Sind Polizisten bewaffnete Soziologen?

Dieser Titel gibt eine These vor, die voraussetzungsreich ist. Man müsste, um sie bestätigen oder verwerfen zu können erst einmal klären, was denn mit „Soziologie“ gemeint sein soll. Das allein kann schon mehr Raum kosten als hier zur Verfügung steht. Dann müssen wir sehen, woher überhaupt die Behauptung stammt, Polizisten seien bewaffnete Soziologen.

Was das angeht, bekenne ich mich gerne der Veränderung schuldig. In Wirklichkeit heißt die Aussage, die ein ehemaliger Student mir gegenüber einmal machte nämlich wie folgt: „Polizisten sind bewaffnete Juristen“. Was er damit sagen wollte ist, dass Polizei als Behörde die Sprache des Rechts spricht und sich ihr Handeln stets und ständig in juristischen Begriffen beschreibt. Damit liegt es sicherlich richtig, denn Deutschland ist ein Rechtsstaat und Rechtsstaaten zeichnen sich gemeinhin dadurch aus, dass ihre führenden Institutionen die gemeinsame Sprache des Rechts nutzen, um möglichst widerspruchsfrei systemübergreifend kommunizieren zu können (Luhmann, Rechtssoziologie, 1972; S. 94ff.).

Aber sind Polizisten auch Soziologen? Nun, erst einmal sind Polizistinnen und Polizisten sicherlich insofern Soziologinnen und Soziologen, als dass sie ihre soziale Umwelt beobachten und sich einen Reim auf diese Beobachtungen machen. Das allerdings ist eher eine Art soziologisches „Jedermannsrecht“, denn unabhängig von Beruf und Herkunft neigen wir Menschen doch dazu, uns gegenseitig zu beobachten und diese Beobachtungen in allgemeinen Beschreibungen aufgehen zu lassen. Es ließe sich hier vielleicht von einer Allerweltsoziologie sprechen.

Formen

Doch es gibt auch eine Art berufsspezifische Gesellschaftsbeobachtung, die sich im Zusammenhang mit der beruflichen Praxis ergibt. Ich nenne dieses Wissen in Anlehnung an den soziologischen Riesen Georg Simmel „Formenwissen.“ Simmel sieht nämlich das Suchen und Finden wiederkehrender Formen als einen der Arbeitsaufträge der Soziologie: ”An gesellschaftlichen Gruppen, (…) die die denkbar verschiedensten sind, finden wir z.B. die gleichen Formen der Über- und Unterordnung, der Konkurrenz, der Nachahmung, der Opposition, der Arbeitsteilung (…) wir finden alle Stadien von Freiheit oder Bindung des Individuums der Gruppe gegenüber, (…) Schichtung der Gruppen selbst, bestimmte Reaktionsformen derselben gegen äußere Einflüsse“ (Simmel, Das Problem der Soziologie, 1987; S. 44). Das polizeiliche Formenwissen reflektiert Erfahrungswerte, die die Begegnung mit immer gleichen Situationen als Regelmäßigkeit erscheinen lassen. Es speichert sich in Erfahrungssätzen, die innerhalb der Polizei weitergereicht werden. Hier einige Beispiele:

  • „Am Monatsanfang geben die Leute mit ihrem frisch verdienten Geld an. Deshalb kommt es zu mehr Streit und Gewalt in diesem Zeit­raum.“
  • „Morgens sind die Leute verpeilt und wollen schnell und müde zur Ar­beit. Dadurch kommt es vermehrt zu Verkehrsunfällen.“
  • „Wenn es regnet, beim ersten Schnee und bei Vollmond kommt es zu mehr Verkehrs­unfällen.“
  • „Frauen, die von ihren Männern verprügelt werden, folgen in der Partner­wahl einem Muster, das sie immer wieder in die Arme von prügelnden Männern treibt.“

Vielleicht ist es verfrüht, diese Formen der Gesellschaftsbeobachtung als „Soziologie“ zu bezeichnen, doch sind sie eben doch ein starker Hinweis darauf, dass Polizei nicht nur Gesetze durchsetzt und Berichte in juristischer Sprache verfasst. Polizei beobachtet als Institution Gesellschaft, um ihr Handeln auf diese Beobachtungen einstellen zu können.

