Wer oder was ist „die Öffentlichkeit“? Soziologische Reflektionen zur polizeilichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

„The Press, Watson, is a most valuable institution if you only know how to use it.”

Arthur Conan Dolye: The Adventure of the Six Napoleons

 

 

„Die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit orientiert sich an folgenden Zielen und Maßstäben: (…)

– Sie vermittelt ein objektives Bild der Polizei in der Öffentlichkeit; sie stärkt das Vertrauen in professionelle polizeiliche Aufgabenerledigung und damit das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung.

– Sie informiert anlassbezogen die Öffentlichkeit, um diese zu sensibilisieren oder zur Mitwirkung zu veranlassen. (…)

– Sie leitet zu gesetzeskonformem Verhalten an und bestärkt es.“

(RdErl. d. Ministeriums für Inneres und Kommunales NRW – Az. 401 – 58.02.05 v. 15.11.2011)

Dem hier in Teilen zitierten Runderlass zufolge ist die Sache ganz einfach: Die Polizei liefert der Öffentlichkeit mit Hilfe ihrer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit erstens ein objektives Bild von sich, zweitens ein erhöhtes allgemeines Sicherheitsgefühl und drittens eine Ermutigung zu gesetzeskonformen Verhalten. Es ist ein ganz klares Geben und Nehmen, was hier beschrieben wird. Dabei wird die Öffentlichkeit als dankbarer Rezipient beschrieben, die sich nur zu gerne von der Polizei sagen lässt, was Sache ist.

Vermutlich müssen Runderlasse zur Öffentlichkeitsarbeit genau diesen Eindruck entstehen lassen, sie müssen die Welt so beschreiben, als sei die Sache im Grunde ganz einfach. Sie müssen so wirken als gebe es eine klare Sender-Empfänger-Struktur, bei der die Polizei den Sender und die Öffentlichkeit den Empfänger darstellt. Aus solchen Darstellungen lassen sich Arbeitsaufträge ableiten und Hierarchien bilden. Sie dienen also der administrativen und politischen Komplexitätsreduzierung, spiegeln aber nicht die Realitäten der Öffentlichkeitsarbeit, die im Grunde jeder kennt:

Diese Realitäten sind zumindest folgende: Erstens ist die Öffentlichkeit selber ein sendender Akteur – sie bringt die polizeiliche Öffentlichkeitsarbeit durch eigene Meldungen in Zugzwang. Mehr noch: ohne Zutun der Öffentlichkeit wäre polizeiliche Arbeit unmöglich: So gibt die Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ an, über 40%igen Aufklärungserfolg vorweisen zu können (Wydra 2012). „Bei einer Untersuchung im Vereinigten Königreich wurde festgestellt, dass bei allen erfassten und aufgeklärten Straftaten nur 15 % auf die Arbeit der Polizei zurückgingen, wenn diese alleine agierte, und die Anzahl der Straftaten, welche lediglich mit Hilfe forensischer Beweise aufgeklärt wurden, lag unter 5 %.“ (Agentur der Europäischen Union für Grundrechte 2010, S. 43). Ohne Beteiligung der Öffentlichkeit ist polizeiliche Arbeit folglich gar nicht denkbar.

Zweitens ist seit biblischen Zeiten bekannt, dass die öffentliche Meinung zwischen „Hosianna“ und „kreuzige ihn“ schwankt[1] und somit eher mit einem unzähmbaren Wesen zu vergleichen ist als mit einem einsichtigen Empfänger, was der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit mindestens dann schmerzhaft bewusst wird, wenn die Öffentlichkeit vermeintliches oder tatsächliches polizeiliches Fehlverhalten diskutiert.

Drittens ist die Öffentlichkeit unsichtbar – wir wissen gar nicht genau, wen wir ansprechen, wenn wir eine Öffentlichkeit ansprechen. Es ist zu vermuten, dass es Öffentlichkeiten im Plural gibt, so wie es Milieus gibt, die von der Sozialforschung seit einiger Zeit zur Beschreibung des Gesamtphänomens „Gesellschaft“ herangezogen werden. Polizeiliche Kampagnen können in einigen dieser Öffentlichkeiten ungehört verhallen, während sie in anderen durchaus Wirkung zeigen können.

Dass Öffentlichkeitsarbeit also komplizierter ist als es der Runderlass erscheinen lässt, weiß im Grunde jeder, der sich mit ihr beschäftigt. Nur: wie lassen sich diese realen Dimensionen polizeilicher Öffentlichkeitsarbeit denken, wie in Strukturen umsetzen? Wie kann, das ist somit die Fragestellung dieses Textes, polizeiliche Öffentlichkeitsarbeit (zumindest im soziologischen Sinne) realistisch sein?

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir uns die Dimensionen dieser Realität genauer ansehen und versuchen, mit Hilfe einiger theoretischer Überlegungen zu packen zu kriegen, womit wir es zu tun haben, wenn wir von „Öffentlichkeit“ sprechen. Ich möchte das in diesem Text tun, indem ich drei o.g. Realitäten der Öffentlichkeitsarbeit einzeln angehe und Schritt für Schritt untersuche, welche Schlussfolgerungen sich aus den soziologischen Erkenntnissen zur Öffentlichkeitsarbeit ableiten lassen. Ich schlage also folgende Struktur vor: Erstens Öffentlichkeit als Sender und Empfänger, zweitens Öffentlichkeit als (schwankender) Akteur und drittens Öffentlichkeit(en). In jedem dieser Kapitel werde ich soziologische und auch persönliche Erkenntnisse zu diesen Punkten ausarbeiten.

So werde ich gleich im ersten Kapitel „Öffentlichkeit als Sender“ der Frage nachgehen, wie Öffentlichkeitsarbeit in Sicherheitsbehörden aufgestellt ist. Dabei greife ich auf eine aktuelle Untersuchung zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Polizeien genauso zurück wie auf meine eigenen Erfahrungen in der Öffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes Brandenburg. Im zweiten Kapitel werde ich der Frage nachgehen, wie Öffentlichkeit beschaffen ist, wenn sie als eigenständige Akteurin in Erscheinung tritt: Hier ist das Herangehen eher theoretisch und ich versuche mit Hilfe einiger Beschreibungen der Öffentlichkeit, die Denkergrößen wie Jürgen Habermas, Niklas Luhmann und Peter Sloterdijk vorgelegt haben ein Gesamtbild von dem zu zeichnen, was der Polizei als Öffentlichkeit gegenübersteht. Im Dritten Kapitel letztlich geht es um Öffentlichkeiten im Plural und die Frage, ob im Internetzeitalter der einstmalige Begriff des „Publikums“ nicht endgültig dem der Milieus gewichen ist, oder, um es mit dem Bundespräsidenten Gauck zu sagen: den Echokammern, in denen die Einzelnen hören, was sie hören wollen, ohne Bezug auf eine Gesamtheit nehmen zu müssen, die man noch immer – vermutlich aus Mangel an schöneren Begriffen – „die Öffentlichkeit“ nennt.

