Vom aufrechten Gang gottloser Menschen

Satyres_en_Atlante_Rome_Louvre_2.jpgDem aufrechten Gang wird  allerlei Böses nachgesagt: insbesondere für Rückenschmerzen wird er verantwortlich gemacht. Gleichzeitig sieht man in ihm das Merkmal schlechthin des Menschseins und der evolutionären Menschwerdung. Generell steht deswegen der aufrechte Gang also gut da und wir ermuntern uns gegenseitig, „sich mal gerade“ zu machen, „die Brust rauszustrecken“ oder den Blick zu heben. Wir finden, dass Aufrichtigkeit ein Wert ist und würden lieber aufrecht sterben als auf Knien leben – jedenfalls, wenn wir Emiliano Zapata gut finden.

Nun ist interessant, dass auch Religionen das Aufrechte (und somit auch die Aufrichtigkeit) in ihre Theologien integriert haben – sie machen es zum zentralen Wert ihrer Lehren. So spricht Martin Luther in seiner Exegese des Römerbriefes vom „homo incurvatus in se„. Gemeint ist damit, dass der Mensch, der sich mit seiner Kreatürlichkeit befasst „in sich selbst hineingedreht“ gedacht werden muss. Ein wunderschönes Bild! – es hat starke Bezüge zu dem, was wir heute „Nabelschau“ nennen.

Wer Nabelschau betreibt, beschäftigt sich mit sich selbst und hat – so Luther – keinen Blick mehr für das Göttliche. Glaube ist so gesehen die Kraft, die einen Menschen aufrichtet, seinen Blick vom eigenen Bauchnabel abwendet und zur göttlichen Licht- und Lebensquelle ausrichtet. Aufrecht – und somit aufrichtig – kann somit nur der gläubige Mensch sein. Diese Kraft des Glaubens, so ist Luther überzeugt, ist nun ein Geschenk des Heiliges Geistes – und ein Mangel an Glaube kann somit durchaus auch als ein Moment der Ungnade gelesen werden.

Ein ähnlicher Gedanke geht durch die Sure 45 des Koran. Hier wird Gott als eigentliche Wissensquelle besprochen. Wer auf diese Wissensquelle verzichtet, wer „Gehör und Herz versiegelt“ und über sein Gesicht „eine Hülle gelegt“ hat, der kann Gott nicht erkennen und somit auch nicht rechtgeleitet sein. Kafr (Ungläubiger) ist der, der die Erkenntnis vor sich selbst verschließt. Auch hier ist der Fehler, der Gottlosen Menschen unterstellt wird, darin zu sehen, dass sie den Tatsachen nicht ins Auge schauen, dass sie es vorziehen, die Wirklichkeit Gottes zu verdecken und vor sich selbst zu verbergen. Auch hier ist es an der göttlichen Gnade, den Menschen Zugang zum göttlichen Wissen zu verwehren oder zu gestatten.

Glaubensfreie sind in dieser Perspektive also zwangsläufig weder aufrechte noch aufrichtige Menschen. Sie können sich nur mit sich selbst beschäftigen, sind deswegen für externe Wahrheiten unzugänglich und ihnen ist ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zu helfen.

Diese Kritik trifft mich zugegebenermaßen ziemlich hart. Denn ich gehöre zu den Leuten, die, um hier den Koran zu zitieren, sagen: „Es gibt nur unser diesseitiges Leben. Wir sterben und leben und nur die Zeit lässt uns zugrunde gehen.“ Worauf der Koran antwortet: „Sie haben aber kein Wissen darüber und stellen nur Mutmaßungen an.“ Und Mutmaßungen sind nun mal kein Wissen.

Wie stelle ich es jetzt an, meine eigene Aufrichtigkeit (oder zumindest mein Bemühen darum) jemandem unter Beweis zu stellen, der mir diese Aufrichtigkeit a priori streitig macht, der sagt, dass ich ohne Glauben weder aufrecht noch aufrichtig sein kann? (Erst neulich wurde diese Diskussion ja um den Begriff der „kulturellen Unbehaustheit“ erweitert.)

