Sind Polizisten bewaffnete Soziologen?

Dieser Titel gibt eine These vor, die voraussetzungsreich ist. Man müsste, um sie bestätigen oder verwerfen zu können erst einmal klären, was denn mit „Soziologie“ gemeint sein soll. Das allein kann schon mehr Raum kosten als hier zur Verfügung steht. Dann müssen wir sehen, woher überhaupt die Behauptung stammt, Polizisten seien bewaffnete Soziologen.

Was das angeht, bekenne ich mich gerne der Veränderung schuldig. In Wirklichkeit heißt die Aussage, die ein ehemaliger Student mir gegenüber einmal machte nämlich wie folgt: „Polizisten sind bewaffnete Juristen“. Was er damit sagen wollte ist, dass Polizei als Behörde die Sprache des Rechts spricht und sich ihr Handeln stets und ständig in juristischen Begriffen beschreibt. Damit liegt es sicherlich richtig, denn Deutschland ist ein Rechtsstaat und Rechtsstaaten zeichnen sich gemeinhin dadurch aus, dass ihre führenden Institutionen die gemeinsame Sprache des Rechts nutzen, um möglichst widerspruchsfrei systemübergreifend kommunizieren zu können (Luhmann, Rechtssoziologie, 1972; S. 94ff.).

Aber sind Polizisten auch Soziologen? Nun, erst einmal sind Polizistinnen und Polizisten sicherlich insofern Soziologinnen und Soziologen, als dass sie ihre soziale Umwelt beobachten und sich einen Reim auf diese Beobachtungen machen. Das allerdings ist eher eine Art soziologisches „Jedermannsrecht“, denn unabhängig von Beruf und Herkunft neigen wir Menschen doch dazu, uns gegenseitig zu beobachten und diese Beobachtungen in allgemeinen Beschreibungen aufgehen zu lassen. Es ließe sich hier vielleicht von einer Allerweltsoziologie sprechen.

Formen

Doch es gibt auch eine Art berufsspezifische Gesellschaftsbeobachtung, die sich im Zusammenhang mit der beruflichen Praxis ergibt. Ich nenne dieses Wissen in Anlehnung an den soziologischen Riesen Georg Simmel „Formenwissen.“ Simmel sieht nämlich das Suchen und Finden wiederkehrender Formen als einen der Arbeitsaufträge der Soziologie: ”An gesellschaftlichen Gruppen, (…) die die denkbar verschiedensten sind, finden wir z.B. die gleichen Formen der Über- und Unterordnung, der Konkurrenz, der Nachahmung, der Opposition, der Arbeitsteilung (…) wir finden alle Stadien von Freiheit oder Bindung des Individuums der Gruppe gegenüber, (…) Schichtung der Gruppen selbst, bestimmte Reaktionsformen derselben gegen äußere Einflüsse“ (Simmel, Das Problem der Soziologie, 1987; S. 44). Das polizeiliche Formenwissen reflektiert Erfahrungswerte, die die Begegnung mit immer gleichen Situationen als Regelmäßigkeit erscheinen lassen. Es speichert sich in Erfahrungssätzen, die innerhalb der Polizei weitergereicht werden. Hier einige Beispiele:

  • „Am Monatsanfang geben die Leute mit ihrem frisch verdienten Geld an. Deshalb kommt es zu mehr Streit und Gewalt in diesem Zeit­raum.“
  • „Morgens sind die Leute verpeilt und wollen schnell und müde zur Ar­beit. Dadurch kommt es vermehrt zu Verkehrsunfällen.“
  • „Wenn es regnet, beim ersten Schnee und bei Vollmond kommt es zu mehr Verkehrs­unfällen.“
  • „Frauen, die von ihren Männern verprügelt werden, folgen in der Partner­wahl einem Muster, das sie immer wieder in die Arme von prügelnden Männern treibt.“

Vielleicht ist es verfrüht, diese Formen der Gesellschaftsbeobachtung als „Soziologie“ zu bezeichnen, doch sind sie eben doch ein starker Hinweis darauf, dass Polizei nicht nur Gesetze durchsetzt und Berichte in juristischer Sprache verfasst. Polizei beobachtet als Institution Gesellschaft, um ihr Handeln auf diese Beobachtungen einstellen zu können.

