ zurück, die vorliegt im lateinischen „valere“ – „bei Kräften, stark, gesund sein“. Staatsgewalt ist also etwas sehr mächtiges.

Dabei zeigt sich bei genauem Hinsehen, dass wir Menschen, obwohl die Macht uns doch lenkt und steuert, Schwierigkeiten haben, sie genau zu definieren. Manche behaupten, Macht und Gewalt seien im Grunde dasselbe. Mao Zedong (1966) z.B. wird immer wieder gerne mit dem Satz zitiert, Macht komme aus Gewehrläufen.[1] Hannah Arendt und Judith Butler haben allerdings zurecht darauf hingewiesen, dass dieser Schluss nicht stimmen kann. Denn in Wirklichkeit, so Butler, wäre z.B. die Unterstützung durch einen Physiotherapeuten nicht mit Waffengewalt zu bekommen. Und Arendt zufolge lasse sich eigentlich eher beobachten, dass die Anwendung von Gewalt ein Zeichen für fehlende Macht sei. Eltern von Kleinkindern werden unmittelbar nachvollziehen können, was sie damit meint. Hannah Arendt (1980) scheint aus deren Beobachtung schon Recht damit zu haben, dass der unmittelbare Zusammenhang von Macht und Gewalt so nicht stimmt.

Aber wie sieht es denn nun mit er Macht aus? Was ist das für ein Ding? In diesem kleinen Text möchte ich der Frage nachgehen, was es mit der Macht auf sich hat und in welchem Zusammenhang sie mit der Gewalt steht. Um ein allzu Blüten treibendes Verständnis von Macht zu vermeiden, gehe ich dabei von der so schön schlichten Definition Max Webers aus:

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Soziologische Grundbegriffe, §16).

Was sich noch weiteres über Macht in Erfahrung bringen lässt und vor allen Dingen: wie sie entstanden ist möchte ich in diesen kurzen Überlegungen nachzuvollziehen versuchen. Dabei will ich in einem ersten Schritt auf einem (auf einen immaginären Zollstock übertragenen) Zeitstrahl wichtige Etappen in der Entwicklung dessen festzuhalten, was man gemeinhin „Macht“ nennt. In einem zweiten Schritt werden eine Handvoll grundsätzlicher Überlegungen zum Machtphänomen besprochen um am Ende dann zu einem hoffentlich halbwegs befriedigendem Ergebnis zu kommen.

Gab es Macht immer schon?

Christoph Reifenberger behauptete vor ein paar Jahren in einer Debatte im NRW-Landtag, in der Steinzeit habe „derjenige, der am lautesten brüllte oder die größte Keule hatte, automatisch Recht“ bekommen. So oder so ähnlich beschreiben auch viele meiner Student*innen den Beginn staatlicher Macht. Sie sehen das allerdings oft nicht als Problem. „Schließlich“, so führen sie häufig weiter aus, „muss ja jemand die Richtung vorgeben und den anderen sagen, wo es langgeht“. Macht war also in den Augen vieler Menschen und auch meiner Studierenden immer schon da und sie war immer schon gepaart mit Gewalt.

Als Sozialwissenschaftler frage ich mich: stimmt das so?

Wenn wir die gut 300.000-jährige Geschichte unserer Spezies Homo Sapiens auf einen handelsüblichen zwei-Meter-Zollstock übertrügen, dann wüssten wir über die ersten fast anderthalb Meter nicht viel zum Thema Macht zu sagen. Es lässt sich hier nur einiges erahnen, was sich aus wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Menschen dieser Zeit ableiten lässt. Eine anthropologische Modellrechnung z.B. hat ermittelt, dass die Jäger- und Sammlergemeinschaften, als die wir uns unsere Vorfahren vorstellen müssen, egalitär strukturiert gewesen sein müssen – sonst hätten sie sich nicht so weit und so schnell ausbreiten können.

Spanische Anthropologen haben darüber hinaus ermittelt, dass wir Menschen zusammen mit anderen Primaten diejenigen Spezies sind, deren Tod auffällig häufig durch eigene Artgenossen ausgelöst wird. Während bei durchschnittlichen Säugetieren 0,3% der Todesfälle auf Mitglieder der eigenen Spezies zurückzuführen sind, sind es bei Menschen über 2%. Wir hantieren, das muss man leider festhalten, umfangreich mit Gewalt und haben seit Langem Erfahrung mit ihr gesammelt. Ob uns das zu einer kriegerischen Spezies macht, ist ungewiss – das erste nachweisbare Massaker in Nartuk (Kenia) ist auf dem Zollstock erst bei Zentimeter 6,6 zu finden.

