Integration durch Empörung

Menschengruppen grenzen sich von anderen Menschengruppen ab. Das ist die vielleicht banalste und zugleich weitreichendste Aussage (nicht allein) der Soziologie. Dennoch sind Menschengruppen mehr als reine Abgrenzung von anderen. Sie haben auch ein Innenleben. Und genauso, wie sich eine Soziologie der Systeme mit Grenzen und Unterscheidungen beschäftigt, so kann sich eine Soziologie sozialer Innenräume fragen, wie diese Räume überhaupt entstehen. Und sie kann fragen, wie es gelingt, dass diese Innenräume über hinreichend Spanung verfügen, dass die Gesellschaft weder platzt noch wie ein labbriger Ballon an Spannkraft verliert.

IMG_2317

Was führt also dazu, dass Großgesellschaften auf den äußeren Betrachter so wirken können, als verfügten sie über ein überindividuelles „eigenes Leben“ (Durkheim)? Wie funktioniert überhaupt Integration (also: die politische und soziale Gestaltung von sozialen Innenräumen)?

Würde jeder Bundesbürger mit einem Buchstaben dargestellt, so wäre er ein Lautzeichen in einem 40.000-seitigen Buch. In welchem Gesamtzusammenhang er mit den anderen Buchstaben steht, lässt sich nicht so ohne weiteres feststellen. Soziologische Vorschläge für mögliche Buchtitel wie „Arbeitsteilung“, „Sprache“ oder „Herkunft“ klären den Zusammenhang der Menschen in diesem Riesenkollektiv jeweils nur unzureichend: die Ausnahmen (z.B. Rentner, sprachliche und ethnische Minderheiten etc.) sind jeweils zu bedeutend, um ignoriert werden zu können. Doch wie sieht es mit der Integration in „das Ganze“ – also den sozialen Innenraum in seiner ganzen Fülle und Höhe – aus?

Eine originelle Antwort darauf hat Peter Sloterdijk schon 1998 vorgetragen, ohne, dass sie nach meiner Erkenntnis bislang in der Soziologie hinreichend gewürdigt worden wäre: die Darstellung von Nationalstaaten als „psycho-politische Stressgemeinschaften“. Was Sloterdijk damit mein, führt er wie folgt aus:

„Sie sind somit von radikal autoplastischer Natur, denn sie existieren nur in dem Maß, wie sie sich selbst erregen, und sie erregen sich nur in dem Maß, wie sie sich selbst ihren Grund, zu sein, in machtvollen fiktiven Erzählungen und autosuggestiv stressierenden Meldungen vorsagen.“

Nationalstaaten wären demnach die Großkollektive, die sich regelmäßig selbst in Panik versetzen und in der allgemeinen Erregung über ihren Grund, eine Nation zu sein, debattieren.

Ich möchte diese Idee aufnehmen, aber den Begriff ändern und schlage vor, moderne Gesellschaften als Empörungskollektive zu verstehen, deren Bewohner sich über innere und äußere Geschehnisses in der Art unterhalten, dass sie sich gegenseitig darin bestätigen, dass die Gesellschaft noch da ist und man sich nicht (wirklich) um ihren Bestand Sorgen machen muss. So gesehen ist es erst dann um einen nationalen Zusammenhalt schlecht bestellt, wenn sich niemand mehr über den Inhalt der „großen Erzählung“ empören möchte, die eine Nation mantramäßig sich selbst erzählt.

Wahrscheinlich ist Sloterdijks Idee zwar witzig, aber letztlich genau so viel oder wenig tragfähig, wie die eben genannten soziologischen Beschreibungsversuche, aber ich finde es einen Versuch wert, sich die Frage zu stellen, wie ein Empörungskollektiv sich der zentralen Frage jeder modernen Großgesellschaft stellt: der Integration.

Egon Friedell schreibt zu diesem Thema, es lasse sich ein roter Faden jungendkultureller Empörungsmoden in Deutschland seit dem späten 18. Jahrhundert ausmachen, die regelmäßig „die Rechte eines bisher unterdrückten Standes“ thematisieren – also sich für seine gesellschaftliche Integration einsetzt:

„Wir können die Sturm- und Drangbewegung vielleicht unserem Verständnis näher rücken, wenn wir sie mit der naturalistischen und der expressionistischen vergleichen. Die Unterschiede sind nicht so groß (…). Der Vorgang war in allen drei Fällen prinzipiell der gleiche. Eine ‚fordernde’ Jugend erhebt ein großes Geschrei gegen alles Bisherige, das bloß abgelehnt wird, weil es das Bisherige ist. Sie sprengt alle Formen oder glaubt es zu tun: in Wirklichkeit schafft sie eine neue Form. Sie kommt allemal ‚von unten’, vertritt die Rechte eines bisher unterdrückten Standes, ist betont polizeiwidrig und so weit als möglich nach links orientiert: 1770 demokratisch, 1890 sozialistisch, 1920 kommunistisch.“

Der leicht sarkastische Tonfall Friedells sollte nicht über die enorme Integrationsfähigkeit solcher Bewegungen hinwegtäuschen. Sie bilden den Quell jener „autosuggestiv stressierender Meldungen“, die Sloterdijk – ebenfalls nicht ohne Hohn – „starken Grund, zusammen zu sein“ ausgemacht hat.

Doch ist es m.E. falsch, sich nur spöttisch über die Empörungskollektive unserer Zeit und ihre Träger („Wutbürger“) zu unterhalten. Vielmehr sollten wir der Frage nachgehen, ob nicht tatsächlich ein Integrationspotential in der Empörung steckt, die sich gegen soziale Ausgrenzung richtet.

Sich aber angesichts von Ausgrenzung, Diskriminierung und Verspottung zu empören, kann von integrativer Wirkung sein. Stéphane Hessels legendärer Aufruf „Empört Euch!“ ist also mehr als ein Bekenntnis zur „psycho-politische Stressgemeinschaft“. Er ist ein Aufruf zur gesellschaftlichen Integration in Großgesellschaften und darüber hinaus. Wir sollten auf ihn hören.

Veröffentlicht von

grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der HWR Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Bielefeld.

Ein Gedanke zu “Integration durch Empörung”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s