Milieuüberschreitende Kommunikation

Dabei verknüpft sich dieses Formenwissen mit dem Anspruch der Polizei an sich selbst, milieuübergreifend kommunizieren zu können. So beschrieben z.B. Studierende in einer Befragung zum polizeilichen Wir ihre Kompetenzen u.a. wie folgt: „Wir können mit Unterschichtvertretern und mit dem Bundespräsidenten kommunizieren“. Polizisten nehmen hier etwas für sich in Anspruch, was in der Soziologie seit einiger Zeit gerne „Habitussensibilität“ genannt wird und das die Fähigkeit beschreibt, verschiedene soziale Milieus zu kennen und sich in ihnen adäquat zu bewegen.

Wir haben es bei der Polizei also durchaus mit mehr als mit einer Allerweltsoziologie zu tun: es gibt so etwas wie eine praktisch Berufssoziologie, die es den Polizeibeamtinnen und -beamten erlaubt, entsprechend ihrer eigenen Ansprüche gute Arbeit zu leisten. Wozu, das ließe sich jetzt fragen, braucht die Polizei darüber hinausgehend dann überhaupt noch Soziologie z.B. als eigenständiges Fach in der Ausbildung?

Um diese Frage zu beantworten lohnt sich ein Blick in ein Lexikon zur Soziologie. Nehmen wir z.B. das 2007 im VS-Verlag erschienene, dann sehen wir unter dem Eintrag „Soziologie“, dass dieses Fach mittlerweile durch eine gewisse Kontourlosigkeit auffällt und auch die Kernbegriffe (z.B. „Gesellschaft“) alles andere als eindeutig definiert sind. Statt einer soziologischen Theorie wartet die Wissenschaft mit einer Vielzahl an Deutungsschablonen für soziale Probleme auf. „Die Vielzahl der Richtungen ärgert denjenigen, der hier einfache Antworten erwartet“, steht dazu im Lexikon zur Soziologie.

Soziologie ist in der Tat ein Fach, das nicht mit der wünschenswerten inhaltlichen Geschlossenheit auftritt, mit der Polizeibeamte gerne die Probleme angehen, denen sie im Dienst begegnen. Polizisten, so sagte ein Student im Rahmen einer Gruppendiskussion zum Thema „polizeiliches Wir“ „beschäftigen sich mit realitätsnahen Dingen und weniger mit was wäre wenn“. Einem Ringen soziologischer Theorien zuzuschauen ist für Polizeibeamte dementsprechend eine Zumutung, deren praxisrelevanter Zweck ja zurecht hinterfragt werden kann. Sollte also ein Fach gelehrt werden, das in sich so zerstritten ist?

Theorien, Methoden, Probleme

„Ja!“, sagt der Artikel im Lexikon zur Soziologie (obwohl wir ihn gar nicht gefragt haben). Denn letztlich finde Soziologie „im Dreischritt von Theorien, Methoden und Problemen“ statt. Wenn also ein Bewusstsein für soziale Probleme als integrativer Bestandteil des Polizeiberufs unterstellt wird und die Vielzahl an soziologischer Theorien als Ärgernis zur Seite gelegt wird, dann bleibt immer noch die Methode der Gesellschaftsbeschreibung, die Gegenstand der Lehre sein könnte und m.E. auch sollte.

„Methode“ ist dabei mehr als das Unterscheiden von qualitativer und quantitativer Sozialforschung. „Methode“ beschreibt auch die Gestaltung des Erkenntnisgewinnungsprozesses. Wichtig ist dabei insbesondere die Werturteilsfreiheit, die es ermöglicht, einen sozialen Sachverhalt erst einmal real sein zu lassen, ohne sich zu einer Bewertung hinreißen lassen zu müssen. Die Erkenntnis, die der Sozialwissenschaftler methodisch erlangen kann, ist als Wertmaßstab für Alltagsgeschäfte ungeeignet, wie Max Weber – ein anderer soziologischer Riese – betont. Soziologie kann gesellschaftliche Ordnungen zwar erkennen, aber nicht begründen. Wertende Erkenntnis ist der Soziologie nicht möglich.