Gleichzeitig legt die vergleichende Forschung Michael Tomasello nah, dass wir Menschen im Gegensatz zu unseren äffischen Verwandten gemeinsame Absichten teilen und deswegen besonders umfangreich kooperieren können –  und dass schon kleine Kinder Hilfsbereitschaft zeigen. Darüber hinaus neigen wir von Kindesbeinen an dazu, Regeln als geltend anzuerkennen, ohne uns allzu sehr Gedanken drüber zu machen, welche Macht diese Regeln setzt. Besonders dieser Punkt ist für die hiesigen Überlegungen bedeutsam. Folgendes Experiment dazu hat Tomasello am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig durchgeführt: Die zweijährigen Probanden bekamen von erwachsenen Betreuern eine Aktivität namens „daxing“ vorgeführt. Als die Erwachsenen den Raum verließen, kam eine Puppe herein, die mit den Kindern ebenfalls „daxen“ wollte, sich dabei aber überaus dumm anstellte. Die Kinder protestierten, das sei kein daxing, daxing gehe in Wirklichkeit anders. Zum Teil machten sie der Puppe vor, wie „richtig“ gedaxt werde (Tomasello 2007, S. 124). Dieses Experiment lässt den Schluss zu, dass es in der Natur des Menschen liegt, ein kulturelles Wesen zu sein, Normen (und damit verbundene Rollenvorstellungen etc.) aufzustellen, sich daran zu halten und das auch von Dritten zu fordern.

Über die ersten 150cm der menschlichen Machtentwicklung können wir also festhalten, dass Menschen egalitär, kooperativ, gewaltbereit und folgsam sind – was davon mehr zur Entwicklung von Macht beigetragen hat, muss dabei offen bleiben. Wir wissen aber z.B., dass Frauen des Neolithikums über eine Armmuskulatur verfügten, deren Kraft die moderner Ruderinnen um 11-16 Prozent übertraf – und die einer untrainierten Frau unserer Zeit gar um 30 Prozent. Sie waren also beim wahrsten Sinne des Wortes starke Frauen – waren sie auch mächtig? Das verraten die Befunde nicht. So wie wir im Grunde generell herzlich wenig wissen über die (Macht-)Beziehung zwischen den Geschlechtern in der Steinzeit.

Was wir aber wissen ist, dass die Menschen vor ca. 50 cm auf unserem Zollstockzeitstrahl angefangen haben, Schmuck zu tragen – was vielleicht auch als Hinweis darauf gedeutet werden kann, dass eine Distinktion zwischen einander angestrebt wurde. Bewusst gesuchte Unterscheidungen innerhalb von Gruppen sind für Soziologen immer ein Hinweis auf Machtstrukturen. Es ist für Soziologen geradezu ein Kennzeichen der Macht, dass sie sich in „feinen Unterschieden“ manifestiert (Bourdieu 1987).

Macht und Religion

Wenn wir Manvir Singhs (2018) durchaus überzeugender Argumentation folgen wollen, dass der erste differenzierte Berufsstand in menschlichen Gesellschaften der des Schamanen war, der für sich in Anspruch nahm, mit unsichtbaren Kräften kommunizieren zu können, dann ist hier auch die Geburt beruflicher Differenzierung anzusiedeln. Vor 33cm jedenfalls beginnen Menschen damit, Höhlen malerisch auszugestalten – ganz offensichtlich in der Absicht, hier Begegnungen mit unsichtbaren Mächten graphisch festzuhalten. Man ahnt das Machtpotential, das sich für einen solchen Berufsstand abzeichnet: wer mit der Stimme der Ahnen, Geister oder allgemein: der unsichtbaren Welt sprechen kann, darf sich deren Autorität voll zurechnen.

