Sympathische Banden und die Profis. Einige Gedanken zum Weltanschauungsmarkt

Während in der Nachkriegszeit nahezu 97% der Deutschen Mitglied der einen oder der anderen Kirche waren, ist der größte religionsstatistische Block heute für „Konfessionsfreie“ reserviert. Diese Konfessionsfreien sind aber keine Einheit, sondern sie fallen durch eine irritierende Glaubensvielfalt auf: So glauben einer aktuellen Befragung zufolge 3% von ihnen an die Hölle, 18% an den Teufel, 20% an Gott, 25% an ein Leben nach dem Tod, 27% an Engel, 32% an eine unsterbliche Seele und 51% an Wunder.

Säkulare-humanistische Verbände bieten sich als Organisationsplattform für die Konfessionsfreien an, die sich auf einige Grundüberlegungen zum säkularen Humanismus einigen können. Sie glauben weitestgehend nicht an Wunder, haben oft ein szientistisches Welbild und betrachten religiöse Tradtiton vielleicht mit Wohlwollen, aber ungläubig.

Aber es ist unklar, für wen die Humanistischen Organisationen genau sprechen. Dass es diese Verbände überhaupt gibt, ist weitestgehend unbekannt und so ist kaum zu ermitteln, welche Reichweite sie in einer säkularen Community überhaupt haben können. Darin sind die säkular-humanistischen Verbände den islamischen Verbänden in Deutschland vergleichbar, die unter hiesigen Muslimen nur begrenzt bekannt sind.

Welche Chance diese säkular-humanistischen Verbände haben, Wirksamkeit (welcher Art auch immer) auf einem weltanschaulichen Markt zu entfalten ist eine Frage, der ich im folgenden Text nachgehen möchte.

Weltanschauung

So schön das Wort „Weltanschauung“ auch ist und so bewundernswert sein triumphaler Zug durch die Wörterbücher verschiedener Sprachen auch sein mag, so sehr macht der Begriff ein grundsätzliches Problem jedes Weltanschauungsverbandes deutlich: Weltanschauungsverbände können erst einmal nicht wesentlich mehr bieten als eben eine besonderes Anschauung der Welt, die von ihren Mitgliedern geteilt wird. Dass Menschen gemeinsam eine Weltanschauung teilen ist zwar auf den ersten Blick von einiger Bedeutung – Max Webers Religionssoziologie zeigt, wie sehr religiöse Weltanschauungen sich auf konkrete Lebensführungen niederschlagen. Aber zugleich zeigt sich, dass sich Weltanschauungen in einem Leben wandeln und somit als alleiniger Anlass für die Mitgliedschaft in einem Verband oft nicht ausreichen.

Wer nun vergleichend andere Weltanschauungsverbände schaut stellt fest, dass Glaubensüberzeugung eine wichtige Triebkraft ist, aber angesichts so vieler gescheiterter Religonsgründungsprojekte, die den Müllhaufen der Geschichte füllen muss man sich fragen, welche anderen Kräfte für den Erfolg eines Weltanschauungsverbandes noch verantwortlich gemacht werden können. Beim Blick auf das Christentum fällt da die Partnerschaft mit der staatlichen Macht ins Auge. Hier konnten Triebkräfte generiert werden, die die Mitgliedschaft in einem christlichen Weltanschauungsverband über Jahrhunderte nahelegten. Damit will gar nicht gesagt sein, dass die Mitgliedschaft in Kirchen Zwangsmitgliedschaft ist. Gesagt sein will aber, dass die ursprüngliche Akkumulation von Mitgliedern in Weltanschauungsverbänden nicht selten einer inhaltlichen Überzeugungsarbeit vorangegangen ist. Solche Zwangsmittel aber kann ein säkular-humanistischer Verband nicht nutzen und sollte sie auch nicht nutzen wollen.

Geld

Und natürlich spielt das Geld immer eine entscheidende Rolle. Das hat Max Weber bereits im Zusammenhang mit Parteien festgestellt: dass ihre Stärke nicht zuletzt auch mit der Fähigkeit in Verbindung steht, Posten und Mittel unter ihren engagierten Mitgliedern zu verteilen („Die Eroberung der Stellen des Verwaltungsstabes für ihre Mitglieder pflegt aber mindestens Nebenzweck, die sachlichen ‚Programme‘ nicht selten nur Mittel der Werbung der Außenstehenden als Teilnehmer zu sein“).