Milieuüberschreitende Kommunikation

Dabei verknüpft sich dieses Formenwissen mit dem Anspruch der Polizei an sich selbst, milieuübergreifend kommunizieren zu können. So beschrieben z.B. Studierende in einer Befragung zum polizeilichen Wir ihre Kompetenzen u.a. wie folgt: „Wir können mit Unterschichtvertretern und mit dem Bundespräsidenten kommunizieren“. Polizisten nehmen hier etwas für sich in Anspruch, was in der Soziologie seit einiger Zeit gerne „Habitussensibilität“ genannt wird und das die Fähigkeit beschreibt, verschiedene soziale Milieus zu kennen und sich in ihnen adäquat zu bewegen.

Wir haben es bei der Polizei also durchaus mit mehr als mit einer Allerweltsoziologie zu tun: es gibt so etwas wie eine praktisch Berufssoziologie, die es den Polizeibeamtinnen und -beamten erlaubt, entsprechend ihrer eigenen Ansprüche gute Arbeit zu leisten. Wozu, das ließe sich jetzt fragen, braucht die Polizei darüber hinausgehend dann überhaupt noch Soziologie z.B. als eigenständiges Fach in der Ausbildung?

Um diese Frage zu beantworten lohnt sich ein Blick in ein Lexikon zur Soziologie. Nehmen wir z.B. das 2007 im VS-Verlag erschienene, dann sehen wir unter dem Eintrag „Soziologie“, dass dieses Fach mittlerweile durch eine gewisse Kontourlosigkeit auffällt und auch die Kernbegriffe (z.B. „Gesellschaft“) alles andere als eindeutig definiert sind. Statt einer soziologischen Theorie wartet die Wissenschaft mit einer Vielzahl an Deutungsschablonen für soziale Probleme auf. „Die Vielzahl der Richtungen ärgert denjenigen, der hier einfache Antworten erwartet“, steht dazu im Lexikon zur Soziologie.

Soziologie ist in der Tat ein Fach, das nicht mit der wünschenswerten inhaltlichen Geschlossenheit auftritt, mit der Polizeibeamte gerne die Probleme angehen, denen sie im Dienst begegnen. Polizisten, so sagte ein Student im Rahmen einer Gruppendiskussion zum Thema „polizeiliches Wir“ „beschäftigen sich mit realitätsnahen Dingen und weniger mit was wäre wenn“. Einem Ringen soziologischer Theorien zuzuschauen ist für Polizeibeamte dementsprechend eine Zumutung, deren praxisrelevanter Zweck ja zurecht hinterfragt werden kann. Sollte also ein Fach gelehrt werden, das in sich so zerstritten ist?

Theorien, Methoden, Probleme

„Ja!“, sagt der Artikel im Lexikon zur Soziologie (obwohl wir ihn gar nicht gefragt haben). Denn letztlich finde Soziologie „im Dreischritt von Theorien, Methoden und Problemen“ statt. Wenn also ein Bewusstsein für soziale Probleme als integrativer Bestandteil des Polizeiberufs unterstellt wird und die Vielzahl an soziologischer Theorien als Ärgernis zur Seite gelegt wird, dann bleibt immer noch die Methode der Gesellschaftsbeschreibung, die Gegenstand der Lehre sein könnte und m.E. auch sollte.

„Methode“ ist dabei mehr als das Unterscheiden von qualitativer und quantitativer Sozialforschung. „Methode“ beschreibt auch die Gestaltung des Erkenntnisgewinnungsprozesses. Wichtig ist dabei insbesondere die Werturteilsfreiheit, die es ermöglicht, einen sozialen Sachverhalt erst einmal real sein zu lassen, ohne sich zu einer Bewertung hinreißen lassen zu müssen. Die Erkenntnis, die der Sozialwissenschaftler methodisch erlangen kann, ist als Wertmaßstab für Alltagsgeschäfte ungeeignet, wie Max Weber – ein anderer soziologischer Riese – betont. Soziologie kann gesellschaftliche Ordnungen zwar erkennen, aber nicht begründen. Wertende Erkenntnis ist der Soziologie nicht möglich.