Ein alter Zugang dazu wäre, den Gläubigen ihre Wissensquellen madig zu machen, die Unglaubwürdigkeit von religiösen Texten zu thematisieren und insgesamt von „Priestertrug“ etc. zu sprechen. Erfahrungsgemäß erreicht man damit religiöse Menschen nicht. Warum auch? Sie sehen im aggressiven Gebaren der Atheisten einen Beweis für die Gottesferne der hier Sprechenden. Religionskritik in allen Ehren: sie bringt uns hier sicherlich kaum weiter.

Ein neuerer Ansatz ist, Religionsfreiheit als eigenständige Weltanschauung mit den religiösen Weltsichten konkurrieren zu lassen. Das gelingt insbesondere dann, wenn es gelingt, z.B. in Humanistischen Verbänden ein eigenes Gemeinschaftsleben aufzubauen, Menschen zusammenzuführen, gemeinsam den Horizont zu erweitern und sich in Zeremonien den Wendepunkten des Lebens zu stellen. Warum sollten wir den anderen entgegenbrüllen, dass sie falsch liegen? Besser ist es doch, selbst richtig zu liegen. Oder es zumindest zu versuchen.

In diesem Geist hat A.C. Grayling in seiner „säkularen Bibel“ folgende zehn Gebote zusammengestellt, an denen sich auch ein nichtreligiöser Mensch messen lassen kann:

  1. Habe den Mut, zu lieben (Love well)
  2. Sieh das Gute in allen Dingen (Seek the good in all things)
  3. Füge anderen keinen Schaden zu (Harm no others)
  4. Denke selbst (Think for yourself)
  5. Übernimm Verantwortung (Take responsibility)
  6. Respektiere die Natur (Respect nature)
  7. Gib Dein Bestes (Do your utmost)
  8. Informiere Dich (Be informed)
  9. Sei freundlich (Be kind)
  10. Sei mutig (Be courageous).

Vielleicht typisch für die eher skeptische Grundhaltung, mit der säkulare Menschen nicht nur an die Welt, sondern auch an sich selbst herantreten schließt er diesen Kanon mit „at least, sincerely try“ – „versuch es jedenfalls“ – ab.

Unrecht haben die religiösen Thesen zum aufrechten Menschen ja nicht. Ein aufrechtes und aufrichtiges Leben braucht in der Tat ein Abwenden des Blickes vom eigenen Bauchnabel. Es braucht einen mutigen Blick in die Welt, ein tapferes Überblicken des Tellerrandes und eine anständige Auseinandersetzung mit dem Unausweichlichen. Der aufrechte Gang der Gottlosen ist m.E. aber im ehrlichen Versuch zu sehen, ein ethisch anständiges Leben zu führen, sich dem Neuen und dem dazugehörenden Lernen zu stellen und sich mit Situationen (z.B. zeremoniell) auseinanderzusetzen, die zum Leben nun einmal dazugehören. Den Krückstock der eifrigen Religionskritik braucht der aufrechte Gang der Humanistinnen und Humanisten nicht. At least, sincerely try!

 

 

 

 

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Veröffentlicht von

grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung (FHöV) NRW in Bielefeld. Seit dem Winter 2013 komme ich Lehraufträgen an der Universität Bielefeld nach.

6 Gedanken zu „Vom aufrechten Gang gottloser Menschen“

  1. Hm.
    Glaube nicht.
    Finde die Idee, 10 schwachsinnigen Geboten 10 etwas weniger schwachsinnige Gebote entgegenzusetzen, nicht gelungen. Schon das Konzept von 10 Geboten ist kein gutes, und es zu übernehmen, deshalb schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
    Gerade weil der Krückstock nicht gebraucht wird.
    Find ich.