Man mag sich darüber empören, aber Geld ist nun einmal das Werkzeug, das reibungslose Ablaufsteuerung in modernen Großgesellschaften ermöglicht. Außerdem macht Geld es möglich, dass die Beschäftigung mit den für den Verband wichtigen Gegenständen auf professionelle Beine gestellt werden kann. Und nur Professionalisierung kann sicherstellen, dass angebotene Dienstleistungen des Verbandes auch in einer wünschenswerten Qualität vorgelegt werden können.

Professionalisierung ist darüber hinaus auch das Verbindungsglied zwischen dem, was man in der Soziologie Mikro- und Makro Ebene nennt. Die Mikrosoziologie widmet sich den sozialen Beziehungen zwischen konkret benennbaren Menschen. Makrosoziologie untersucht die Strukturen in großen sozialen Gebilden. „Zum Unterschied von Gruppen auf der Mikroebene, wo sich das Handeln auf einzelne Akteure bezieht, entsprechen der Makroebene jene Gebilde, die einen stabilen und institutionalisierten Rahmen“ aufweisen heißt es dazu auf soziologieheute.

Profession und professionelles Handeln sind dabei auf der Makroebene zu finden. Sie bietet die Möglichkeit, mit Hilfe nicht zuletzt von Geld institutionalisierte Rahmungen aufzubauen, die die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gegebenheiten der einen Verband umgebenden Wirklichkeit spiegeln – und zwar so, dass diese Wirklichkeit mit dem Verband interagiert.

Nun mag man diese Unterscheidung von Mikro- und Makroebene für künstlich halten, aber sie zeigt doch auf, was ein Weltanschauungsverband, der professionell arbeitet, erreichen kann: Er kann Menschen zusammenführen, die eine Weltanschauung teilen und ihnen eine eigene Struktur geben, die sich in Satzungen, Sitzungen und Ordnungen äußert. Durch diese strukturierte Arbeit an ihrer Weltanschauung entsteht ein höheres „generalisiertes Vertrauen“ – eine bedeutsame soziale Ressource, die über das Vertrauen in der Mikro-Ebene weit hinaus geht.

Der Verband kann dadurch deutlich mehr Verbindlichkeit zwischen seinen Mitgliedern herstellen, als losere themenbezogene Strukturen oder Freundeskreise (also das, was der französische Philosoph Bernhard-Henri Lévy einmal die „sympathische Bande“ genannt hat). Eine solche sympathische Bande ist ein weitestgehend unstrukturierter Betrieb mit hohen Fliehkräften, der aber auch tatsächlich sehr sympathisch daherkommen kann. Das hat auch damit zu tun, dass ihre Aktivisten ihren Aufgaben aus Leidenschaft für die Sache (und nicht für Geld) nachkommen.

Eine Garantie auf Professionalität kann eine sympathsiche Bande aber nicht geben. Das kann nur der Verband. Denn er ist professionell.

Markt

Der Verband kann Dienstleistungen anbieten, die für die Weltanschauung typisch sind – im Falle säkular-humanistischer Verbände sind das häufig Lebensfeiern.

Das ist dann auch der Markt, auf dem sich Verband und Sympathisanten begegnen. Dieser Markt ist deutlich größer als das Mitgliedsspektrum eines Verbandes. Es war eben schon von den Muslimverbänden die Rede. Schätzungen zufolge vertreten sie vielleicht ein Viertel der in Deutschland lebenden Muslime. Dennoch begegnen sich auch in diesem weltanschaulichen Feld Verbände und einzelne Muslime sicherlich häufiger – z.B. im Zusammenhang mit rituellen Anlässen, die von diesen Verbänden organisiert werden oder die ohne die strukturelle Vorarbeit der Verbände (Engagement für die Einrichtung muslimischer Friedhöfe, Bau von Moscheen etc.) gar nicht möglich wären.

Am Beispiel der Muslimverbände zeigt sich auch, dass es keine fließenden Übergänge von der Mikro- zur Makroebene gibt. Die Forderung nach einer Strukturierung der Moscheeverbände äquivalent zu den Kirchen lehnen die Muslimverbände deswegen regelmäßig ab – auch weil die über Jahrhunderte gepflegte automatische Mitgliedschaft in einer Großstruktur im Falle der Kirchen im Grunde einzigartig ist und derzeit rasant an Wirklichkeitsbeschreibung einbüßt. „Jeden Tag verlassen so viele Menschen die beiden Kirchen wie in einen Intercity-Express reinpassen“, stellt Lale Akgün zutreffend fest – der Weltanschauungsmarkt und seine Struktur verändert sich zur Zeit massiv.