Methodisches Vorgehen heißt andererseits, sich selbst und anderen Klarheit darüber zu verschaffen, wovon eigentlich die Rede ist. Dass z.B. in der Gesellschaft „alles den Bach runtergeht“ ist keine soziologische Erkenntnis sondern konservative Gefühlsempirie. Soziologisch sauber zu arbeiten und Begriffe zu klären (was wäre also: „alles“? Und was genau wäre der „Bach“ – und wo beginnt eigentlich die Talfahrt, was war oben, was erwartet uns unten? Etc.) kann helfen, in der polizeilich relevanten Beschreibung von Gesellschaft weiter zu kommen als bis zu einer gefühlsempirisch-vagen Analyse.

Darüber hinaus ist Soziologie geeignet, bei der Anordnung von Tatsachen behilflich zu sein. Das Sammeln und Sortieren von Daten, die die Wirklichkeit betreffen, ist eine Aufgabe, die Soziologie und Polizei teilen. Beide müssen sich die Warnung Sherlock Holmes’ gefallen lassen: „Es ist ein kapitaler Fehler zu theoretisieren, ehe man Daten hat. Unvernünftigerweise verdreht man dann die Fakten, damit sie zu den Theorien passen, anstatt seine Theorien den Fakten anzupassen.“ Wie methodisches Beobachten und wissenschaftliches Rekonstruieren von Wirklichkeiten gehen kann, lässt sich durchaus von empirischer soziologischer Forschung lernen.

Zu guter Letzt will ich aber an dieser Stelle dann doch auch noch eine Lanze für soziologische Theorien brechen. Dass diese stets im Plural daherkommen und dass dies ein Ärgernis ist, haben wir bereits gesehen. Andererseits ist die gesellschaftliche Wirklichkeit nun einmal komplex und das soziologische Theorieangebot hat so gesehen den Charme eines Werkzeugkastens, der für verschiedene Momente des Sozialen verschiedene Erklärungstools bereithält. Massensituationen lassen sich z.B. gut mit Hilfe von Nachahmungstheorien erklären, soziale Konflikte mit Milieumodellen, Kommunikationsschwierigkeiten mit systemtheoretischen Ansätzen und sozialer Wandel mit Handlungstheorien. Soziologische Lehre in der Polizeiausbildung kann also das Ziel haben, die Handhabung dieses Werkzeugkastens zu üben.

Warum sollten Polizisten keine bewaffneten Soziologen sein?

Um auf die Einstiegsfrage zurückzukommen: Sind Polizisten bewaffnete Soziologen, so würde ich damit gerne mit „Jain“ antworten. „Ja“ ließe sich dahingehend sagen als dass Polizisten soziologische Beobachtungen systematisieren, die über ein gewisses Ausmaß an Jedermannsoziologie hinausgeht. „Nein“ ließe sich zur methodischen Sorgfalt und Nachhaltigkeit solcher Beobachtungen sagen. Aber genau das spricht in meinen Augen für eine soziologische Lehre in der Ausbildung: Wenn Polizei ohnehin schon mit soziologischen Überlegungen hantiert, warum soll sie das nicht bewusst tun und ihre Beobachtungen mit Theorien abgleichen, die es schon gibt? Warum sollen sich nicht auch Polizisten mitunter auf die Schultern soziologischer Riesen stellen, um weiter in die Welt des Sozialen hinein zu gucken als sie das von alleine könnten? Warum sollen sie nicht lernen, werturteilsfrei und auf Basis klar definierter Begriffe von sozialen Geschehnissen zu sprechen, die polizeilich relevant sind? Warum, so möchte ich also schließen, sollten Polizisten also nicht wirklich „bewaffnete Soziologen“ sein?

Frankfurt E-Gebäude21

 

Die Fotos wurden im AfE-Turm der Universität Frankfurt kurz vor dessen Sprengung  2014 aufgenommen.

 

 

 

Veröffentlicht von

grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Bielefeld. Mehr auf meiner Website grtzplk.de

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