Methodisches Vorgehen heißt andererseits, sich selbst und anderen Klarheit darüber zu verschaffen, wovon eigentlich die Rede ist. Dass z.B. in der Gesellschaft „alles den Bach runtergeht“ ist keine soziologische Erkenntnis sondern konservative Gefühlsempirie. Soziologisch sauber zu arbeiten und Begriffe zu klären (was wäre also: „alles“? Und was genau wäre der „Bach“ – und wo beginnt eigentlich die Talfahrt, was war oben, was erwartet uns unten? Etc.) kann helfen, in der polizeilich relevanten Beschreibung von Gesellschaft weiter zu kommen als bis zu einer gefühlsempirisch-vagen Analyse.

Darüber hinaus ist Soziologie geeignet, bei der Anordnung von Tatsachen behilflich zu sein. Das Sammeln und Sortieren von Daten, die die Wirklichkeit betreffen, ist eine Aufgabe, die Soziologie und Polizei teilen. Beide müssen sich die Warnung Sherlock Holmes’ gefallen lassen: „Es ist ein kapitaler Fehler zu theoretisieren, ehe man Daten hat. Unvernünftigerweise verdreht man dann die Fakten, damit sie zu den Theorien passen, anstatt seine Theorien den Fakten anzupassen.“ Wie methodisches Beobachten und wissenschaftliches Rekonstruieren von Wirklichkeiten gehen kann, lässt sich durchaus von empirischer soziologischer Forschung lernen.

Zu guter Letzt will ich aber an dieser Stelle dann doch auch noch eine Lanze für soziologische Theorien brechen. Dass diese stets im Plural daherkommen und dass dies ein Ärgernis ist, haben wir bereits gesehen. Andererseits ist die gesellschaftliche Wirklichkeit nun einmal komplex und das soziologische Theorieangebot hat so gesehen den Charme eines Werkzeugkastens, der für verschiedene Momente des Sozialen verschiedene Erklärungstools bereithält. Massensituationen lassen sich z.B. gut mit Hilfe von Nachahmungstheorien erklären, soziale Konflikte mit Milieumodellen, Kommunikationsschwierigkeiten mit systemtheoretischen Ansätzen und sozialer Wandel mit Handlungstheorien. Soziologische Lehre in der Polizeiausbildung kann also das Ziel haben, die Handhabung dieses Werkzeugkastens zu üben.

Warum sollten Polizisten keine bewaffneten Soziologen sein?

Um auf die Einstiegsfrage zurückzukommen: Sind Polizisten bewaffnete Soziologen, so würde ich damit gerne mit „Jain“ antworten. „Ja“ ließe sich dahingehend sagen als dass Polizisten soziologische Beobachtungen systematisieren, die über ein gewisses Ausmaß an Jedermannsoziologie hinausgeht. „Nein“ ließe sich zur methodischen Sorgfalt und Nachhaltigkeit solcher Beobachtungen sagen. Aber genau das spricht in meinen Augen für eine soziologische Lehre in der Ausbildung: Wenn Polizei ohnehin schon mit soziologischen Überlegungen hantiert, warum soll sie das nicht bewusst tun und ihre Beobachtungen mit Theorien abgleichen, die es schon gibt? Warum sollen sich nicht auch Polizisten mitunter auf die Schultern soziologischer Riesen stellen, um weiter in die Welt des Sozialen hinein zu gucken als sie das von alleine könnten? Warum sollen sie nicht lernen, werturteilsfrei und auf Basis klar definierter Begriffe von sozialen Geschehnissen zu sprechen, die polizeilich relevant sind? Warum, so möchte ich also schließen, sollten Polizisten also nicht wirklich „bewaffnete Soziologen“ sein?