Öffentlichkeit als Sender

Öffentlichkeitsarbeit ist teuer. Die Landesregierung NRW z.B. gab Jahr 2015/2016 fast 28 Millionen Euro für externe PR-Dienstleistungen aus. Diese Kosten gehen vom Kugelschreiber über die Gestaltung und Pflege einer Radfahr-App über Workshops zu Expertenhearings. „Für die Landesregierung“, so heißt es in der Antwort auf eine kleine Anfrage im Landtag dazu „sind die umfassende Information über ihre Arbeit und der Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern in Nordrhein-Westfalen wichtige Grundlagen ihres Handelns“ (Landtag NRW, Drucksache 16/14193). Öffentlichkeitsarbeit wird hier sowohl als einseitige Information als auch als Dialog verstanden, bei dem mehrere Seiten zu Wort kommen. Dieses zweite Verständnis von Öffentlichkeitsarbeit soll im Weiteren interessieren: Es geht um die Frage, inwieweit eine Behörde auf die Anforderungen einer Öffentlichkeit antwortet und deswegen eine Öffentlichkeitsarbeit an diese Anforderungen anpasst. Dazu ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:

Zwischen 2003 und 2009 arbeitete ich als Referent für Öffentlichkeitsarbeit beim Verfassungsschutz Brandenburg. Die Geschichte der Öffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes ist dabei älter als man vermuten mag. Bereits Anfang der 1970er Jahre wurde stellenweise versucht, den „unnötigen Schleier des Geheimnisvollen“ über dem innerdeutschen Geheimdienst wegzuziehen (DER SPIEGEL 1972). 1974 beschloss die Innenministerkonferenz (IMK) das länderübergreifende Konzeption „Verfassungsschutz durch Aufklärung“. Die Wortwahl verrät ein ähnliches Denken wie der o.g. Erlass zur Presse. Und Öffentlichkeitsarbeit der Polizei in NRW: auch hier gibt es einen Aufklärer (die Behörde), die ein aufklärungswilliges Publikum ins rechte Licht rückt. Dass die Sache nicht so leicht ist, wie die Formulierung vermuten lassen will stellt sich schnell heraus.

Der Verfassungsschutz hat selbstredend andere Aufgaben in der Öffentlichkeitsarbeit als die Polizei, dennoch kann ich hier zumindest eine Sache berichten, die mit dem Gegenstand der Untersuchung zu tun hat: der Verfassungsschutz Brandenburg hätte von sich aus sicher gerne seinen gesetzlichen Auftrag der „Information der Öffentlichkeit“ über Bestrebungen gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung per alljährlichem Verfassungsschutzbericht abgehandelt. Doch bald stellte sich eine öffentliche Nachfrage nach Information heraus, die es irgendwie zu kanalisieren galt. Schulen brauchten Referenten über Rechtsextremismus, Lehrervertretungen wollten fortgebildet werden zu Fragen des Umgangs mit Extremismus auf dem Schulhof, Behörden wollten verstehen, was der Verfassungsschutz ist und tut, Parteien forderten ein Lagebild zum Extremismus in Brandenburg an, Bürgerinitiativen wollten verstehen, was es mit diesem „Islamismus“ auf sich hat.

Der Verfassungsschutz musste also reagieren. Und dass es Öffentlichkeitsarbeit von Verfassungsschutzbehörden gibt ist nach meiner Beobachtung generell darauf zurückzuführen, dass die Behörde erst einmal auf Nachfrage reagiert. Die Öffentlichkeit, das zeigt sich hier, ist nicht nur geduldiger Empfänger von schriftlich aufbereiteter Informationen, sie fordert Informationen richtiggehend ein – und zwar zumeist in Formaten, die personalintensiv sind. Denn die Referenten fehlen ja anderswo, wenn sie gerade im Lande unterwegs sind, um Schülern, Lehrern, Behörden oder Parteien die Lage zu beschreiben.

Aufgrund dieser Nachfrage entschließt sich eine Verfassungsschutzbehörde also dazu, ein Referat für Öffentlichkeitsarbeit einzurichten. Und wenn es das erst einmal gibt, stellt sich die Frage, wie die hier beschäftigten Mitarbeiter nicht nur passiv, sondern auch aktiv auf die Öffentlichkeit zugehen können. Öffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes versteht sich dann gerne als „Beitrag zur Demokratieerziehung und der politischen Bildung“ (MI Niedersachsen 2011). Das wiederum ruft Legitimationsfragen auf, denn vorgesehen ist diese Öffentlichkeitsarbeit im rechtlichen Sinne nicht – weswegen sie der „Prävention“ zugeschlagen und als „Verfassungsschutz durch Aufklärung“ (s.o.) vermarktet wird.

Was an solch einer Öffentlichkeitsarbeit auffällt ist, dass sie erstens fast nie Pressearbeit umfasst, zweitens eher dem Gedanken der Prävention als der Öffentlichkeitsarbeit (im Sinne z.B. von public relations) unterworfen ist und sie drittens dabei eine Bandbreite an Aktivitäten entwickelt, die sich weitestgehend alle im Bereich der Pädagogik bewegen. Wichtig ist weiterhin, dass viertens kaum jemals Expertinnen oder Experten in Sachen Öffentlichkeitsarbeit in den zuständigen Referaten beschäftigt sind und die Referate fünftens den Charakter von institutionellen Gallionsfiguren haben: d.h. sie hängen äußerlich an den Verfassungsschutzstrukturen, sind aber nur schwach mit ihrem Innenleben vernetzt. Nach außen hingegen haben sie die Behörde gut aussehen zu lassen.

Dass das bei der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit ähnlich aussieht, legt eine Untersuchung nah, die Stefan Jarolimek und Marina Böhmer (2017) vorgelegt haben und die sich mit dem Berufsfeld Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in der Polizei beschäftigt.