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  2. Bei allem Respekt, aber wer meint, so viele Anleihen bei den Religionen machen zu müssen, hätte dabei bleiben sollen. Das wäre dann zumindest das Original. Man kann den Glauben auch auf die falsche Art verlieren.

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    1. Junius: weil Religionen ihren Anhängern mindestens einen „belief in spiritual beings“ (E.B. Tylor) abverlangen, können viele Menschen da nicht mehr mitgehen. Was nicht heißt, dass alle religiösen Formen Quatsch sind. Aber wenn das hier nichts für Dich ist, dann ist das so. Musst Du ja nicht lesen.

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      1. Nicht verschnupft sein! Es war nicht persönlich gemeint. Ich lese gern, und vor allem, was von meinen Ansichten abweicht. Nur so lernt man (oder zumindest ich).

        Religiöse Formen sind Formen von Religion, nicht wahr? Gibt es Formen unabhängig vom Inhalt, oder muß ein neuer Inhalt sich nicht auch neue Formen suchen?

        Womit wir bei der Frage des Inhalts wären. Wir haben hier in Europa fast 2000 Jahren Christentum hinter uns, und viele haben es bis heute nicht „hinter sich“; die überwiegende Mehrheit unserer Bevölkerung hat christliche Indoktrination der einen oder anderen Weise hinter sich. Bis heute sind die Mehrheit der Deutschen in einer der beiden christlichen Kirchen organisiert, in säkularen Organisationen nicht einmal ein Tausendstel davon und selbst die sind sich mehr als uneinig, was das denn sei: Unglauben. Daß man sich mittlerweile auf den Begriff „Humanismus“ geeinigt zu haben scheint (und damit viele traditionsreichere Begriffe verdrängt hat), hat die Sache inhaltlich nicht klarer gemacht.

        Meine Position dazu ist, daß die Nichtgläubigen erst einmal versuchen sollten, ihren Glauben „auf die rechte Art“ zu verlieren, oder wie es Hans Conrad Zander geschrieben hat, von dem ich mir diese Formulierung ausgeliehen habe: „… möchte ich ihnen zeigen, wie man das Christentum in aller Heiterkeit, Gesundheit und Ausgewogenheit wieder loswerden kann.“ (H.C. Zander: Von der rechten Art, den Glauben zu verlieren, S. 13)

        Darum geht es meiner Ansicht nach zuallererst, das Christentum loszuwerden, auch und vor allem im eigenen Kopf, statt, kaum daß man sich von der Organisation getrennt hat, eine neue „atheistische Kirche“, einen „religiösen Atheismus“ aus der Taufe zu heben. Ja, Meditation ist eine schöne Sache, aber es muß ja nicht gerade eine nach dem Vorbild des Ignatius von Loyola sein. Gemeinschaft mit anderen Menschen ist gut und notwendig, warum sie sich allerdings um eine Weltanschauung bilden sollte, will mir nicht einleuchten (schon gar nicht um eine, die es noch gar nicht gibt). Und nein, eine „säkulare Bibel“ brauche ich sicherlich auch nicht.

        Das alles ist nur meine persönliche Meinung, und jedem ist unbenommen, eine andere zu haben, aber ich gebe zu bedenken, daß Form und Inhalt nicht immer zu trennen sind, und es wäre doch zu unangenehm, wenn jemand, indem er sich religiöser Formen bedient, am Ende ungewollt wieder bei der Religion landet.

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      2. „Unlearn Religion“ habe ich neulich als Graffito irgendwo gesehen. Das trifft es wohl, oder? Dabei kann man auch das Kind mit dem Bade auskippen und und sich in einer nakten Verneinung verlieren.
        Darüber geht Humanismus hinaus, indem er bejaht. Die Liebe, die Geburt, das Erwachsenewerden, die Gemeinschaft und – leider – auch den Tod.

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