Homo Hawaiihemdensis. Rezension zu: Hyperkulturalität: Kultur und Globalisierung von Byung Chul Han (2005)

Ich muss gestehen, dass ich bei der Lektüre dieses schönen Textes immer wieder an Kung-Fu-Filme denken musste: Der Held, umringt von dutzenden Gegnern, haut der Reihe nach alle um, bis sie stöhnend im Staub liegen und er macht sich danach mit breiter Schulter auf seinen Weg gen Sonnenuntergang. Die Philosophien, die Han auf knapp 80 Seiten zu Fall bringt, sind alles andere als Fliegengewichte:

So weist er Hegel nach, sich selbst zu widersprechen, wenn er Kultur erst im Colluvies (Wirrwarr) und später am Ortsgeist verortet (S. 10f.). Auch Herder weist er einen ähnlichen Denkfehler nach, denn auch er beginnt seine Reflexionen über die Kultur mit der „Ankunft des Fremden“, um dann die „Nationalglückseligkeit“ darin zu suchen, dass „die ‚Seele‘ die ihr innewohnenden ‚Mannigfaltigkeit‘ vergisst“ (S. 13). George Ritzers Postulat der „McDonaldisierung der Gesellschaft“ wird als Panikmache entlarvt, die blind ist für das, was Han die „Hypercuisine“ nennt: „Globalisierung heißt nicht Rationalisierung. Aus Angst vor der Vielfalt hatte schon Planton die Verwendung von Gewürzen und die sizilianische Mannigfaltigkeit der Speisen verurteilt. Die Kultur folgt aber nicht dem logos. Sie ist unberechenbarer, ja alogischer als man denkt.“ (S. 23).

Heidegger bezichtigt er, als „Philosoph der Eigentlichkeit“ (S. 28) nicht in der Lage zu sein, die Vielfalt der Hyperkultur zu denken. Homi Bhabhas Idee der Hybridkulturen entlarvt er als blind für „das Spielerische“, das „den dialektischen Zwischenraum zwischen Herr und Knecht ganz verlässt“ (S. 30). Auch Zygmunt Baumann, der „den Pilger zur Figur des modernen Menschen erhebt“, wird abgewatscht: „Gerade die Moderne überwindet die Asymetrien von Hier und Dort und damit die Existenzform des Pilgers“ (S. 44). Kant (S. 63 f.) und Nietzsche (S. 65f.) fangen sich intellektuelle Ohrfeigen, wenn Han ihnen nachweist, dass sie um der stabilisierenden Macht Willen kulturelle „Vermischungen“ letztlich ablehnen. Richard Rortys Appell zur Ironie bekommt folgenden Kinnhaken verpasst: „Man könnte auch sagen, dass Kultur in ihrer tiefsten Schicht nicht ironisch ist“ (S. 69).

Insgesamt müsse, so Han, die Idee der Inter-Kulturalität als ein „westliches Phänomen“ verstanden werden. Ihr Beschreibungspotential beschränke sich deswegen auch nur auf einen Kulturkreis, der „Kultur ein ‚Wesen‘ zugrunde legt“ (S. 56). In diesem Kulturkreis kommt man „den kulturellen Unterschieden, die ’nun mal gegeben‘ sind (…) durch ‚Integration‘ und ‚Toleranz‘ bei.“ (S. 56)

Nach dieser Rauferei will der interessierte Zuschauer zu gerne erfahren, wie denn der Held aussieht, der sich aus dem Getümmel als intellektueller Sieger erhebt. Ich will ihn so beschreiben: es ist ein in ein Hawaiihemd gewandeter Welttourist, der sich nicht verortet, sondern vernetzt. Ihm ist keine Wesenheit eigen, sondern er erfährt sich als Verhältnis.

Anregung für diese Anthropologie sind
1. das fernöstliche Denken (denn es „orientiert sich nicht an der Substanz, sondern am Verhältnis. Demnach ist auch die Welt eher ein Netz als ein Sein“ (S. 57))
2. Ted Nelsons Idee der Hypertextualität, die die Welt als „deeply intertwingled“ wahrnimmt (S. 15 als Vorreiter dieser Wirklichkeitswahrnehmung werden auch Deleuze und Guattari mit der Rhizom-Idee aufgeführt (S. 32))
3. das Bild, das der britische Ethnologe Nigel Barley von der Kultur der Gegenwart gezeichnet hat: „Wir seien doch, so Barley, ‚mehr oder weniger alle Touristen in Hawaiihemden'“ (S. 9).

Wie nach einem Kung-Fu-Film ist man nach der Lektüre dieses Textes ein wenig benommen, aber auch ehrlich davon überzeugt, dass der Held ein wahrer und guter Held ist, der sich zurecht durchgesetzt hat. Auch wenn er in seinem Hawaiihemd so sagenhaft unheldisch daherkommt.

Veröffentlicht von

grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der HWR Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Bielefeld.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s