„Konservative Revolution“ – Ein Exzerpt

Seit einiger Zeit macht der Begriff der „konservativen Revolution“ wieder die Runde. Alexander Dorbrindt (CSU) warf den Begriff vor einiger Zeit auf, aber auch um Umfeld der AfD spielt man mit diesem Schlagwort.

Entscheidend geprägt wurde der Begriff von Armin Mohler, der 1950 seine Dissertation unter dem Titel „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932“ veröffentlichte und danach mehrfach überarbeite. Das hier wiedergegebene Exzerpt beruft sich auf die Fassung von 1994.

Ich habe es vor einigen Jahren erstellt und veröffentliche es jetzt in diesem Blog, um der Diskussion über so großspurige Begriffe wie „konservative Revolution“ nun einmal einer ist ein wenig bei ihrer Versachlichung zu helfen.

 

Der Begriff „Konservative Revolution“

„Wir verstehen darunter jene geistige Erneuerungsbewegung, welche das vom 19. Jahrhundert hinterlassene Trümmerfeld aufzuräumen und eine neuen Ordnung des Lebens zu schaffen sucht. Wenn wir auch den Zeitraum von 1918 bis 1932 herausgreifen, so setzt die „Konservative Revolution“ doch schon in der Goethezeit ein (…). Und wenn wir auch nur den deutschen Anteil an ihr darstellen, so finden wir sie doch auch in den meisten anderen europäischen und gar außereuropäischen Ländern.“ (XXVIII)

 

A1: Die Problematik

Konservative Revolution = „Trotzkisten des Nationalsozialismus“ (4)

Hugo von Hoffmannsthal nennt in seiner Rede „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ 1927 Mohler zufolge zwei Aspekte der KR: „Das Suchen nach Bindung, welches des Suchen nach Freiheit ablöst, und das Suchen nach Ganzheit, Einheit, welches von allen Zweiteilungen und Spaltungen wegstrebt.“ (10)

„Der Versuch der Überwindung der Französischen Revolution“ (14)

 

A2: Der Stoff

A 2.1 Drittes Reich gegen zweites Reich

„Dem universalistischen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und dem kleindeutschen „Zwischenreich“ Bismarcks stellt Moeller van den Bruck mit dem „Dritten Reich“ das Bild des Endreichs entgegen, in welchem die Gegensätze von Sozialismus und Nationalismus, von „Links“ und „Rechts“ ihre Aufhebung und zusammenfassende Einheit finden.“ (24)

A 2.2 Unter dem Wilheminismus

„Dieses Zwischenreich ist ein eigenartiger Zwitter: hinter der noch stehenden feudalen Fassade vollzieht sich in fieberhaftem Tempo eine Umschichtung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Struktur“ (25)

A 2.3 Der Krieg

Ernst Jünger: „Der Krieg ist unser Vater, er hat uns gezeugt im glühenden Schoße der Kampfgräben als ein neues Geschlecht.“ (33)

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A 2.4 Die Weimarer Republik

„Das Vorläufige des Weimarer Staates wird von der jüngeren, der Kriegsgeneration, noch stärker empfunden.“ (39)

A 2.5 Der neue revolutionäre Typus

„Aus diesen Freikorps und aus den gleichfalls unbürgerliche Lebensformen pflegende „Bünden“ der Nachkriegs-Jugendbewegung, ebenso aber auch aus den kommunistischen Kampfverbänden rekrutiert sich ein neuer revolutionärer Typus.“ (42)

A 2.6 Schwarze Reichswehr und Feme

Schwarzer Reichswehr – Verband aus ca. 100 000 Freiwilligen, die im Geheimen trainiert werden. Zumeist Freikorps-Mitglieder. (45)

A 2.7 Der Nationalbolschewismus

„Unter „Nationalbolschewismus“ versteht man in Deutschland eine Verbindung von radikal sozialistischen und radikal nationalistischen Zielsetzungen, die auf dem Weg eines Bündnisses der beiden „proletarischen“ Nationen Deutschland und Russland gegen den „kapitalistischen“ Westen erreicht werden sollen.“ (47)

A 2.8 Die Dritte Front

„In den letzten Jahren der Republik (werden) die konservativrevolutionären Stimmen immer zahlreicher, welche den Aufbau einer „dritten Front“ fordern. Sie soll unter Ausschaltung der KPD und NSDAP auf einem „dritten Wege“ (…) den Weimarer Staat durch ein neues Staatsgebilde ablösen.“ (55)