Unter anderem fanden die beiden Forscher der deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) heraus, dass Öffentlichkeitsarbeit und Pressearbeit bei der Polizei voneinander getrennt gedacht werden und nur selten eine interne Öffentlichkeitsarbeit mit umfassen. Generell fällt auf, dass die Öffentlichkeitsarbeit in zahlreiche Zuständigkeitsbereiche zerfällt, die nicht organisatorisch zusammengedacht werden: „Typischerweise befinden sich die Pressestelle und die Öffentlichkeitsarbeit in räumlicher Nähe. Das Social Media-Team ist ebenfalls dort angesiedelt, jedoch unterschiedlich im Organigramm verzeichnet. Die Nachwuchswerbung ist meist davon entkoppelt und eher bei den Einstellungsberatern angesiedelt, teilweise mit eigenen Social Media-Auftritten. Eine interne Kommunikation ist schwer aufzufinden“ (Jarolimek / Böhmer 2017: S. 3f.).

Anders als beim Verfassungsschutz ist die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei deutlich vom Präventionsgedanken gelöst – und so sieht eine deutliche Mehrheit der von Jarolimek und Böhmer befragten Praktiker in der polizeilichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ihre Rolle in der Mittlerschaft zwischen Polizei und Öffentlichkeit (Jarolimek / Böhmer 2017: S. 51). Allerdings verortet jeder sechste Befragte die eigene Tätigkeit auch in der Prävention (Jarolimek / Böhmer 2017: S. 20). Das dürfte auch ein Grund dafür sein, dass pädagogische Formate der Öffentlichkeitsarbeit in der Studie gar nicht thematisiert werden.

Eine Ähnlichkeit zwischen Verfassungsschutz und Polizei ist, dass bei der Besetzung der Stellen in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auffällig selten Profis zum Zuge kommen. In der Studie von Jarolimek und Böhmer (2017: S. 14) wird das sehr deutlich: „Nur ein geringer Teil von 3,5 Prozent zeichnete sich dadurch aus, bereits immer eine Funktion im Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit besetzt zu haben.“ Fortbildungen in einem Themenbereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit werden fast immer erst nach Antritt der Stelle besucht (Jarolimek / Böhmer 2017: S. 12). Auffällig ist auch, dass die Verwendung in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mit durchschnittlich 7,4 Jahren länger ausfällt als die in anderen Bereichen der öffentlichen Verwaltung (ca. 5 Jahre), wo das Stichwort „Verwendungsbreite“ gerne zur Dokumentation von Aufstiegschancen genutzt wird (Grumke / van Hüllen 2016, S. 15).

Indirekt zeigt sich damit auch, dass – ähnlich wie die Öffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes – die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nicht als eigenständiger Bestandteil des organisatorischen Blutkreislaufes wahrgenommen wird. Das können Jarolimek und Böhmer (2017: S. 77) auch anhand eines Vergleiches mit der PR in Betrieben der freien Wirtschaft bestätigen: „Die polizeilichen Praktiker nehmen weniger häufig entscheidungstragend an Strategiesitzungen teil und das Top-Management setzt den Rat von PR / KOM in der Polizei weniger häufig in der Organisationspolitik um“ als das in der freien Wirtschaft der Fall ist. Hieraus ließe sich wohl schließen, dass die Öffentlichkeitsarbeit bei der Polizei einen ähnlichen Gallionsfigurcharakter hat, wie der auch beim Verfassungsschutz zu beobachten ist.

Soziologisch betrachtet lassen sich diese Befunde: 1. Trennung von Öffentlichkeits- und Pressearbeit, 2. Selbstverständnis als Mittler zwischen Polizei und Öffentlichkeit, 3. schwache Professionalisierung und 4. Gallionsfigurencharakter vermutlich schon allein damit erklären, dass die Polizei eine Behörde ist und wie eine Behörde denkt. Sie führt ein selbstreferentielles Eigenleben, das einer eigenen Logik unterworfen ist und das sich seiner Umwelt gegenübersieht, von der sie sich grundsätzlich missverstanden fühlt (Dübbers / Grutzpalk 2016; S. 29-37). Die intern geübte Logik des Karriereverlaufs ist darüber hinaus die des Aufstieges[2] und orientiert sich an den „hergebrachten Grundsätze(n) des Berufsbeamtentums“ (Art. 33, 5 GG). Letztlich ist die Bedeutung von Hierarchien und einem Verständnis von Verantwortung im verwaltungsrechtlichen Sinne bedeutend. Denn polizeiliches Handeln ist in Deutschland Verwaltungshandeln und damit dem Postulat der formellen Korrektheit unterworfen (Seibel 2016).

Öffentlichkeit als (schwankender) Akteur

Wenn wir also sagen, dass die polizeiliche Öffentlichkeitsarbeit eigenen Regeln folgt, die sozialstrukturell herleitbar sind, so bleibt damit die Frage unbeantwortet, was denn die Öffentlichkeit eigentlich ist und wie sie sich soziologisch deuten lässt. Dieser Frage möchte ich nun nachgehen, denn sie ist für die rationale Steuerung von Öffentlichkeitsarbeit durchaus relevant.

Grundsätzlich lässt sich hier über Öffentlichkeit festhalten, dass ihr Entstehen viel damit zu tun hat, dass unser Planet für die Gattung Homo Sapiens in den letzten Jahrtausendenden – und besonders zugspitzt in den letzten Jahrzehnten – ein enger Ort gewesen ist. „So viele Menschen“ hat Thomas Macho (1990; S. 29ff.) einen Text überschrieben, der sich zentral mit der Bedeutung stetigen Bevölkerungswachstums für das menschliche Selbstverständnis beschäftigt. Eines wird bei der Lektüre dieses Textes für die Beschäftigung mit dem Phänomen der Öffentlichkeit klar: Es hat sie in diesem Umfang und mit diesen technischen Möglichkeiten noch nie gegeben und sie ist für jede Generation, die mit ihr zu tun hat in gewisser Hinsicht „Neuland“.

Mit der nach ihm benannten Zahl beschreibt der Anthropologe Robin Dunbar indirekt auch die Gruppengröße, die für den Menschen „naturgemäß“ überschaubar bleibt. Das Volumen des präfrontalen Cortex, so hat Dunbar herausgefunden, korreliert mit dem Ausmaß und der Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen. Dabei ist eine Zahl von 150 Menschen, mit denen wir Kontakt halten können kaum überschreitbar, so dass man sich die Gruppengröße nomadisierender Homo-Sapiens-Gruppen vor vielleicht 100.000 Jahren recht gut vorstellen kann. Wenn wir diese Dunbar-Zahl als Ausgangslage nehmen, ist das, was wir heute als Öffentlichkeit zu vergegenwärtigen haben rein zahlenmäßig eine ganz andere Kategorie.