Vermutlich tragen die bemalten Höhlen auch dazu bei, dass die für den Menschen bis dahin kennzeichnenden Migrationsbewegungen immer mehr in konzentrischen Kreisen um diese spirituellen Zentren herum stattfinden. Die letzte große Eiszeit, die vor 14cm begann und vor 6,7 cm endete hat diesen Prozess empfindlich gestört. Doch schon zu Ende dieser Eiszeit beginnen Leute in Anatolien, sesshaft zu werden und Siedlungen zu gründen. In dem Weltteil, den wir heute „Deutschland“ nennen, manifestiert sich dieser kollektive Wille, in großen Gemeinschaften zusammen zu leben in der Anlage von Megalithgräbern vor ca. 3,7 cm. Religiöse Autoritäten scheinen hier immer noch tonangebend gewesen zu sein, aber vielleicht zeigt sich hier erstmals die Möglichkeit, auch politische Macht um ihrer selbst willen auszuüben. Wir wissen es nicht.

Vor 3,6 cm beginnen die ersten Imperien in China und Ägypten aufzuflackern. In China entwickelt sich dabei ein Machtideal heraus, der gerade nicht auf militärischer Stärke fußt, sondern auf einem Bestreben, die Dinge „unter dem Himmel“ gemeinschaftlich zu ordnen. Ausgehend von der Zhou-Dynastie, die die politische Macht in China errang, obwohl ihr die militärischen Mittel dazu fehlten, entwickelt sich die Idee des Tianxia (chinesisch 天下 – „unter dem Himmel“) – einer radikal inklusiven Idee von Macht (Zhao 2020). Macht kommt hier nicht aus den Gewehrläufen, sondern aus der Integration aller in ein umfassendes politisches System.

Der für das judeo-christliche Abendland zentrale König Salomon tritt vor ca. 1,8 cm seine Stelle an, was nicht von allen seinen Zeitgenossen goutiert wird (1. Könige 11). Zeitgleich schlüpft Rom „aus dem Ei“ – wo man sich schon einen Millimeter später von Tarquinius Superbus und der Monarchie insgesamt trennt. Vor 1,35 cm wird Jesus geboren, der seinen Jüngern rät, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist (Matthäus 22,15). Womit wir wohl endlich eine klare Trennung zwischen religiöser und weltlicher Autorität vorliegen haben. Aber es dauert noch ein bisschen, bis Papst Gelasius I auf cm 1 die erste Zweigewaltenlehre durchformuliert, die eine eindeutig nicht-religiöse Machtsphäre anerkennt.

Die moderne okzidentale Staatstheorie beginnend mit Nicolò Machiavelli definiert den Staat auf beim Stand von 0,36cm eher noch wackelig als geglücktes Zusammenspiel von Gesetzen (leggi) und Kraft (forza), während Jean Bodin nur 0,5 Millimeter später den Gedanken der Souveränität für den Rest des Zollstockes mit dem Staat verbindet. Thomas Hobbes liefert vor 0,3 cm die Idee des Gewaltmonopols, die Montesquieu einen Millimeter später um den Gedanken der Gewaltenteilung und somit des Rechtsstaates anreichert. Vor 0,04 cm wird die Europäische Union gegründet, die die Kerninhalte dieses okzidentalen Staatsphilosophie an den Rand ihrer Möglichkeiten treibt, wie sich jüngst beim Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB zeigte.

Was sich hier zeigt ist, dass die Vermutung, Macht habe es immer schon gegeben und sie habe immer schon mit Gewalt zu tun nur für einen kleinen Zeitausschnitt seit vielleicht dem Massaker von Nartuk bestätigen lässt. Auf unserem imaginären Zollstock macht diese Zeitspanne aber nicht einmal zehn Zentimeter der Gesamtlänge der humanen Existenz auf Erden aus. Und die Behauptung, die mir einmal eine Vorgesetzte auf einen Antrag auf Nebentätigkeit als Dozent für das Fach „Soziologie der Polizei“ notierte, stimmt mit Blick auf diesen Zollstock erst recht nicht: „Gesetz und Polizei hängen zusammen; schon im Alten Reich der Pharaonen.“ Wie sollte das gegangen sein, wenn der Rechtsstaat erst 4000 Jahre nach den Pharaonen zum Denkstandard geworden ist?