A 2.9 Sachliche Gliederungsmöglichkeiten

„Allen Darstellungen seit 1933 wiederum haftet der Mangel an, dass sie die „Konservative Revolution“ zu einseitig vom Nationalsozialismus her interpretieren und deren Eigenständigkeit nicht sehen. (58)

Soziologisch gesehen: „bei den Trägern der völkischen Bewegung (herrscht) der Mittelstand, beispielsweise die Lehrer, (vor), während bei den Jungkonservativen öfters Beziehungen zu Unternehmerkreisen sichtbar werden.“ Daneben insbesondere der Frontoffizier (65)

„Da sie in erster Linie eine weltanschauliche Bewegung ist, muss man sich an die Autoren halten“ (67)

 

A 3 Die Leitbilder

A 3.1 Die „Einseitigkeit der Zeit“

Romano Guardini: „Was eigentlich geboren wird und stirbt, individuelle Gestalt gewinnt und sie verlässt, ist nicht das Einzelwesen, sondern das Leben überhaupt. (…) Was in Wahrheit besteht, ist das Leben der Gattung; das Individuum ist nur Welle.“ (81)

A 3.2 Linie und Kugel

Christentum. „Zusammen mit seinen Säkularisationsformen, den Fortschrittslehren jeder Art, hat es die „moderne Welt“ geschaffen, gegen welche sich der konservativrevolutionäre Aufstand richtet.“ (83)

Konservative Revolution = „Anhänger eines kyklischen Weltbildes“ (85)

A 3.3 Nietzsche und das Interregnum

„Bei fast allen ihren Trägern (der KR) stoßen wir auf die Überzeugung, dass der Name Nietzsche einen Wendepunkt bezeichne.“ (89)

Ernst Jünger 1934: „Wir stehen an der Wende zweier Zeitalter, von einer Bedeutung, wie sie etwa dem Wechsel von der Stein- zur Metallzeit entspricht.“ (90)

A 3.4 Der Nihilismus

„Im Zusammenhang mit der „Konservativen Revolution“ geht es hauptsächlich um jenen bewusst zugreifenden, von sittlichem Verantwortungsgefühl erfüllten und den Durchgang durch die Zerstörung gläubig bejahenden Typus des Nihilisten, den wir vergröbernd den „deutschen“ nennen.“ (95)

A 3.5 Der Umschlag

„Die Zerstörung schlägt in Schöpfung um“ (97)

A 3.6 Der „Große Mittag“

„Aber denen Allen kommt nun der Tag, die Wandlung, das Richtschwert, der grosse Mittag : da soll Vieles offenbar werden! Und wer das Ich heil und heilig spricht und die Selbstsucht selig, wahrlich, der spricht auch, was er weiss, ein Weissager: ‚Siehe, er kommt, er ist nahe, der grosse Mittag!'“ (F. Nietzsche: Also sprach Zarathustra)

A 3.7 Die Wiedergeburten

Friedrich Hielscher (Jünger-Kreis): „Der homo revolvens spielt seinen Part im großen Welttheater: er wird nicht ruhen, bis der Inhalt der Museen ausgetauscht ist. Dann stehen die Opfersteine wieder in den Hainen und die Kreuze in den Vitrinen.“ (108)

A 3.8 Von der Wiederkehr zur Politik

Idee der ewigen Wiederkehr nicht unpolitisch. Z.B. Georg Quabbes Buch „Tar a Ri“, „Komm, o König“, wovon sich „Tory“ ableiten soll. (110)

A 3.9 Konservativ – reaktionär – revolutionär

Moeller van den Bruck: „Es mag sich in der Geschichte eines Volkes mit der Zeit verändern, was immer sich verändern will: das Unveränderliche, das bleibt, ist mächtiger und wichtiger als das Veränderliche, das immer nur darin besteht, dass etwas abgezogen oder hinzugefügt wird.“

A 3.10 Verhältnis zum Christentum

Konservative Revolution und Christentum = Gegensatz (117)

A 3.11 Spaltung und Spannung

„Die „Einheit“, die „Ganzheit“ schließen jedoch die Gegensätze nicht aus: sie umfassen sie in sich und lassen keine Spaltung zu. Sie sind nicht spannungslos, sondern spaltungslos.“ (123)

A 3.12 Der „heroische Rationalismus“

„Die ‚Konservative Revolution‘ sieht alle menschlichen Handlungen im Letzten scheitern und kann nur glauben, dass dieses Scheitern im Ganzen seinen Sinn habe.“ (125)

Ernst Jünger im „Arbeiter“: „es ist die Aufgabe des heroischen Realismus, sich dennoch und gerade deshalb zu bestätigen.“ (126)