Frankfurt E-Gebäude21

 

Die Fotos wurden im AfE-Turm der Universität Frankfurt kurz vor dessen Sprengung  2014 aufgenommen.

 

 

 

Geheim. Das öffentliche Bild von Nachrichtendiensten

Ex-Nachrichtendienstleister können sicherlich viel mit dem Buch „Becoming an Ex“ von Helen Rose Fuchs-Ebaugh anfangen. Es stellt nämlich allgemein über Ex-Rollen (also z.B. bei Ex-Nonnen, Ex-Alkoholikern und Ex-Prostituierten) fest, dass manchmal „ex-statuses are more salient to other people than current roles“  (S. 184f.). In diesem Fall müssen die Ehemaligen mit einem „role residual“ leben, das sie auch in ihrer neuen sozialen Rolle begleitet.

Dass die Ex-Berufsrolle eines ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters häufig als so spannend empfunden wird werden viele z.B. Ex-Verfassungsschützer bestätigen können. Aber was macht den Beruf des Nachrichtendienstleisters eigentlich so „salient“? Was für ein Bild herrscht von der Behörde vor, was denken sich Menschen, wenn sie z.B. „Verfassungsschutz“ hören?

Dazu habe ich knapp siebzig meiner Studierenden befragt und sie gebeten, in wenigen Minuten spontan aufzuschreiben, was ihnen zum Thema Nachrichtendienste einfiele. Das dabei entstandene Bild ist natürlich alles andere als repräsentativ, aber ich denke, dass es schon aufzeigt, wo für den äußeren Betrachter die Würze im Beruf des Nachrichtendienstleisters stecken kann.

 

geheim geheim geheim

So zeigt sich, dass das am meisten mit dem Verfassungsschutz in Verbindung gebrachte Konzept das der Unsichtbarkeit ist. So wurden die Begriffe „nicht öffentlich“ / „unauffällig“ / „anonym“ / „undercover“ 27 Mal genannt. Die Tätigkeit wurde mit „Überwachen“, „Observation“ und „Kontrolle“ von 23 der Befragten beschrieben. Dass es Nachrichtendiensten um Wissensaneignung und –verwaltung geht, beschrieben 13 meiner Studierenden, wobei der Charakter des Geheimen dabei das größte Interesse fand. So beschrieben ebenfalls 13 der Studierenden Nachrichtendienste schlicht als „Geheimdienst“. Acht der Befragten beschrieben Nachrichtendienste als Behörden und deren Aufgabe wurde in der Ermittlung gegen Straftäter (ebenfalls 8 Nennungen), Prävention (7), Bekämpfung von Extremismus (7), Terrorismus (4) und der Spionage (4), der Vorbereitung von Parteiverboten (2) und dem Demokratieschutz (2) gesehen. Als Arbeitsmethoden der Nachrichtendienste wurden insbesondere V-Leute (10 Nennungen), IT-Technik (5) und eine spezielle Ausbildung der „Agenten“ genannt.

 

… und natürlich: James Bond

Verweise auf fiktionale Zusammenhänge z.B. „Schwarze Anzüge/Sonnenbrille“ bzw. „James Bond/Film“ wurden jeweils 8 Mal genannt. Aus diesen Vorlagen wurde auch der Schluss gezogen, dass das Privatleben eines Nachrichtendienstleisters nur schwierig denkbar sei, u.a., weil man mit geheimen Identitäten zu leben habe (4 Nennungen). Dass diese fiktionale Beschreibung ggf. gar nichts mit der Wirklichkeit der Dienste zu tun haben könnte beschreiben die immerhin zwei Wortmeldungen, die „Skandale“ der Nachrichtendienste thematisieren.

Aus dieser Stichwortsammlung ergibt sich ein Bild von den Geheimdiensten als im Geheimen operierende Kontrollinstanz – dabei sind die in der fiktionalen Welt entstandenen Beschreibungen des Innenlebens dieser Instanz tonangebend für deren Wahrnehmung. Gleichzeitig ist interessant, dass mit den Begriffen „Ermittlung“ (8) und „Staatsschutz“ (3) eine inhaltliche Nähe zur Polizei beschrieben wird.