Es ist in einer Gesellschaft mit mehreren Millionen Mitgliedern und einer Weltgesellschaft von bald 7,5 Milliarden Menschen gar nicht mehr möglich, von Öffentlichkeit zu sprechen, ohne damit das Problem zu thematisieren, das Thomas Macho in seinem Titel benennt: „So viele Menschen!“ Wem soll man da glauben, wer verfügt über die legitimen Sprachrohre, welche Medien der Veröffentlichung gibt es überhaupt und wie werden sie wahrgenommen?

Womit wir bei dem ersten namhaften Soziologen sind, von dem wir etwas über Öffentlichkeit lernen können: Niklas Luhmann. Denn der macht uns darauf aufmerksam, dass es die Medien sind, denen wir die Entstehung von Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung verdanken:

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Das gilt nicht nur für unsere Kenntnis der Gesellschaft und der Geschichte, sondern auch für unsere Kenntnis der Natur. Was wir über die Stratosphäre wissen, gleicht dem, was Platon über Atlantis weiß: Man hat davon gehört.“ (Luhmann 1996; S. 9)

Nicht zuletzt deswegen sind Mitarbeiter aus Öffentlichkeitsressorts in nicht-behördlichen Betrieben immer wieder erstaunt darüber, wenn sie erfahren, dass in Sicherheitsbehörden Presse- und Öffentlichkeitsarbeit getrennt voneinander gesehen werden. Wer ein öffentlich wirksames Bild von sich erstellen möchte, das lernen wir von Luhmann, greift dabei immer auch auf die Massenmedien zurück. Denn sie erstellen das aktuell geltende Weltbild. Die Öffentlichkeitsarbeit von Sicherheitsbehörden verfolgt aber ein anderes Ziel als ihre Pressearbeit. Während letzteres professionell auf Anfragen seitens der Massenmedien reagiert, möchte erstere eine Verbindung zwischen Bürger und Behörde herstellen und diese ggf. für präventive Zwecke nutzen.

Mit Blick auf Niklas Luhmann zeigt sich hier, dass die behördliche Öffentlichkeitsarbeit in gewisser Hinsicht stets „hinter der Lage“ operiert, weil sie eher nur auf Anfrage von außen reagiert. Eine Public-Relation-Arbeit hingegen, die am medial präsentierten Image der Behörde arbeitet ist hier nicht beabsichtigt: „Marketing schadet zwar auch uns nicht,“ schreibt die damalige Chefin des Brandenburger Verfassungsschutzes in einem Beitrag über die Öffentlichkeitsarbeit ihrer Behörde, „ist aber nicht Gegenstand des gesetzlichen Auftrages“ (Schreiber 2010; S. 35). Faktoren wie corporate design, corporate identity und corporate storytelling fallen jeweils unterschiedlichen Ressorts im Ministerium zu.

Einer der Altmeister der Forschung über die öffentliche Meinung, der US-Amerikaner Walter Lippmann, erklärt uns nun, wie wir über die Medien erfahren, was wir über die Welt wissen. Er nutzt hierzu den Begriff der „Pseudo-Realität“. Denn über die Realität als solche, so Lippmann, können wir nichts wissen. Mehr noch: „if the connection between reality and human response were direct and immediate, rather than indirect and inferred, indecision and failure would be unknown“ (Lippmann 1927). So aber ist festzuhalten, dass alle Wirklichkeit über Medien der Beschreibung wahrgenommen wird. Oder, um es mit den Worten Lippmanns zu sagen:

„The analyst of public opinion must begin … by recognizing the triangular relationship between the scene of action, the human picture of that scene, and the human response to that picture working itself out upon the scene of action.“

Die Beschäftigung mit der öffentlichen Meinung ist also zuerst die Beschäftigung mit Bildern, die in der Öffentlichkeit über die Realität kursieren. Dieses Problem ist polizeilicherseits z.B. mit dem Begriff der „subjektiven Kriminalitätsfurcht“ beschrieben worden. Solche wertenden Formulierungen aber treffen den Nagel nur halb auf den Kopf: es ist nämlich in jedem Fall fraglich, ob eine Wirklichkeit überhaupt den Rang des „Wahren“ genießen darf und wer mit welchen Instrumenten und welcher Legitimation der Wirklichkeit auf die Pelle rückt (Latour 2005; S. 162). Wichtig scheint zu sein, dass eine Pseudo-Realität mehrheitsfähig ist, um in der öffentlichen Meinung sich entfalten zu können – ein Gedanke, der die Hoffnung in die allüberzeugende Macht der Vernunft zu verdüstern in der Lage ist.

Peter Sloterdijk (1998) geht sogar noch weiter und behauptet, dass letztlich alle modernen Öffentlichkeiten vor dem numerischen Problem stehen, das weiter oben im Zusammenhang mit der Dunbar-Zahl angesprochen wurde:

„Die Frage (ist), durch welche Strategien und Medien von Massenkommunikation es überhaupt möglich wäre, so ungeheure Zahlen von Menschen, wie neuzeitliche Nationalstaaten sie beherbergen, von ihrem vorrangigen sozialen Zusammenhang zu überzeugen.“

In der Öffentlichkeit werde schon aufgrund der schieren Masse der an ihr Beteiligten nicht ernsthaft über Argumente diskutiert, sondern es entstehe vielmehr regelmäßig ein öffentlich wirksamer Erregungszustand, der durch die Massenmedien angefacht und transportiert werde. Letztlich kommt Sloterdijk sogar zu dem Schluss, dass moderne Nationalstaaten nichts anderes seien als vielstimmige Gebilde, die durch regelmäßig auftretende kollektive Panikattacken zusammen gehalten werden.[3] Durch sie ergibt sich eine Art permanenter Aufruhr, der die notwendige Spannung sicherstellt die es braucht, um so viele Menschen zusammen zu halten:

„Moderne Nationen sind Erregungsgemeinschaften, die durch telekommunikativ … erzeugten Synchron-Stress Form halten. Mit Hilfe synchronisierender Hysterien und homogenisierender Paniken versetzen sie sich selbst fortwährend in jene Mindestspannung, die nötig ist, um das erneute Aufklaffen der Frage, ob die Revolution hier beendet sei oder eine Fortsetzung verlange, zu verhindern oder zu vertagen.“

Wenn es nach Sloterdijk ginge, wäre also die Unterscheidung, mit denen massenmediale Systeme arbeiten nicht „Information / Nichtinformation“ (Luhmann 1996; S. 41), sondern eher eine Codierung anhand der Begriffe „Skandal“ und „Nichtskandal“.[4] Nichtskandal wäre dementsprechend eine Meldung, deren Verbreitung sich nicht lohnt, weil sie keine öffentliche Erregung auszulösen in der Lage ist. Skandal wäre das, was einer Meldung an kollektivem Empörungspotential innewohnt.