A 3.13 Paradoxie einer konservativen Lehre

„Wir haben das Wesen der „Konservativen Revolution“ an ihrem Verhältnis zur Zeit deutlich zu machen gesucht.“ (126)

 

A 4 Die fünf Gruppen

Die „Völkischen“

„Rasse, Volk, Stamm, Landschaft, Sprache“ wird mit Beiwörtern wie „nordisch“, „germanisch“, „deutsch“ näher umschrieben (132)

Zoologische Rassenlehren. „Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie dem Nationalsozialismus als eine der Grundlagen seiner Politik dienen.“ (136)

„Mehr und mehr machen sich jedoch die Versuche bemerkbar, „Rasse“ im Sinne der neuen Bestrebungen als Einheit von „Körperlichem“ und „Geistigem“ aufzufassen. (…) Die Wandlung zeigt sich auch darin, das Wort „Rasse“ nun etwas aus der Mitte gerückt wird die Völkischen seit Ende der 20er Jahre ihre Hauptanstrengung auf die (…) Neuschöpfung einer „indo­germanischen“, „germanischen“ oder „deutschen“ Religion richten.“ (136)

Die „Jungkonservativen“

Edgar Julius Jung: „Der völkertrennende Nationalismus, ein Kind der Nationaldemokratie, muss verdrängt werden durch die völkerverbindende Achtung vor den gewachsenen Volkstümern. Staat und Volk sind nur im nationaldemokratischen Denken gleichbedeutend. Da die Deckung der beiderseitigen Grenzen nie gelingt, so muss dieses falsche Denken ausgerottet werden. Der Überstaat (das Reich) ist eine Herrschaftsform, die sich über den Volkstümern erhebt, jenseits von ihnen liegt und deshalb unangetastet lassen kann.“ (140)

Nochmal Jung: „Die Völker sind gleich, aber nur metaphysisch. (…) Zahlenmäßige Größe, ge­schichtliche Entwicklung, geographische Lage, blutsmäßige Kraft und geistige Anlagen bedingen eine irdische Rangordnung der Völker, die nicht Willkür ist.“ (140)

Die „Nationalrevolutionäre“

Franz Schauwecker: „Denn diese Zeit ist nur wert, vernichtet zu werden.“ (143)

„Das eigentliche ‚Schlüsselwort‘ scheint uns deshalb ‚Bewegung‘ zu sein“ (144)

„Bei den Nationalrevolutionären (…) findet der Nationalbolschewismus seine meisten Anhänger.“ (146)

Die „Bündischen“

„Was als „bündisch“ bleibt, sind Bünde wie etwas die „Deutsche Freischar“, die „Adler und Falken“ oder die „Artamanen“.“ Ende der 20er Jahre ca. 50-60.000 Mitglieder. (153)

„ein Verweilen im bloß Chaotisch-Anarchischen nach Art des Vorkriegs-„Wandervogel“ ist ihr nicht mehr möglich: der notwendige Hintergrund dazu, eine gesättigte und scheinbar uner­schütterliche Bürgerlichkeit von der Art der wilhelminischen, ist weggefallen. Aber auch die Aufpfropfung von größtenteils der Fortschrittswelt entnommenen Zielsetzungen, wie das die „Freideutsche Jugend“ versucht, ist der in Krieg und Nachkrieg zutage tretende Zerstörung jener Welt nicht mehr möglich. Das Trümmerfeld zwingt zu anderen Zielsetzungen.“ (157)

„Ein großer Teil ihrer Führer versteht unter „Bund“ genauer den „Männerbund“.“ (158)

Die „Landvolkbewegung“

„Am 19. November 1928 werden in Beidenfleth beim Bauern Kock, der 300 RM Gemeindesteuern schuldig ist, und beim Bauern Kühl, der 500 RM schuldet, je ein Ochse gepfändet. Als der Gemeindediener (…) die Tiere wegtreibt, kommen die Beidenflether Bauern vom Feld und stellen sich mit ihren Stöcken schweigend an die Straße, auf der ein Feuer aufflammt. Die Ochsen reißen sich los und finden in den Stall zurück.“ (162)

Am 1.8.1929 beschlagnahmt die Polizei die Fahne der Landvolkbewegung in Neumünster (schwarz, mit Pflug und Schwert), daraufhin boykottieren die Bauern die Stadt (162f.)

November 1928 – September 1929 eine Reihe von Sprengstoffanschlägen. Eher „symbolische Gewalttaten“ gegen Regierungsgebäude und Wohnhäuser von Mitarbeitern der Behörden. (163)

 

 

Armin Mohler: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932; Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994.

Veröffentlicht von

grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der HWR Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Bielefeld.

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