So ließe sich das Bild der Nachrichtendienste im vorhandenen Sample meiner Studierenden vielleicht so zusammenfassen: ein Nachrichtendienst ist eine im Geheimen operierende spezielle Staatspolizei. James Bond lässt grüßen.

 

„Konservative Revolution“ – Ein Exzerpt

Seit einiger Zeit macht der Begriff der „konservativen Revolution“ wieder die Runde. Alexander Dorbrindt (CSU) warf den Begriff vor einiger Zeit auf, aber auch um Umfeld der AfD spielt man mit diesem Schlagwort.

Entscheidend geprägt wurde der Begriff von Armin Mohler, der 1950 seine Dissertation unter dem Titel „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932“ veröffentlichte und danach mehrfach überarbeite. Das hier wiedergegebene Exzerpt beruft sich auf die Fassung von 1994.

Ich habe es vor einigen Jahren erstellt und veröffentliche es jetzt in diesem Blog, um der Diskussion über so großspurige Begriffe wie „konservative Revolution“ nun einmal einer ist ein wenig bei ihrer Versachlichung zu helfen.

 

Der Begriff „Konservative Revolution“

„Wir verstehen darunter jene geistige Erneuerungsbewegung, welche das vom 19. Jahrhundert hinterlassene Trümmerfeld aufzuräumen und eine neuen Ordnung des Lebens zu schaffen sucht. Wenn wir auch den Zeitraum von 1918 bis 1932 herausgreifen, so setzt die „Konservative Revolution“ doch schon in der Goethezeit ein (…). Und wenn wir auch nur den deutschen Anteil an ihr darstellen, so finden wir sie doch auch in den meisten anderen europäischen und gar außereuropäischen Ländern.“ (XXVIII)

 

A1: Die Problematik

Konservative Revolution = „Trotzkisten des Nationalsozialismus“ (4)

Hugo von Hoffmannsthal nennt in seiner Rede „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ 1927 Mohler zufolge zwei Aspekte der KR: „Das Suchen nach Bindung, welches des Suchen nach Freiheit ablöst, und das Suchen nach Ganzheit, Einheit, welches von allen Zweiteilungen und Spaltungen wegstrebt.“ (10)

„Der Versuch der Überwindung der Französischen Revolution“ (14)

 

A2: Der Stoff

A 2.1 Drittes Reich gegen zweites Reich

„Dem universalistischen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und dem kleindeutschen „Zwischenreich“ Bismarcks stellt Moeller van den Bruck mit dem „Dritten Reich“ das Bild des Endreichs entgegen, in welchem die Gegensätze von Sozialismus und Nationalismus, von „Links“ und „Rechts“ ihre Aufhebung und zusammenfassende Einheit finden.“ (24)

A 2.2 Unter dem Wilheminismus

„Dieses Zwischenreich ist ein eigenartiger Zwitter: hinter der noch stehenden feudalen Fassade vollzieht sich in fieberhaftem Tempo eine Umschichtung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Struktur“ (25)

A 2.3 Der Krieg

Ernst Jünger: „Der Krieg ist unser Vater, er hat uns gezeugt im glühenden Schoße der Kampfgräben als ein neues Geschlecht.“ (33)

IMG_2049

 

A 2.4 Die Weimarer Republik

„Das Vorläufige des Weimarer Staates wird von der jüngeren, der Kriegsgeneration, noch stärker empfunden.“ (39)

A 2.5 Der neue revolutionäre Typus

„Aus diesen Freikorps und aus den gleichfalls unbürgerliche Lebensformen pflegende „Bünden“ der Nachkriegs-Jugendbewegung, ebenso aber auch aus den kommunistischen Kampfverbänden rekrutiert sich ein neuer revolutionärer Typus.“ (42)

A 2.6 Schwarze Reichswehr und Feme

Schwarzer Reichswehr – Verband aus ca. 100 000 Freiwilligen, die im Geheimen trainiert werden. Zumeist Freikorps-Mitglieder. (45)

