Der schusselige Samurai. Ein meditatives Märchen

Es war einmal ein kleiner Samurai. Jeder weiß, dass die Samurai Ritter im alten Japan waren und prachtvolle Rüstungen trugen. Die Rüstung unseres Samuarais war leuchtend rot und wunderschön. Aber leider konnte sich der Samurai nicht an ihrer Schönheit erfreuen. Er litt nämlich an seiner Schusseligkeit.

Und das war eine Schussligkeit, das kann ich Euch sagen! Der kleine Samurai war so schusselig, dass er manchmal Anlauf nahm, um auf sein Pferd zu springen und statt dessen auf Sattel seines Fahrrades landete. Oder er griff zum Schwert und hatte in Wirklichkeit einen Besenstiel in der Hand.

Das alles wäre ja nicht so schlimm gewesen, wenn unser kleiner Samurai das rechtzeitig bemerkt hätte, aber er war so schusselig, dass er schon mehrfach mit dem Fahrrad in die Schlacht geradelt gekommen war. Und auch schon mit dem Besenstil hatte er so manches Gefecht … verloren. Denn das ist ja klar, dass man so nicht gegen Ritter gewinnen kann, die auf echten Pferden sitzen und echte Schwerter schwingen. Ein Glück, dass unserem kleinen Samurai noch nichts Ernstes passiert war! Schlimm genug, dass die anderen Samurai ihn auslachten und ihn „Schusselsamurai“ nannten.

Aber noch schlimmer war: der schusselige Samurai konnte sich selber nicht mehr leiden. Er konnte seine Schusseligkeit nicht ausstehen. Er hasste sich dafür, dass er die Tasse auf den Tisch stellen wollte und sie stattdessen (natürlich aus Versehen) auf dem Boden landete. Er hasste es, wenn der Apfelsaft auf dem Tisch entlangfloss, weil er das Glas wieder einmal nicht getroffen hatte. Er hasste sich dafür, dass er keine Schleife binden konnte. Und er hasste sich für das Fahrrad und den Besenstil. Und Ihr wisst, dass es sehr ernst um jemanden bestellt ist, wenn der sich selber nicht mehr mögen kann. Das wisst Ihr, nicht wahr?

Der kleine Samurai merkte, dass es so nicht weitergehen konnnte. Wenn man in Japan merkt, dass etwas so nicht weitergehen kann, dann sucht man sich einen Sensei, das heißt: einen Lehrer. Das tat auch der kleine Samurai. Er ging in die Welt hinaus, um den Lehrer zu suchen, der ihm helfen konnte.

Bald schon fand er einen solchen Sensei. Der hatte ein großes Türschild auf dem stand: „schusselige Leute werden hier entschusselt“. Das gefiel dem kleinen Samurai, denn er war ja sehr schusselig und wollte nicht mehr schusselig sein. Also machte der Samurai den Sensei zu seinem Lehrer.

Der Sensei war ein dicker Mann mit rotem Hemd, der auch schon gleich losbrüllte: „Hör auf, solch ein Schussel zu sein!“ Das klang erst einmal ganz schön zackig. Aber helfen konnte der Sensei dem Samurai nicht. Eher im Gegenteil wurde der aus Angst vor dem Lehrer immer schusseliger. Jetzt kleckterte er auch noch mit der Tinte vom Füllfederhalter. Das hatte er früher noch nie getan.

Aber der dicke Sensei mit dem roten Hemd brüllte weiter und schrie: „Jetzt hör doch aber mal auf mit dieser Schusseligkeit, gottverdammich!“ Der kleine Samurai wusste zwar nicht, wer oder was gottverdammich war, aber eines wusste er schnell: so konnte das nichts werden. Er musste sich einen neuen Lehrer suchen.

Den fand er schon bald. Ein spindeldürrer Sensei mit gelben Schuhen. Der hatte ein Türschild auf dem stand: „Du bist toll, so wie Du bist.“ Das machte dem kleinen Samurai Mut und er heuerte den dürren Sensei als seinen Lehrer an. Doch auch von diesem Mann konnte er nichts lernen. Denn stellt Euch mal einen Lehrer vor, der sagt: „das Glas hast Du aber hübsch mit dem Ellenbogen umgeschubst!“ Oder „Herrlich, wie Du mit dem Besenstil in die Schlacht reitest!“ Eine zeitlang tat es dem Samurai ganz gut, nicht beschimpft zu werden, aber bald schon merkte er, dass er auch von diesem Lehrer nichts würde lernen können.