Der säkular-humanistische Verband und unorganisierte säkulare Humanisten begegnen sich auf einem Markt, auf dem verbandsübliche Angebote nachgefragt werden. Im Zusammenhang mit Lebensfeiern zeigt sich, dass in den Verbänden Professionalisierungsbestrebung und sympathisches Engagement miteinander in Konflikt stehen. Solange die Dienstleistung (z.B. die Vorbereitung und Durchführung einer JugendFeier, einer Hochzeitsrede, etc.) nämlich in der Freizeit der Anbieter durchgeführt wird, muss sie bis zu einem bestimmten Niveau un-professionell bleiben. Andererseits ist sie „authentisch“ und fraglos mit viel Liebe und Engagement dargereicht.

Die Erwartung der „Kundschaft“ sind aber regelmäßig andere – so dass Enttäuschungen auf der einen wie auf der anderen Seite nicht ausbleiben können. Zudem ergeben sich durch die Begegnungen auf dem Markt selten genug langfristige Bindungen – das aber ist ein Ziel der Verbandsmitglieder. Hier bietet sich Platz für wachsenden Zynismus oder für Enttäuschung (oder beides gleichzeitig) auf Seiten der sympathischen Anbieter.

Was tun?

Die gute Nachricht zuerst: es gibt Menschen, die sich in säkular-humanistischen Verbänden organisieren, weil sie ein über das Niveau der „sympathischen Bande“ hinausgehendes Organisationsniveau erreichen wollen. Die individuellen Beweggründe sind dabei naturgemäß sehr breit gestreut, ich z.B. bin auch deswegen verbandlich gebundener Humanist, weil säkulare Humanisten in anderen Weltregionen existentiell bedroht sind.

Wie auch immer sich eine Mitgliedschaft bei einem Verband begründet: es bleibt festzuhalten, dass die Mitglieder Beiträge zahlen, die Mitgliedszeitung lesen, sich in Verbandsgremien engagieren und / oder die Verbandsregeln für sich als verbindlich anerkennen. Darüber hinaus gibt es einen recht umfangeichen Markt: „Organised Humanism is the tip of a very large iceberg“, schreibt Humanists UK dazu.

Fraglich ist aber, wie mit diesem Personenpotential umgegangen werden kann. Die säkular-humanistischen Verbände stecken hier m.E. in dem, was ich die „Dienstleistungsfalle“ nenne: einerseits werden sie als Dienstleister für bestimmte Services in Anspruch genommen, andererseits wollen sie sich eigentlich eher als Weltanschauungsgemeinschaften orgsanisieren, in denen sich sympathische Banden bilden können.

Wie aber kommen säkulare Humanistinnen und Humanisten und säkular-humanistische Verbände zusammen, wenn sich nicht erkennen lässt, wie eine Professionalisierung der Arbeit zu bezahlen wäre? Und was können die Mitglieder säkular-humanistischer Verbände tun? Auf längere Sicht haben sie entweder die Chance, zu Geld zu kommen oder sie bleiben lokale „sympathische Banden“, deren Mitglieder nach bestem Wissen und Gewissen ihrem Engagement nachgehen.

Der dritte Weg, Mitgliedschaften zu generieren, um dadurch an Einfluss und Schlagkraft zu gewinnen, bleibt erfolglos. Vermutlich ist ihm in Zeiten webbasierter Echokammern einfach kein Erfolg beschieden. Im Internetzeitalter erweist es sich als überaus einfach, Mobs anzuzetteln und emotionale Empörungsstürme loszutreten. Dauerhaftes Engagement fördert das nicht.

Aber vielleicht steckt in dieser ernüchternden Nachricht auch ein Funke Hoffnung. Wenn nämlich klar wird, dass sich die Mitgliedsbasis in nächster Zeit nicht dramatisch erweitern wird, dass Professionalisierung Geld kostet und „sympathische Banden“ nur selten etwas auf der Makro-Ebene ausrichten können, dann können sich alle Beteiligten in Ruhe und Besonnenheit auf ihr Engagement konzentrieren. Der säkulare Humanismus kann so im Stillen Erfahrungen sammeln, die er sicherlich eines Tages einmal brauchen wird.

Denn in einer Welt, in der religiöse Überzeugungen an Wert und Bedeutung verlieren und galoppierende Emotionen von radikalen Bewegungen gebündelt werden, ist eine säkulare Weltanschauung, die sich der positiven Lebensgestaltung widmet auf jeden Fall wichtig. Unsere Zeit kommt noch.

Das Bild ist bei Pixabay erschienen.

Veröffentlicht von

grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der HWR Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Bielefeld.

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