Macht und Zeit

Dieser kurze Ritt auf dem Zeitstrahl bestätigt Judith Butlers und Hannah Arendts Kritik an einem gewaltorientierten Machtbegriff. Vielmehr bestätigt sich, dass Macht, so wie Max Weber es schon vermutet hatte, auf vielerlei Auslösern beruhen kann – Gewalt ist vielleicht auch mit dabei, aber nicht wirklich zwingend. Vielmehr scheint der Kontakt mit der unsichtbaren Welt lange Zeit die naheliegendere Quelle von Macht gewesen zu sein. Weil der Machtbegriff also immer noch auf wackeligen Beinen steht, möchte ich hier noch einer weiteren spannenden Fährte folgen, die Elias Canetti in seiner richtungsweisenden Schrift „Masse und Macht“ gelegt hat. Es geht um das Verhältnis von Macht und Zeit.

Canetti beschreibt dabei Macht als Gewalt, die sich Zeit lässt – ein, wie ich finde, durchaus bedenkenswerter Gedanke, wie ich hier genauer ausführen möchte. Canetti geht zwar auch von einem tiefen inneren Verhältnis von Macht und Gewalt aus, aber die Zeitdimension, die er einfügt, macht die Sache dann doch noch einmal interessant:

„Macht auf tieferen und mehr animalischen Stufen ist besser als Gewalt zu bezeichnen. Eine Beute wird mit Gewalt ergriffen und mit Gewalt in den Mund geführt. Wenn die Gewalt sich mehr Zeit läßt, wird sie zur Macht. Aber im akuten Augenblick, der dann doch einmal kommt, im Augenblick der Entscheidung und Unwiderruflichkeit, ist sie wieder reine Gewalt. Macht ist allgemeiner und geräumiger als Gewalt, sie enthält viel mehr, und sie ist nicht mehr ganz so dynamisch. Sie ist umständlicher und hat sogar ein gewisses Maß von Geduld.“

Den Unterschied, den Canetti zwischen Gewalt und Macht erkennt, beschreibt er mit dem Beispiel von Katze und Maus:

„Die Maus, einmal gefangen, ist in der Gewalt der Katze. Sie hat sie ergriffen, sie hält sie gepackt, sie wird sie töten. Aber sobald sie mit ihr zu spielen beginnt, kommt etwas Neues dazu. Sie läßt sie los und erlaubt ihr, ein Stück weiterzulaufen. Kaum hat die Maus ihr den Rücken gekehrt und läuft, ist sie nicht mehr in ihrer Gewalt. Wohl aber steht es in der Macht der Katze, sie sich zurückzuholen.“

Ich finde die Zeitdimension deswegen so interessant, weil sich Macht insbesondere in der Form von Langeweile manifestieren kann. Das zeigt sich u.a. am Beispiel der DDR. So führen Gudula Ziemer und Holger Jackisch in einem Text über das Neue Forum 1990 (S. 26)  aus:

„In Wirklichkeit war es entsetzlich langweilig. Die in den Westen gingen, gingen vor Langeweile davon, und gegen nichts als Langeweile wurde der Kampf geführt, der am 9. Oktober auf der Straße begann.“

Für meine Dissertation habe ich Jens Reich, eine der führenden Stimmen des Neuen Forums, nach der Rolle gefragt, die die Langeweile in der Machtausübung der DDR und dem Widerstand dagegen spielte.  Reich antwortet damals (2003):

„Der Deckel, der über der Gesellschaft gehal­ten wurde, war doch in den mittleren bis späten Zeiten der DDR der, dass alles ver­boten war, was nicht ausdrücklich angeordnet war. Es waren keine kreativen Frei­heitsfelder da. Es durfte alles nicht passieren, was nicht irgendwie den Normen und Sitten des sozialistischen Zusammenlebens entsprach. Das sieht man ja, wie die mit der Literatur umgegangen sind, mit dem Theater, den Filmen, der Musikszene und Rockszene und all diesen Sachen. Da sieht man, dass sie überall nur wie ein schlech­ter Erzieher, der immer nur verbietet oder immer nur eingrenzt, tätig gewesen sind. Und das, was übrig blieb, war dann natürlich von drückender Langeweile. Die stabilisierende, die konservative Macht erzeugt natürlich Langeweile. Das ist immer so. Wenn die Macht konservativ, extrem konservativ wird, erzeugt sie Langeweile, nicht unbedingt Brutalität, das muss nicht sein. Es reicht aus, die Gesellschaft grau werden zu lassen.“

Auf die Frage, ob die Revolte gegen Langeweile in gewisser Hinsicht auch als legitim angesehen werden könne, antwortete Reich:  