Da zog der Samurai weiter und suchte im ganzen Land, aber es wollte fast so scheinen, als sei seine Schusseligkeit unheilbar. An einem Nachmittag war der Samurai schon stundenlang gewandert, ohne auch nur ein Anzeichen eines guten Sensei zu finden, da passierte es. Der Samurai war müde und sehr sehr wütend. Vor Wut wollte er gegen eine Blechdose treten, die auf dem Boden lag. Er nahm Schwung, traf tatsächlich auch die Dose, torkelte dann aber –  und fiel „plumps“ auf den Hintern. Er hatte viel zu viel Schwung genommen. Wieder so ein Moment der Schusseligkeit. Der Samurai hätte weinen können, wenn er kein Samurai gewesen wäre.

Da kam ein ganz alter Sensei zu ihm. Er war ein Zen-Mönch, das sind so Leute, die in Klöstern leben und den ganzen Tag auf einer Stelle sitzen und vor sich hinstarren. Das nennt man meditieren und das ist eine tolle Sache – Ihr solltet das auch einmal ausprobieren. Aber jetzt geht es ja nicht um Euch, sondern um den kleinen Samurai. Und zu dem kam nun der Zen-Mönch und sprach nur einen Satz: „Habe den Mut, zu Deiner Schwäche zu stehen.“

Über diesen Satz dachte der Samurai lange nach. Wenn jemand lange über den immer gleichen Satz nachdenkt, nennt man das auch meditieren. Das heißt, dass man sich etwas ganz genau überlegt und zu verstehen versucht. Und der Samurai wollte verstehen, was dieser Satz heißen könnte. Er spürte, dass der Satz „Habe den Mut, zu Deiner Schwäche zu stehen“ etwas zu bedeuten hatte – etwas für ihn zu bedeuten hatte. Er hätte gerne den Mönch gefragt, aber er fand ihn nicht mehr wieder.

So lief er nach Hause, Tag und Nacht. Und als er zu Hause angekommen war, da hatte er den Satz des Mönchs verstanden. Oder zumindest dachte er sich das so. Er war mutig, aber er hatte auch Schwächen. Er wusste nun, dass er sich nicht befehlen konnte, keine Schwächen zu haben. Aber er wusste, dass er ihnen mit Mut begegnen konnte. Er wusste, dass sein Mut und seine Schusseligkeit zusammen gehörten – sie waren beide Teil von ihm. Er war nicht nur schusselig – sondern auch sehr mutig.

Der kleine Samurai stellte sein Leben um. Das Schwert bekam einen festen Platz neben der Eingangstür und immer, wenn er in die Schlacht rannte, wusste er, wo er hinzugreifen hatte – das hat er ein paar Mal geübt, bis es klappte. Seitdem ist der Samurai nie wieder mit einem Besenstil in einer Schlacht gewesen. Auch die Sache mit dem Fahrrad ließ sich leichter angehen als der Samurai gedacht hätte: er stellte das Fahrrad nicht mehr in den Stall, sondern in den Keller. So konnte es zu keinen Verwechslungen kommen.

Und auch mit dem Apfelsaft hatte er nun gelernt, besser umzugehen. Er nahm sich ganz fest vor, sich nur darauf zu konzentrieren, Saft einzuschütten. So ließ er sich nicht mehr von anderen Sachen ablenken, bis er damit fertig war. Seine Schusseligkeit hatte der Samurai dadurch noch lange nicht besiegt, aber er hatte den Mut gefunden, sich einzugestehen, dass er schusselig war. Und er hatte auch den Mut, es dabei nicht bewenden zu lassen. Er konnte Tricks  erfinden, die ihm halfen, mit seiner Schusseligkeit besser umzugehen.

Oft musste der kleine Samurai noch an den Lehrer denken, der ihm das beigebracht hatte. Mit nur einem Satz. Aber was für ein Satz! „Habe den Mut, zu Deiner Schwäche zu stehen.“ Oder war es „stelle Dich mutig Deinen Schwächen “? Oder hatte der Mönch vielleicht gesagt: „Wer Schwächen hat, braucht extra viel Mut“? Mit der Zeit wusste es der kleine Samurai das nicht mehr so genau. Aber irgendwie ist es ja auch egal, oder? Hauptsache, unser Samurai ist jetzt glücklich und kann sich wieder leiden.

Veröffentlicht von

grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der HWR Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Bielefeld.

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