A 2.7 Der Nationalbolschewismus

„Unter „Nationalbolschewismus“ versteht man in Deutschland eine Verbindung von radikal sozialistischen und radikal nationalistischen Zielsetzungen, die auf dem Weg eines Bündnisses der beiden „proletarischen“ Nationen Deutschland und Russland gegen den „kapitalistischen“ Westen erreicht werden sollen.“ (47)

A 2.8 Die Dritte Front

„In den letzten Jahren der Republik (werden) die konservativrevolutionären Stimmen immer zahlreicher, welche den Aufbau einer „dritten Front“ fordern. Sie soll unter Ausschaltung der KPD und NSDAP auf einem „dritten Wege“ (…) den Weimarer Staat durch ein neues Staatsgebilde ablösen.“ (55)

A 2.9 Sachliche Gliederungsmöglichkeiten

„Allen Darstellungen seit 1933 wiederum haftet der Mangel an, dass sie die „Konservative Revolution“ zu einseitig vom Nationalsozialismus her interpretieren und deren Eigenständigkeit nicht sehen. (58)

Soziologisch gesehen: „bei den Trägern der völkischen Bewegung (herrscht) der Mittelstand, beispielsweise die Lehrer, (vor), während bei den Jungkonservativen öfters Beziehungen zu Unternehmerkreisen sichtbar werden.“ Daneben insbesondere der Frontoffizier (65)

„Da sie in erster Linie eine weltanschauliche Bewegung ist, muss man sich an die Autoren halten“ (67)

 

A 3 Die Leitbilder

A 3.1 Die „Einseitigkeit der Zeit“

Romano Guardini: „Was eigentlich geboren wird und stirbt, individuelle Gestalt gewinnt und sie verlässt, ist nicht das Einzelwesen, sondern das Leben überhaupt. (…) Was in Wahrheit besteht, ist das Leben der Gattung; das Individuum ist nur Welle.“ (81)

A 3.2 Linie und Kugel

Christentum. „Zusammen mit seinen Säkularisationsformen, den Fortschrittslehren jeder Art, hat es die „moderne Welt“ geschaffen, gegen welche sich der konservativrevolutionäre Aufstand richtet.“ (83)

Konservative Revolution = „Anhänger eines kyklischen Weltbildes“ (85)

A 3.3 Nietzsche und das Interregnum

„Bei fast allen ihren Trägern (der KR) stoßen wir auf die Überzeugung, dass der Name Nietzsche einen Wendepunkt bezeichne.“ (89)

Ernst Jünger 1934: „Wir stehen an der Wende zweier Zeitalter, von einer Bedeutung, wie sie etwa dem Wechsel von der Stein- zur Metallzeit entspricht.“ (90)

A 3.4 Der Nihilismus

„Im Zusammenhang mit der „Konservativen Revolution“ geht es hauptsächlich um jenen bewusst zugreifenden, von sittlichem Verantwortungsgefühl erfüllten und den Durchgang durch die Zerstörung gläubig bejahenden Typus des Nihilisten, den wir vergröbernd den „deutschen“ nennen.“ (95)

A 3.5 Der Umschlag

„Die Zerstörung schlägt in Schöpfung um“ (97)

A 3.6 Der „Große Mittag“

„Aber denen Allen kommt nun der Tag, die Wandlung, das Richtschwert, der grosse Mittag : da soll Vieles offenbar werden! Und wer das Ich heil und heilig spricht und die Selbstsucht selig, wahrlich, der spricht auch, was er weiss, ein Weissager: ‚Siehe, er kommt, er ist nahe, der grosse Mittag!'“ (F. Nietzsche: Also sprach Zarathustra)

A 3.7 Die Wiedergeburten

Friedrich Hielscher (Jünger-Kreis): „Der homo revolvens spielt seinen Part im großen Welttheater: er wird nicht ruhen, bis der Inhalt der Museen ausgetauscht ist. Dann stehen die Opfersteine wieder in den Hainen und die Kreuze in den Vitrinen.“ (108)