„Das ist einfach ein Naturgesetz. Man kann, glaube ich, Menschen mit Lange­weile ganz schön in Wut bringen auf die Dauer. Und irgendwann kocht das dann über. Man sucht sich kreativere Formen des Zusammenlebens. Es gehört also zu den gefährlichsten Strategien einer an der Stabilisierung des Ganzen interessierten Schicht, jetzt im Allgemeinen historisch gesprochen, Ruhe herstellen zu wollen. Das ist der sicherste Weg, um eine irrsinnige Akzeptanzprämie auf jede Ruhestörung auszurufen.“

Dies ließe sich als eine Kritik einer Macht lesen, die sich dermaßen entschleunigt, dass sie Langeweile verantwortet. Der Historiker Johannes Hürter (2009) zeigt aber auch eine andere Seite der Zeitdimension auf, nämlich, dass es insbesondere die formalistische Entschleunigung durch den Rechtsstaat ist, die zu Erfolgen in der Terrorismusbekämpfung führt. Wie das aussehen kann, zeigt sich folgender Pressemeldung aus zum Prozess gegen die so genannte Sauerlandgruppe:

„Eigentlich sah es immer so aus, als würde Adem Yilmaz das Gericht einfach provozieren wollen. ‚Ich stehe nur für Allah auf’, hatte er gleich zu Beginn des Terrorprozesses gerufen und war mehrmals demonstrativ sitzen geblieben, wenn die Richter den hochgesicherten Gerichtsaal betraten. Doch nun ist klar, dass auch noch etwas anderes hinter seinem ignoranten Verhalten steckt: Langeweile! Der ‚Finanzminister’ der Sauerlandgruppe, der sich mit seinen Komplizen Daniel Schneider, Fritz Gelowicz und Atilla Selek derzeit wegen der Planung einer Serie von Anschlägen gegen US-Einrichtungen in Deutschland vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verantworten muss, hat schlicht keine Lust mehr der komplizierten Gerichtsverhandlung zu folgen. Er gab damit den Anstoß dafür, dass nun alle vier Angeklagten Aussagen angekündigt haben, um die Prozessdauer zu verkürzen.“

Macht und Zeit stehen also in enger Verbindung miteinander, was sich z.B. in Form von erzwungener Langweile zeigen kann. Vielleicht ist dieses Verhältnis mindestens so eng wie das zur Gewalt.

Macht und Organisation

Heinrich Popitz (1963) bringt noch eine Beobachtung ins Spiel die ebenfalls daran zweifeln lässt, dass Macht und Gewalt in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Er beobachtet vielmehr eine „überlegene Organisationsfähigkeit der Privilegierten“, die zu ungleicher Verteilung von Machtchancen führe. Was damit gemeint sein kann, verdeutlicht er am Beispiel einer zwei-Klassengesellschaft, die sich an Bord einer Kreuzfahrtschiffes im Kampf um Liegestühle herausbildet: 

„Es gelang durch den gemeinsamen Kraftaufwand aller Auch-Besitzer: Näherte man sich einem gerade freien Liegestuhl in irgend verdächtiger Weise, so wurde man durch Posen, Gesten und Geschrei der Auch-Besitzer zurückgewiesen. Die Abschreckungsaktionen waren so eindrucksvoll, daß ein handgreiflicher Konflikt nicht zustande kam. Sie wurden überdies im Laufe der Zeit noch dadurch bekräftigt, daß die Besitzenden ihre Liegestühle näher aneinanderschoben, bis sich schließlich Konzentrationen ergaben, die wehrhaften Wagenburgen glichen. Die gerade nicht besetzten Liegestühle wurden zusammengeklappt und dienten als Ringmauer.“

Popitz stellt eine Strukturbildung im „Sammelsurium der Passagiere“ nach dieser „Durchsetzung exklusiver Verfügungsgewalten einer Teilgruppe über ein allgemein begehrtes Gebrauchsgut“ fest. Diese Struktur – und das ist soziologisch interessant – ist nun auch ohne den Einsatz irgendeiner Gewalt in der Lage, sich zu erhalten. Sie wird nicht mehr hinterfragt.

