Geheim. Das öffentliche Bild von Nachrichtendiensten

Ex-Nachrichtendienstleister können sicherlich viel mit dem Buch „Becoming an Ex“ von Helen Rose Fuchs-Ebaugh anfangen. Es stellt nämlich allgemein über Ex-Rollen (also z.B. bei Ex-Nonnen, Ex-Alkoholikern und Ex-Prostituierten) fest, dass manchmal „ex-statuses are more salient to other people than current roles“  (S. 184f.). In diesem Fall müssen die Ehemaligen mit einem „role residual“ leben, das sie auch in ihrer neuen sozialen Rolle begleitet.

Dass die Ex-Berufsrolle eines ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters häufig als so spannend empfunden wird werden viele z.B. Ex-Verfassungsschützer bestätigen können. Aber was macht den Beruf des Nachrichtendienstleisters eigentlich so „salient“? Was für ein Bild herrscht von der Behörde vor, was denken sich Menschen, wenn sie z.B. „Verfassungsschutz“ hören?

Dazu habe ich knapp siebzig meiner Studierenden befragt und sie gebeten, in wenigen Minuten spontan aufzuschreiben, was ihnen zum Thema Nachrichtendienste einfiele. Das dabei entstandene Bild ist natürlich alles andere als repräsentativ, aber ich denke, dass es schon aufzeigt, wo für den äußeren Betrachter die Würze im Beruf des Nachrichtendienstleisters stecken kann.

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So zeigt sich, dass das am meisten mit dem Verfassungsschutz in Verbindung gebrachte Konzept das der Unsichtbarkeit ist. So wurden die Begriffe „nicht öffentlich“ / „unauffällig“ / „anonym“ / „undercover“ 27 Mal genannt. Die Tätigkeit wurde mit „Überwachen“, „Observation“ und „Kontrolle“ von 23 der Befragten beschrieben. Dass es Nachrichtendiensten um Wissensaneignung und –verwaltung geht, beschrieben 13 meiner Studierenden, wobei der Charakter des Geheimen dabei das größte Interesse fand. So beschrieben ebenfalls 13 der Studierenden Nachrichtendienste schlicht als „Geheimdienst“. Acht der Befragten beschrieben Nachrichtendienste als Behörden und deren Aufgabe wurde in der Ermittlung gegen Straftäter (ebenfalls 8 Nennungen), Prävention (7), Bekämpfung von Extremismus (7), Terrorismus (4) und der Spionage (4), der Vorbereitung von Parteiverboten (2) und dem Demokratieschutz (2) gesehen. Als Arbeitsmethoden der Nachrichtendienste wurden insbesondere V-Leute (10 Nennungen), IT-Technik (5) und eine spezielle Ausbildung der „Agenten“ genannt.

… und natürlich: James Bond

Verweise auf fiktionale Zusammenhänge z.B. „Schwarze Anzüge/Sonnenbrille“ bzw. „James Bond/Film“ wurden jeweils 8 Mal genannt. Aus diesen Vorlagen wurde auch der Schluss gezogen, dass das Privatleben eines Nachrichtendienstleisters nur schwierig denkbar sei, u.a., weil man mit geheimen Identitäten zu leben habe (4 Nennungen). Dass diese fiktionale Beschreibung ggf. gar nichts mit der Wirklichkeit der Dienste zu tun haben könnte beschreiben die immerhin zwei Wortmeldungen, die „Skandale“ der Nachrichtendienste thematisieren.

Aus dieser Stichwortsammlung ergibt sich ein Bild von den Geheimdiensten als im Geheimen operierende Kontrollinstanz – dabei sind die in der fiktionalen Welt entstandenen Beschreibungen des Innenlebens dieser Instanz tonangebend für deren Wahrnehmung. Gleichzeitig ist interessant, dass mit den Begriffen „Ermittlung“ (8) und „Staatsschutz“ (3) eine inhaltliche Nähe zur Polizei beschrieben wird.

So ließe sich das Bild der Nachrichtendienste im vorhandenen Sample meiner Studierenden vielleicht so zusammenfassen: ein Nachrichtendienst ist eine im Geheimen operierende spezielle Staatspolizei. James Bond lässt grüßen.

 

Veröffentlicht von

grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der HWR Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Bielefeld.

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