„Leinen los!“ Die Superfähre USA und das Raumschiff Erde

In einem wunderschönen Text zur Frage, warum Menschen in großen politischen Kollektiven zusammenleben hat Peter Sloterdijk eine Polit-Metaphorik angeboten, die die Entwicklung politischer Gemeinwesen recht knackig beschreibt – weswegen ich sie gerne in der Lehre einsetze.

Floß, Galeere, Fähre …

Während nämlich die ersten Homo-Sapiens-Gemeinschaften als Flöße dargestellt werden, die selten die Größe von ca. 100 Individuen überschreiten und die die Welt höchst defensiv wahrnehmen, so kann man sich die frühen Imperien und aus Städten entwachsende Staaten als „Staatsgaleeren“ vorstellen, die zwar schon arbeitsteilig strukturiert sind, aber enorm umweltabhängig bleiben, weswegen sie sich vorsichtshalber entlang der Küsten bewegen, wo ihre Fahrgäste immer wieder mal eine Kolonie gründen.

Das moderne Staatswesen beschreibt die Metapher der „Superfähre“, die riesige Menschengruppen bewegt, die einander nicht kennen und nicht kennen können. Eine solche Fähre sieht Arbeitsteilung strukturell vor, kennt ein gesellschaftliches „Oben“ und ein „Unten“, ist auch in der Führung arbeitsteilig strukturiert und verwendet diverse Technologien, die ihr erlauben, präventiv steuern zu können. Gemeint sind mit den „Superfähren“ natürlich die Nationalstaaten, die ab dem 19. Jahrhundert weltweit den Ton angaben.

… Raumschiff

Eine aktuellere Schrift Sloterdijks setzt diese Metaphernidee fort und beschreibt die ganze Erde nunmehr als politisches „Raumschiff“, das über keinen Notausgang verfüge. Hier verschmelzen die staatlichen Souveränitäten, geben globale Probleme die Taktung politischen Handelns vor und schaffen Raum für Verantwortungsnetzwerke, in denen Akteure miteinander verwoben sind, die zwar nicht aus gleichen Gründen, aber dennoch gemeinsam politisch aktiv werden. Man nennt diese Phase auch Globalisierung.

Dass wir Reisende im „zerbrechlichen Raumschiff Erde“ sind, in dem sich nicht jeder nach Belieben eine Zigarette anzünden darf und wo der Müll gefälligst im Mülleimer zu landen hat ist mit Hilfe der sloterdijkschen Metaphorik leicht nachvollziehbar. Ob die Chinesen nun das Rauchen einstellen, weil die rasante Urbanisierung im Reich der Mitte zu Abgasproblemen besonderer Art führt oder ob die Deutschen lieber ihren Wanderwald retten wollen ist egal – Hauptsache ist, dass im Raumschiff Erde gemeinsam politisch gehandelt wird.

Und nun kommen die USA und wollen „great again“ werden. Das Wort „again“ macht dabei schon deutlich, wohin die Reise dabei gehen soll – zurück in der Zeit nämlich. Im Grunde könnte man den Wahlkampfslogan des Trump-Teams so übertragen: „Make the Superfähre great again!“. Man möchte wieder Kohle verbrennen und Pipelines legen, wie einem das Herz so sagt. Steve Bannon, berüchtigter Berater des Präsidenten, spricht nicht umsonst von einem „economic nationalism“, den die Trump-Administration verfolge, bei dem bilaterale Abkommen Vorzug vor multilateralen genießen sollen. Es ist, als wollten die USA aus dem Raumschiff Erde aussteigen.

Dass man sich das einige Zeit lang nicht richtig vorstellen konnte, ist nachvollziehbar. Es ist, als rüttele jemand während eines Fluges an der Tür und schreie, er wolle aussteigen. Ernst nehmen muss man das nur so lange nicht, wie es dem Passagier nicht gelingt, die Tür zu öffnen.

Die Zeichen mehren sich aber, dass Trump es ernst meint mit seinem Vorhaben, zur Superfähren-Politik zurück zu wollen. Die Welt ist aber nicht mehr so, wie sie vor sechzig Jahren noch war. Vereinzelt mag da noch die eine oder andere politische Superfähre durch die Meere steuern, im Großen und Ganzen sehen wir aber eher eine Welt, in der man beim Anruf im Call-Center nicht wissen kann, ob der Berater gerade in Neu-Delhi, Istanbul oder in Wuppertal sitzt.

Es ist so gesehen sehr beschreibend, dass die Trump-Administration die spanischsprachige Website des Weißen Hauses gleich am ersten Tage nach der Machtübernahme vom Netz nahm. Die Globlaisierung bringt die Renaissance des Lateinischen über den Umweg der Weltsprachen Portugiesisch, Spanisch und Französisch mit sich. Da diese Sprachen untereinander zumindest schriftlich konversabel sind, sind sie dabei, dem Englischen als Internetsprache den Rang abzulaufen. Dass die USA diesen Trend verpassen wollen, spricht Bände über die Globalisierungsfähigkeit des Landes unter Trump.

„Leinen los!“

In einer ergreifenden Filmszene in „Le Grand Bleu“ von Luc Besson streiten sich Joanna und Jacques darüber, ob Jacques nun wirklich einen lebensgefährlichen Tauchgang unternehmen müsse – Joanna sei schließlich von Jacques schwanger und da gäbe es doch wichtigeres, als einfach abzutauchen. Jacques beharrt aber auf seinem Recht und so lässt ihn Joanna mit den Worten ziehen „Go and see, my love“.

Geht es Europa nicht auch ein bisschen so? Sind wir nicht von Amerikas Freiheitsversprechen, dem Glauben an die Kraft des kulturellen Melting-Pots und von der Faszination für das individuelle „Streben nach Glück“ geprägt? Und jetzt wollen die USA einfach abtauchen, Superfähre werden und so viel rauchen, wie es ihnen passt. Vermutlich müssen auch wir jetzt sagen: „Go and see. my love“. Vielleicht kommen die USA dann ja eines Tages wieder zurück und steigen wieder ins Raumschiff Erde ein.

Wir würden uns freuen.

 

 

Veröffentlicht von

grutzpalk

Nach der Schule in Münster und einem Austauschjahr in Italien studierte ich ab 1991 erst Jura, dann Politikwissenschaften, Soziologie und vergleichende Religionswissenschaften in Münster und Bonn. Als Erasmus-Student verbrachte ich 1995 ein Trimester am Trinity-College in Oxford. Zwischen 1994 und 2000 arbeitete ich - zuletzt als wissenschaftlicher Angestellter - für die Max-Weber-Gesamtausgabe im Teilprojekt "Rechtssoziologie". Die Promotion bei Friedrich Fürstenberg über Gewaltdiskurse deutscher und französischer Intellektueller schloss ich 2002 ab. Studienbegleitend absolvierte ich Praktika bei einer politischen Stiftung in Kairo und Tel Aviv, EU- und EU-nahen Institutionen in London, Brüssel und Luxemburg sowie bei einem Schulbuchverlag in Hannover. Zwischen 1998 und 2010 war ich Lehrbeauftragter an den Universitäten Bonn und Potsdam und an der HWR Berlin und zwischen 2003 und 2009 Referent für “Verfassungsschutz durch Aufklärung“ im Brandenburger Innenministerium. Seit 2010 bin ich Professor für Politikwissenschaften und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) NRW in Bielefeld.

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