Eine ähnliche Überlegung steckt hinter Karl Marx Begriff der ursprünglichen Akkumulation. Es gelingt einer überdurchschnittlich gut organisierten Gruppe, Machtmittel zu sammeln und gegen den frechen Zugriff anderer zu verteidigen. Nach einer gewissen Zeit wird dieser – oft durchaus gewaltsame – Akkumulationserfolg mit einer strukturellen Normierung gefestigt. Es ist fortan verboten, gewaltsam vorzugehen – und die an den Strukturen orientierten Institutionen achten darauf, dass es auch so bleibt. Um es mit Georges Sorel reichlich vulgärmarxistisch zu sagen:

„Sobald das Guillotinieren und das Ersäufen ein Ende gefunden hat, zieht man sich aus dem Spiel zurück“ (Sorel zit. n. Variot 1935; S. 55).

Gewaltsame unternehmerische Akkumulation wird nunmehr unter Strafe gestellt und Angriffe auf die ursprünglichen Akkumulationsergebnisse werden geahndet. Es entsteht also eine Struktur, die nicht mehr hinterfragt, worauf ihre Zuteilungen basieren. Es kann dann eine Macht entstehen, die sich an ihre gewaltsamen Wurzeln gar nicht mehr erinnert – ja, sie sogar energisch verneint.

Der Fürst, so stellt z.B. der Friedrich fest, der später „der Große“ genannt werden wird, sei „nichts weniger als der unumschränkte Gebieter der unter seiner Herrschaft stehenden Völker, sondern nur ihr erster Diener!“[2] Der Machthabende macht sich zum Diener seiner Macht – das reicht bis zum Motto im Wappen des Prinzen von Wales „ich dien“.

Aber die Organisation, die es ermöglicht, sich zum Diener „der Sache“ zu machen muss es erst einmal geben. Ich versuche das meinen Student*innen immer mit folgendem Beispiel zu verstehen zu geben: wenn ich (Jonas Grutzpalk) jemandem einen Brief schreibe, sein Haus stehe im Wasserschutzgebiet, passiert gar nichts. Wenn eine zuständige Behörde diesen Brief schickt, wird das Haus abgerissen. Ist das nicht Macht?

Macht und Ignoranz

Einen anderen spannenden Hinweis auf das Wesen der Macht findet man bei dem Politologen US-amerikanischen Karl W. Deutsch. Der beschreibt sie nämlich als den Zustand, in dem der Mächtige weniger einstecken muss und mehr austeilen kann. Diese Fähigkeit lässt sich als Freiheit vom Zwang, lernen zu müssen zusammenfassen, was Deutsch auch tut:

„By power we mean the ability of an individual or an organization to impose extrapolations or projects of their inner structure upon their environment. In simple language, to have power means not to have to give in, and to force the environment or the other person to do so. Power in this narrow sense is the priority of output over intake, the ability to talk instead of listen. In a sense, it is the ability to afford not to learn.”

Sikivu Hutchinson hat in „Humanists in the Hood“ deutlich gemacht, wie sich solch ein Unterschied zwischen machtvoller Ignoranz und ohnmächtigem Lernen-Müssen beschreiben lässt: Was in ihrem Text regelmäßig auffällt ist die Nutzung des Verbes „inform“. Man kennt es im Deutschen, wo es beschreibt, dass jemand sich selbst informiert. Ich informiere mich, Du informierst Dich er/sie/es informiert sich. Doch Hutchinson benutzt das Wort in seinem wortwörtlichen Sinn. Eine In-Formation ist im Lateinischen etwas, was Veränderung (wörtlich: Ein-Formung) mit sich bringt.

Weißer Suprematismus in-formiert Hurchinson zufolge die populäre Kultur der USA und dadurch die Selbstwahrnehmung der Schwarzen, aber auch die Sichtweise Weißer auf Schwarze und sich selbst. Das Religionsrecht in-formiert die Möglichkeit von schwarzen Frauen, sich als säkulare Humanistinnen von Machismus und Erwartungshaltungen der Community zu emanzipieren etc. Die Machtverteilung in den USA wir hier darin deutlich, dass die einen in-formiert werden, während andere sich informieren, wenn sie wollen.