Eine andere Sichtweise auf die Massenmedien liefert Jürgen Habermas (1962), der sich in seiner Habilitationsschrift mit dem Wandel der Öffentlichkeit beschäftigt hat. Dabei beobachtet Habermas eine Verlagerung der öffentlichen Debatte vom in der Antike dafür vorgesehenen Forum über die Repräsentation der Öffentlichkeit in der Person des Herrschers in der frühen Neuzeit, bürgerliche Lesezirkel im 18. Jahrhundert bis hin zu den Massenmedien, in denen die Öffentlichkeit unserer Epoche stattfindet. Dieser medialen Öffentlichkeit traut Habermas einiges zu, wenn es ihr gelingt, möglichst offen und gewaltfrei zu kommunizieren. Letztlich sieht er sie als demokratisches „Säurebad“ (Habermas 1999), in dem alle Radikalismen und schädlichen Überlegungen weggeätzt werden können, um letztlich das gewinnende und richtige Argument freizulegen.

Dieser Gedanke ist für die polizeiliche Öffentlichkeitsarbeit allein deswegen relevant, weil mit Hilfe von Habermas deutlich wird, dass Institutionen, um demokratisch legitimiert sein zu können, die Medien und die Öffentlichkeit im Allgemeinen nicht scheuen dürfen. Nur eine Polizei, die sich öffentlichen Debatten stellt kann von sich behaupten, eine demokratische Institution zu sein. Das hat dann allerdings nichts mit der vom o.g. Erlass erwünschten top-down-Gefälle von der Polizei hin zur Öffentlichkeit zu tun. Demokratische Öffentlichkeitsarbeit im Habermas’schen Sinne ist eine, die sich am öffentlichen Säurebad beteiligt – als einer der vielen Kommunikationspartner. Wie das aussehen kann, ist sicherlich nicht leicht zu beantworten. Jedenfalls ist damit zu rechnen, dass ein Mediensystem, das sich an der Unterscheidung von Information / Nicht-Information orientiert kaum ein intrinsisches Interesse daran hat, ein „objektives Bild der Polizei in der Öffentlichkeit“ zu erstellen – weil es nicht seine Aufgabe ist. [5]

Und vermutlich ist das Bild, das die Polizei von sich selbst hat auch nicht unbedingt das Bild der Journalisten von der Behörde. Wenn „Weltanschauung“ im hier besprochenen Kontext etwas bedeutet, dann doch zumindest das: dass Walter Lippmann uns das Dreiecksverhältnis zwischen Tatsache, Bild und Reaktion deutlich macht (s.o.), das man verstehen muss, wenn man sich mit öffentlicher Meinung beschäftigen möchte. Die (politische) Weltanschauung, das lernen wir hier, hat auch einen Effekt darauf, wie ich mit Tatsachen umgehe. Und wie Journalisten die Polizei sehen macht nun einmal einen Gutteil von dem aus, wie sie sie journalistisch bearbeiten.

Eine schon etwas ältere Forschung zu parteipolitischen Einstellungen von Journalisten lässt erkennen, dass Grüne (36%) und SPD (25%) deutlich vor CDU (11%) und FDP (6%) Präferenz erfahren (Weischenberg, Malik & Scholl 2006, S. 32). Wenn Egon Friedell (1927) Recht hat, geht eine politisch linke Weltanschauung häufig auch mit einer gewissen „Polizeiwidrigkeit“ einher – was auch bedeuten dürfte, dass der professionelle Journalismus der polizeilichen Pressearbeit skeptisch gegenübersteht. Daraus aber eine „Fake News“-Anschuldigung der Presse gegenüber abzuleiten wäre fehlgeleitet. Das weiß die Polizei aus ihrem eigenen Sprachgebrauch selbst: Es ist nicht umsonst vom LageBILD die Rede und nicht von der „Lagerealität“. Die Wirklichkeit bleibt nun einmal immer hinter dem Bild verborgen, das wir von ihr haben. Dahinter steckt aber seitens der Journalisten kein böser Wille, sondern die Absicht, „kritisch“ mit Informationen der Polizei zu verfahren.

Öffentlichkeiten im Plural

Bislang ist hier nur von der Öffentlichkeit die Rede gewesen, aber das ist natürlich auch nur ein Bild, das man von dieser unsichtbaren Masse von Menschen hat. Was für ein Bild haben wir vor Augen, wenn wir „Öffentlichkeit“ sagen? Ein Stadion voller Leute vielleicht? Oder Pressevertreter, die einem ein Mikrophon unter die Nase halten? „Öffentlichkeit“ hat als Begriff jedenfalls ungefähr den gleichen Informationswert wie das Wort „Gesellschaft“, das Soziologen häufig mit einer rhetorischen Geste begleiten, „indem sie mit den Händen einen Umriss in der Größe eines Kürbis in die Luft zeichnen“ (Latour 2009, S. 51).

Es ist aber – genauso wie beim soziologischen Gesellschaftsbegriff – schwierig, sich eine solche Einheit vieler Menschen sachlich vorzustellen. Was sollte das Motiv dieser Menschen sein, sich als eine solche Einheit anzusehen? Ist es nicht vielmehr denkbar, dass Menschen erst einmal irgendwo zusammenleben, ohne gleich für sich in Anspruch nehmen, ein Gemeinwesen, eine Gesellschaft oder gar eine Öffentlichkeit zu sein?

Die Frage stellt sich schon früh nach der Eindeutschung des französischen „publique/public“ in „Publicum“ und „Öffentlichkeit“ im 18. Jahrhundert (Schiewe 2004; S. 41). Laut Preußischem Allgemeinem Landrecht ist es Aufgabe der Polizei, „die dem Publico oder einzelnen Mitgliedern desselben bevorstehende Gefahren“ abzuwenden (§ 10 Teil II Titel 17 PrAlR 1794). Publicum ist hier erst einmal ein verwaltungstechnischer Begriff. Seine genaue Bedeutung wird aber diskutiert. So definiert Campes Verdeutschungswörterbuch von 1813 „Publicum“ als „Gemeinwesen“ und führt aus: „der brave Mann sieht bei allen seinen Unternehmungen mehr auf den Vortheil des Gemeinwesens als auf den eigenen“ (zit. n. Schiewe 2004; S. 40). Irgendwie gemeint ist also mit „Publicum“ eine Sammlung der billig und gerecht Denkenden im Lande.