Die Freiheit, nicht lernen zu müssen beobachtet sich immer wieder bei Mächtigen. Solch eine Lernfreiheit zeigt sich z.B. in der kriminalistischen Behandlung von Weniger-Mächtigen, über die zu lernen man sich einfach verweigern kann, wie folgender Beitrag aus dem Taschenbuch der Kriminalistik von 1953 nahelegt. Die Frau, so heißt es da, denke „ichbezüglich, empfindend, gefühlsmäßig“ ganz

„im Gegensatz zum Manne, der sich ja auf die Gedanken seiner Feinde einstellen und daher abstrakt, logisch-durchdringend und losgelöst von den Wünschen des eigenen Ich ‚objektiv‘ denken muss. Der Mann empfindet daher das weibliche Denken oft als ‚unlogisch‘, so daß Möbius geradezu von dem ‚physiologischen Schwachsinn des Weibes‘ sprechen durfte.“ (S. 13)

Im juristischen Betrieb hat man vergleichbare Machtstrukturen lange aufrecht erhalten, wie Daniela Schweigler (2014; S. 53) vom Max Planck Institutes für Sozialrecht und Sozialpolitik beschreibt: „Wenn Frauen in den Übungsfällen und Klausuren vorkommen, dann häufig in vermeintlich ‚typischen Frauenrollen’, nämlich etwa als Mutter, Ehefrau oder Hausfrau.“

Allerdings ist Ignoranz nicht nur ein Hinweis auf schon bestehende Macht. Sie kann auch quasi „vorgeschaltet“ werden, indem man darauf verweist, bestimmte Kenntnisse „gar nicht nötig“ zu haben. Ein Kämpfer für den „Islamischen Staat“ (IS) habe „es nicht nötig, etliche seiner Jahre damit zu verbringen, weltliche Wisenschaften zu erlernen“, schreiben die Autorinnen des „Manifestes der IS-Kämpferinnen“ (Mohagheghi 2015; S. 54). Man bekommt bei dieser Betonung, dass weltliches Wissen im Grund Unfug sei den Eindruck, dass die Autorinnen richtiggehend froh sind, nichts mehr lernen zu müssen. Es ließe sich mit Karl W. Deutsch schlussfolgern: sobald ein nur ein niedriges Level an Macht erreicht ist, setzt die Lernbereitschaft aus. Macht macht es möglich, unbelehrbar zu sein.

Fazit: Kritik der Macht

Beim Überblick über die Geschicke der Macht in der Menschheitsgeschichte finden wir Hinweise darauf, dass wir Menschen als Spezies einander gefährlich werden können: zwei bis drei Prozent der Todesfälle unter Menschen gehen auf andere Menschen zurück. Zugleich sind wir kooperative Wesen, die ihre Netzwerke recht problemlos über genetisch gesetzte Grenzen hinweghieven können. Und wir ahmen einander nach – was dann Machtrelevanz entfalten kann, wenn wir die Nachahmungstatbestände inhaltlich nicht mehr hinterfragen. Die ersten machtvollen Institutionen über die wir wissen sind darüber hinaus die, die erfolgreich von sich behaupten, mit der unsichtbaren Welt in Verbindung zu stehen.

Von dem kleinen Parforceritt durch die Theorie lernen wir, dass Macht mit Faktoren wie Zeit und Organisation eng verwoben ist. Gerade weil Macht über die eine überlegene Organisation verfügt, kann sie sich Zeit lassen, sich zu entfalten. Wer Macht hat, kann sich darüber hinaus auch noch aussuchen, was er lernen möchte – er kann zum Lernen nicht gezwungen werden.

Macht und Gewalt gehören zwar dabei irgendwie zusammen, aber Hannah Arendt hat schon Recht, wenn sie unterstellt, dass eine Macht, die sich ausschließlich als Gewalt präsentiert, eher Ohnmacht offenbart. Es fehlt dieser Macht gerade das, was wir gelernt haben: es fehlt der gewaltsamen Macht an Zeit, sich voll zu entfalten – Gewalt ist ja immer schnell, Macht hingegen ist langsam. Die Zeit, die sich Macht nehmen kann, ist immer auch eine Zeit, die ihre Organisation braucht, um zu funktionieren. Zeit ist zugleich ein sakraler Aspekt der Macht, den wir schon vom Schamanismus kennen. Sich Zeit lassen zu können ist seit jeher ein Privileg derer, die der unsichtbaren, zeitlosen Welt verbunden sind.