Dieses Verständnis von Öffentlichkeit ist immer wieder und zurecht hinterfragt worden. So beschreibt Georg Büchner in seinem Theaterstück „Dantons Tod“ einen Dialog zwischen Philippeau und Danton, in dem die Existenz einer politischen Öffentlichkeit kategorisch in Frage gestellt wird.

Danton: Oh, es versteht sich alles von selbst. Wer soll denn all die schönen Dinge ins Werk setzen?

Philippeau: Wir und die ehrlichen Leute.

Danton: Das ‚und’ dazwischen ist ein langes Wort, es hält uns ein wenig weit auseinander; die Strecke ist lang, die Ehrlichkeit verliert den Atem, eh‘ wir zusammenkommen. Und wenn auch! – den ehrlichen Leuten kann man Geld leihen, man kann bei ihnen Gevatter stehn und seine Töchter an sie verheiraten, aber das ist alles!“

Man muss Büchners Skepsis nicht teilen, um das Problem zu erkennen, das er hier beschreibt: das, was man gemeinhin eine Öffentlichkeit nennt zerfällt immer wieder in ihre Bestandteile und bei genauerer Betrachtung lässt sich nur ein Gewusel einzelner Akteure, aber keine Gesamtkörperschaft namens „Öffentlichkeit“ erkennen.

Das Petabytezeitalter verschärft diesen Eindruck: es lässt sich eine radikale Individualisierung von Öffentlichkeiten im Internet erkennen, die mit Hilfe unmittelbarer Kommunikation in den sozialen Netzwerken Verbreitung findet. Der Philosoph Byung Chul Han sieht das als ein Problem an, das letztlich die Demokratie in Gefahr bringe. Die im Internet mögliche unmittelbare Kommunikation lade nämlich zur Verpöbelung ein. Wo einst politische Parteien mit dem Auftrag der „Willensbildung des Volkes“ und journalistische Redaktionen mit Hilfe der Codierung „Information / Nicht-Information“ an die Welt der Neuigkeiten herangingen, gehe diese Repräsentation der Öffentlichkeit verloren. Und diese „Repräsentation wirkt wie ein Filter, der,“ so Han (2012), „was die Qualität angeht, einen sehr positiven Effekt besitzt. Ohne ihn kommt es zu einer Vermassung von Zeichen, akustisch ausgedrückt, zu einem erhöhten Lärmpegel.“

Han kommt also zu dem Schluss, dass wir im Internetzeitalter einer politischen Gefahr der digitalen Verpöbelung ausgeliefert sind, die vorangegangene Zeiten nicht kannten. Gerade die Geschwindigkeit und Unmittelbarkeit von Schlagabtäuschen im Internet bringe es mit sich, dass der wichtigste Aspekt einer politischen Debatte verloren gehe: Der gemeinsame Wille zur „Gestaltung der Zukunft“ – denn der vertrage sich nicht mit dem Habitus des „sofort!“ des Internetzeitalters.

Ob das stimmt, bleibt abzuwarten. Zumindest aber zeigt das Internetzeitalter ein Problem auf, das wir kennen, seit wir uns mit Öffentlichkeiten beschäftigen: wir stellen sie uns zwar als zusammenhängendes Etwas vor, sehen aber nur einzelne Akteure. „Wer kann sich“, so fragt sich Peter Sloterdijk (2004; S. 816) „gleichzeitig auskennen in den Subkulturen der Golfer, der Schach-Experten, der Pferde-Osteopathen, der Body-Builder, der Mountain-Bike-Fahrer, der Swinger, der Jungdemokraten, der Drachenflieger, der Paläolinguisten, der Lack-Fetischisten, der Liebhaber von Süßwasseraquarien, der Tango-Fans, der Sammler von Comics, Flugzeugmodellen und altem Silber?“

Ein vermittelnder Ansatz ist der der soziologischen Milieustudien. Diese Studien führen die Behauptung, dass es eine Gesellschaft gebe mit der Erkenntnis zusammen, dass wir verschiedene soziale Schichten genauso deutlich erkennen können wie wir unterschiedliche Wertmaßstäbe wahrnehmen können (Huinink & Schröder 2008; S. 194ff.). Berühmt sind hierzulande die Sinus-Milieustudien, die in ihren graphischen Darstellungen auf der x-Achse Wertvorstellungen zwischen „Tradition“ und „Neuorientierung“ festhält, während die y-Achse die „soziale Lage“ (also: Bildung, Beruf, Einkommen etc.) beschreibt (www.sinus-institut.de). Für 2017 hat das Sinus-Institut zehn verschiedene Milieus ausfindig gemacht, die in Deutschland anzutreffen seien. So ist z.B. das „prekäre Milieu“ im unteren Bereich des sozialen Status zu finden. Hier trifft der Wunsch danach, mit der bürgerlichen Mitte Schritt zu halten unversöhnlich auf trübe finanzielle und karrieretechnische Aussichten. Das „Milieu des Performer“ hingegen ist weit oben in der Graphik wiederzufinden. Es verbindet seine Einkommensstärke mit dem Selbstbewusstsein, zu einer „multi-optionalen und effizienzorientierten Leistungselite“ anzugehören.

Aus diesen Milieustudien lässt sich leicht ableiten, dass es nicht nur eine, aber auch nicht Abermillionen von Öffentlichkeiten gibt. Es gibt vielmehr – je nachdem, wie man zählt – eine gewisse Anzahl an milieuspezifischen Öffentlichkeiten (Hütt 2013; S. 116). Öffentlichkeitsarbeit muss sich also klar darüber sein, dass verschiedene Botschaften in verschiedenen Milieus unterschiedlich wahrgenommen werden und sich dementsprechend auf sie einstellen. Ob und inwieweit das auch für die Öffentlichkeitsarbeit von Behörden gelten kann ist strittig: der gesetzliche Auftrag einer Behörde lässt sich ja nicht beliebig in verschiedene milieuspezifische Sprachen übersetzen. Gleichzeitig ist das Selbstbewusstsein gerade der Polizei, über Milieugrenzen hinaus kommunizieren zu können (Dübbers & Grutzpalk 2016, S. 27) auch eine Art Verpflichtung, es doch zu versuchen.

Fazit

Wenn wir die oben angestellten Überlegungen zusammenfassen, kommen wir zu dem Ergebnis, dass die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei grundsätzlich anders organisiert ist (und auch sein muss) als die eines privatwirtschaftlichen Betriebes. Das äußert sich darin, dass sie in wesentlich geringerem Umfang Image-Pflege betreibt, sondern vielmehr zwischen Behörde und Bürger zu vermitteln versucht. Darüber hinaus fehlen ihr einige der Zuständigkeiten, die sich bei privatwirtschaftlichen Betrieben in der Öffentlichkeitsarbeit finden lassen: so sind Personalgewinnung und Pressearbeit häufig nicht im Zuständigkeitsbereich polizeilicher Öffentlichkeitsarbeit.