Mit der „dicksten Keule“ hat Macht also eigentlich nicht viel zu tun. Sie ist eher ein Zustand der Überlegenheit, der sich nicht zuletzt darin äußert, dass Mächtige lehren und Ohnmächtige belehrt werden. Das kann – das muss! – regelmäßig zu Konflikten führen, denn es ist erfahrungsgemäß schwer zu ertragen, auf der untersten Empfangsstufe einer Lernhierarchie zu stehen. Mike Goves berühmter Satz „people in this country have had enough of experts“ ist in diesem Sinne so zu verstehen, dass die Briten es beim Brexit-Referendum 2016 nicht mehr ertragen konnten, über die EU lernen zu müssen (bezeichnenderweise war die in England meist gegoogelte Frage am Tag nach dem Referendum „what is the EU?“).

Demokratien zeichnen sich dadurch aus, dass sie langfristige Machtverschiebungen unter Vermeidung von blutigen Brüchen gestalten können. Die Machtergreifung eines x-beliebigen Königs, Sultans oder Shoguns kostete immer und überall viele Menschenleben. Demokratie übergibt die Kontrolle über die machtbesetzten Institutionen an die weiter, die eine Mehrheit auf sich vereinigen können. Das zwingt die Institutionen, lernfähig zu bleiben – denn sie müssen sich ja den herrschenden Verhältnissen anpassen. Mitunter träumt man in den Institutionen von einem nie dagewesenen goldenen Zeitalter als ihre Macht noch gleichgesetzt werden konnte mit dem, was man im Englischen so schön „blissful ignorance“ nennt. Aber dieses Zeitalter ist genau so unhistorisch wie das, in dem die dickste Keule die Machtverhältnisse sicherstellte.

Ein befreundeter Polizist hat mir einmal gesagt, dass ein guter Polizist in 100 Prozent der Einsätze in der Lage sein müsse, Gewalt (Polizisten reden von „Zwang“) anzuwenden und in einem Promille der Fälle das dann auch tatsächlich tut. Ich finde das eine schöne Faustformel, mit der ich die hiesigen Überlegungen abschließen möchte. Macht und Gewalt sind schon irgendwie miteinander verwandt – aber eben nur entfernt. Gewaltanwendung gehört zum Beruf des Vertreters der Staatsgewalt – und zur Verwaltung im Allgemeinen – dazu. Aber was ein mächtiger Mensch in einem demokratischen Rechtsstaat viel mehr können muss ist, seine Organisation zu kennen, sich für die Sachverhalte, die er bearbeitet, Zeit zu nehmen und – wenn es denn unbedingt sein muss – auch dazu zu lernen.

Literatur

Arendt, Hannah (1980): Macht und Gewalt; München

Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M.

Deutsch, Karl W. (1966) The Nerves of Government. Models of Political Communication and Control. New York, London: Free Press.

Hürter, Johannes: Anti-Terrorismus-Politik. Ein deutsch-italienischer Vergleich 1969–1982, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 57 (2009), S. 329-348

Hutchinsons, Sikivu (2020): Humanists in the Hood. Unapologetically Black, Feminist and Heretical, Washington

Mohagheghi, Hamideh (2015): Frauen für den Dschihad: Das Manifest der IS-Kämpferinnen; Freiburg i.B.

Popitz, Heinrich (1963): Prozesse der Machtbildung; Tübingen

Schweigler, Daniela (2014): Das Frauenbild in der bayerischen Justizausbildung; In: Deutsche Richterzeitung (2); S. 51-55.

Variot, Jean (1935): Propos de Georges Sorel; Paris

Verlag Deutsche Polizei (Hrsg.) (1953): Taschenbuch der Kriminalistik; Hamburg

Zhao Tingyang (2020): Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung, Berlin

Ziemer, Gudula und Holger Jackisch: Wir sind das Volk – aber wer sind wir? In:. Jetzt oder nie – Demokratie. Leipziger Herbst ’89; Neues Forum Leipzig (Hrsg.); München: Bertelsmann 1990; S. 26

Fußnoten

[1] „Jeder Kommunist muss diese Wahrheit begreifen: ‚Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen.‘ “  Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung, Peking 1966

[2] Der französische Originaltext lautet: „Le souverain, bien loin d’ètre le maìtre absolu des peuples qui sont sous sa domination, n’en est lui-même que le premier doméstique, et qu’il doit ètre l’instrument de leur félicité, comme ces peuples le sont de sa gloire ».

Veröffentlicht von

grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Bielefeld. Mehr auf meiner Website grtzplk.de

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