In der Behörde genießt die Öffentlichkeitsarbeit daneben auch längst nicht die Anerkennung, die ihr anderswo zukommt. Im Gegenteil gelten die amtlich festgelegten Hierarchien und die Beratungskompetenz der Öffentlichkeitsarbeiter wird zumeist gering geachtet. Die überdurchschnittlich lange Verwendungszeit von Beamten im Öffentlichkeitsarbeitsbereich ist ein Hinweis auf das, was Polizisten in ihrer betriebsinternen Sprache „Edeka“ (Ende der Karriere) nennen: Wer in der Öffentlichkeitsarbeit tätig ist, bleibt meistens auch hier (s.o.). Gleichzeitig ist die unüblich lange Verwendung von Beamten in der Öffentlichkeitsarbeit kein Hinweis auf eine Professionalisierung: nur wenige der hier Tätigen haben sich – z.B. von der Ausbildung her – im Vorfeld als besondere Fachleute in Sachen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit erwiesen.

Von den Theoretikern der Öffentlichkeitsarbeit Luhmann, Lippmann und Sloterdijk können wir folgendes lernen: Erstens Ohne Medien gibt es keine Öffentlichkeit – alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Medien. Diese Medien folgen einer Unterscheidung von Information / Nicht-Information, die sich von Unterscheidungen des rechtlichen Systems (Recht / Nicht-Recht) unterscheidet (Luhmann). Zweitens Mit einem objektiven Wissen ist nicht zu rechnen – vielmehr ist Öffentlichkeitsarbeit stets mit dem Bild beschäftigt, das in der Öffentlichkeit von der Realität vorherrscht. Dieses Bild wiederum schlägt sich in der Ausgestaltung der Wirklichkeit nieder (Lippmann). Drittens: Regelmäßig auftretenden mediale Paniken sind ein Normalzustand in Massengesellschaften. Sie gehören zur tragenden Struktur einer Gesellschaft, deren Mitglieder keine Chance haben, einander zu kennen und die deshalb einen überzeugenden Grund, zusammen zu sein, medial aufbereitet bekommen (Sloterdikjk).

Für die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei folgert sich aus diesen Überlegungen, dass sie Erstens nur über die Medien kommunizieren kann, deren Unterscheidung zwischen Information und Nichtinformation nicht für die Polizei gilt. Zweitens muss die Polizei die Bilder erkennen, die über sie und ihre Tätigkeit in der Öffentlichkeit vorherrschen, um auf diese Bilder in ihrer Öffentlichkeitsarbeit eingehen zu können. Drittens kann die Polizei erkennen, dass medial generierte Paniken zum Alltag einer Demokratie gehören und zu deren innerer Stabilisierung beitragen. Wenn sie die innere Sicherheit betreffen sind diese Paniken Teil der Öffentlichkeitsarbeit der Polizei – ob sie will oder nicht.

Von Jürgen Habermas lernt die polizeiliche Öffentlichkeitsarbeit, dass sie Teil eines breiteren öffentlichen Diskurses ist. Der ist das gemeinschaftliches Projekt einer Gesamtgesellschaft, das in den Medien stattfindet und sich der Suche nach dem Allgemeingut widmet. Polizei ist Teil dieses riesigen medialen Gesprächskreises – nicht tonangebende Figur. Polizeiliche Öffentlichkeitsarbeit ist also so gesehen fortlaufende Beteiligung an öffentlichen Diskursen. Idealerweise findet sie z.B. in Form von Hintergrundgesprächen statt, in der die Polizei mit Pressevertretern die Arbeit der Behörde bespricht und erörtert. Und diese Art der Vernetzung mit der Medienwelt wiederum ist eine Führungsaufgabe.

Letztlich wird deutlich, dass es nicht eine Öffentlichkeit, sondern mehrere Öffentlichkeiten gibt, auf die sich die Polizei einzustellen hat. Das ist für Polizeipraktiker keine Neuigkeit (Turba 2014), stellt die Öffentlichkeitsarbeit aber vor das Problem, mit zentral gesteuerten Botschaften sehr unterschiedliche Adressaten erreichen zu müssen. Soziologische Milieustudien können helfen, sozialen Status und Wertvorstellungen einiger dieser Öffentlichkeiten zu beschreiben. Sie können auch ein Bild davon anbieten, wie eine gelungene Kommunikation mit verschiedenen Öffentlichkeiten aussehen kann.

Die vielleicht wichtigste Botschaft ist, dass polizeiliche Öffentlichkeitsarbeit sich nicht vom Imperativ des „sofort!“ des Internetzeitalters (Han 2012) hetzen lassen darf, wenn sie qualitativ wertvoll bleiben möchte. Das gilt für die Anzahl möglicher Sender genauso wie für den Umgang mit einem öffentlichen Drängen nach Information. Letzterem muss die Polizei sicherlich zeitnah nachgeben, um einem freien Flottieren nicht autorisierter Informationen vorzubeugen. Sie muss allerdings die Fäden in möglichst wenigen Händen zusammenführen, so dass kein polizeiliches Stimmengewirr entsteht. Das kann nämlich eher zu Beunruhigung einer Lage beitragen. Damit Öffentlichkeitsarbeit in Krisenlagen gut gelingt, müsste sie mit Fachleuten bestückt und in der Hierarchie angesehen sein. Wie sich zeigt, ist bei der Polizei hier noch Luft nach oben.

Literatur:

Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (Hrsg.): Für eine effektivere Polizeiarbeit. Diskriminierendes „Ethnic Profiling“ erkennen und vermeiden: ein Handbuch. Luxemburg: Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, 2010

Der Spiegel (Hrsg.) (1972): Schleier wegziehen; Heft 25; online veröffentlicht unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42928460.html

Friedell, Egon (1927): Kulturgeschichte der Neuzeit; online veröffentlicht unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/kulturgeschichte-der-neuzeit-4951/1

Grumke, Thomas und Rudolf van Hüllen (2016): Der Verfassungsschutz: Grundlagen. Gegenwart. Perspektiven?; Opladen: Barbara Budrich

Walter, Stephan (2010): „Ein Amt, das sonst die Öffentlichkeit eher meidet“: Niedersachsen geht neue Wege in der Öffentlichkeitsarbeit; In: Offener Demokratieschutz in einer offenen Gesellschaft: Öffentlichkeitsarbeit und Prävention als Instrumente des Verfassungsschutzes, Thomas Grumke und Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.), Opladen: Barbara Budrich; S. 162-170

Jarolimek, Stefan und Maria Böhner (2017): Kommunikation als Profession: Das Berufsfeld Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in der Polizei 2016: Münster, Schriftenreihe der Deutschen Hochschule der Polizei

Schiewe, Jürgen (2004): Öffentlichkeit. Entstehung und Wandel in Deutschland; Paderborn, Schöningh.

Lippmann, Walter (1927): Public Opinion, New York, Harcourt, Brace and Co.

Grutzpalk Jonas (2015): Mängelwesen auf dem Mount Improbable. Soziologische Essays; Norderstedt: BoD

Grutzpalk, Jonas (2016): Die Erforschung des Wissensmanagements in Sicherheitsbehörden mit Hilfe der Akteurs-Netzwerk-Theorie; In: Polizeiliches Wissen. Formen, Austausch, Hierarchien. Jonas Grutzpalk (Hrsg.); Frankfurt a.M.: Verlag für Polizeiwissenschaft; S. 15-48.

Habermas, Jürgen (1962): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Neuwied/Berlin: Luchterhand.

Habermas, Jürgen (1999): Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal; Die Zeit vom 3Erstens März

Han, Byung Chul (2012): Im Schwarm; Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3.10.; online veröffentlicht unter: http://www.faz.net/aktuell/politik/staat-und-recht/gastbeitrag-im-schwarm-11912458-p3.html

Huinink, Johannes und Torsten Schröder (2008): Sozialstruktur Deutschlands; Konstanz: UTB

Hütt, Hans (2013): Rüde Rede – robuste Rhetorik. Zur Sprache im Wahlkampf; In: Wahlkampfstrategien. Erfahrungswissen und Kontextanalysen aus Praxis und Forschung; In: Dokumentation der Fachkonferenz vom 11. und 12. Juni 2013, Berlin, Heinrich – Böll – Stiftung (Hrsg.); Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung; S. 109-117.

Latour, Bruno (2005): Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory; Oxford: OUP

Latour, Bruno (2009): Gabriel Tarde und das Ende des Sozialen; In: Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. Materialien zu Gabriel Tarde; Christian Borch und Urs Stäheli (Hrsg.); Frankfurt a.M.: Suhrkamp; S. 39-61

Luhmann, Niklas (1995): Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

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Mach, Thomas (1990): So viele Menschen. Jenseits des genealogischen Prinzips, in: Peter Sloterdijk ( Hrsg.): Vor der Jahrtausendwende. Berichte zur Lage der Zukunft, Frankfurt/Main: Suhrkamp

MI Niedersachen (2011): Bildungsarbeit beim Niedersächsischen Verfassungsschutz; online veröffentlicht utner: http://www.mi.niedersachsen.de/aktuelles/presse_informationen/93590.html

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Seibel, Wolfgang (2016): Verwaltung verstehen. Eine theoriegeschichtliche Einführung; Berlin: Suhrkamp

Sloterdijk, Peter (1998): Der starke Grund, zusammen zu sein. Erinnerungen an die Erfindung des Volkes; In: Zeit vom Zweitens Januar

Sloterdijk, Peter (2004): Sphären III. Schäume; Frankfurt a.M.

Turba, Hannu (2014): Soziale Sensibilität von Polizeibeamten zwischen programmatischem Anspruch und Alltagsrelevanz. In: Tobias Sander (Hg.): Habitussensibilität. Wiesbaden: Springer VS, S. 281-302.

Walter, Stephan: „Ein Amt, das sonst die Öffentlichkeit meidet.“ Niedersachsen geht neue Wege in der Öffentlichkeitsarbeit; In: Grumke, Thomas und Armin Pfahl-Traughber (Hg.): Offener Demokratieschutz in einer offenen Gesellschaft; Opladen, S. 162.169.

Weber, Max (1980): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Besorgt von Johannes Winckelmann. Studienausgabe, Tübingen.

Weischenberg, Siegfried, Maja Malik und Armin Scholl (2006): Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland; Konstan

Wydra, Thilo (2012): 45 Jahre „Aktenzeichen XY…ungelöst“. In: Tagesspiegel vom 30.10; online veröffentlicht unter: http://www.tagesspiegel.de/medien/45-jahre-aktenzeichen-xy-ungeloest-die-sendung-hat-mein-leben-veraendert-/7322192-3.html

 

[1] „Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm nachfolgten, riefen: Hosianna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe!“ (Mt 21,9)

„Da redete Pilatus abermals auf sie ein, weil er Jesus losgeben wollte. Sie riefen aber: Kreuzige, kreuzige ihn!“ (Lk 23, 20)

[2] „Eine sehr starke Entwicklung des ‚Rechts auf das Amt’ erschwert naturgemäß die Besetzung der Ämter nach technischen Zweckmäßigkeitsrücksichten und auch die Karrierechancen strebsamer Anwärter.“ (Weber 1980)

[3] Zur Überprüfung der soziologischen Haltbarkeit einer solchen These vgl. Grutzpalk 2015.

[4] Wobei die Unterscheidung, die Luhmann im System der Massenmedien am Werk sieht mit einem Begriff der „Information“ arbeitet, dem eine besondere Wertung des Neuigkeitswertes anhaftet: „Die wohl wichtigste Besonderheit des Codes Information/Nichtinformation liegt in dessen Verhältnis zur Zeit. Informationen lassen sich nicht wiederholen; sie werden, sobald sie Ereignis werden, zur Nichtinformation. Eine Nachricht, die ein zweites Mal gebracht wird, behält zwar ihren Sinn, verliert aber ihren Informationswert. Wenn Information als Codewert benutzt wird, heißt dies also, daß die Operationen des Systems ständig und zwangsläufig Information in Nichtinformation verwandeln.“

[5] Es ist zwar tatsächlich bedauerlich, wie falsch Arbeitsweise und Funktion der Verfassungsschutzbehörden in „Tatort“-Verfilmungen dargestellt werden. Der Anlauf des Verfassungsschutzes Niedersachsen, einer der Hauptdarstellerinnen der Serie einen aufklärerischen Brief zu schreiben (Walter 2010; S. 167), musste aber aus systemtheoretischer Hinsicht scheitern, weil das Kunstsystem mit der Unterscheidung „Kunst/Nicht-Kunst“ arbeitet (Luhmann 1995; S. 458) und dementsprechend letztlich empfindungslos dem Anliegen der Behörde gegenüber bleiben muss.

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grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Bielefeld. Mehr auf meiner Website grtzplk.de

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