A 3.8 Von der Wiederkehr zur Politik

Idee der ewigen Wiederkehr nicht unpolitisch. Z.B. Georg Quabbes Buch „Tar a Ri“, „Komm, o König“, wovon sich „Tory“ ableiten soll. (110)

A 3.9 Konservativ – reaktionär – revolutionär

Moeller van den Bruck: „Es mag sich in der Geschichte eines Volkes mit der Zeit verändern, was immer sich verändern will: das Unveränderliche, das bleibt, ist mächtiger und wichtiger als das Veränderliche, das immer nur darin besteht, dass etwas abgezogen oder hinzugefügt wird.“

A 3.10 Verhältnis zum Christentum

Konservative Revolution und Christentum = Gegensatz (117)

A 3.11 Spaltung und Spannung

„Die „Einheit“, die „Ganzheit“ schließen jedoch die Gegensätze nicht aus: sie umfassen sie in sich und lassen keine Spaltung zu. Sie sind nicht spannungslos, sondern spaltungslos.“ (123)

A 3.12 Der „heroische Rationalismus“

„Die ‚Konservative Revolution‘ sieht alle menschlichen Handlungen im Letzten scheitern und kann nur glauben, dass dieses Scheitern im Ganzen seinen Sinn habe.“ (125)

Ernst Jünger im „Arbeiter“: „es ist die Aufgabe des heroischen Realismus, sich dennoch und gerade deshalb zu bestätigen.“ (126)

A 3.13 Paradoxie einer konservativen Lehre

„Wir haben das Wesen der „Konservativen Revolution“ an ihrem Verhältnis zur Zeit deutlich zu machen gesucht.“ (126)

 

A 4 Die fünf Gruppen

Die „Völkischen“

„Rasse, Volk, Stamm, Landschaft, Sprache“ wird mit Beiwörtern wie „nordisch“, „germanisch“, „deutsch“ näher umschrieben (132)

Zoologische Rassenlehren. „Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie dem Nationalsozialismus als eine der Grundlagen seiner Politik dienen.“ (136)

„Mehr und mehr machen sich jedoch die Versuche bemerkbar, „Rasse“ im Sinne der neuen Bestrebungen als Einheit von „Körperlichem“ und „Geistigem“ aufzufassen. (…) Die Wandlung zeigt sich auch darin, das Wort „Rasse“ nun etwas aus der Mitte gerückt wird die Völkischen seit Ende der 20er Jahre ihre Hauptanstrengung auf die (…) Neuschöpfung einer „indo­germanischen“, „germanischen“ oder „deutschen“ Religion richten.“ (136)

Die „Jungkonservativen“

Edgar Julius Jung: „Der völkertrennende Nationalismus, ein Kind der Nationaldemokratie, muss verdrängt werden durch die völkerverbindende Achtung vor den gewachsenen Volkstümern. Staat und Volk sind nur im nationaldemokratischen Denken gleichbedeutend. Da die Deckung der beiderseitigen Grenzen nie gelingt, so muss dieses falsche Denken ausgerottet werden. Der Überstaat (das Reich) ist eine Herrschaftsform, die sich über den Volkstümern erhebt, jenseits von ihnen liegt und deshalb unangetastet lassen kann.“ (140)

Nochmal Jung: „Die Völker sind gleich, aber nur metaphysisch. (…) Zahlenmäßige Größe, ge­schichtliche Entwicklung, geographische Lage, blutsmäßige Kraft und geistige Anlagen bedingen eine irdische Rangordnung der Völker, die nicht Willkür ist.“ (140)

Die „Nationalrevolutionäre“

Franz Schauwecker: „Denn diese Zeit ist nur wert, vernichtet zu werden.“ (143)

„Das eigentliche ‚Schlüsselwort‘ scheint uns deshalb ‚Bewegung‘ zu sein“ (144)

„Bei den Nationalrevolutionären (…) findet der Nationalbolschewismus seine meisten Anhänger.“ (146)

Die „Bündischen“

„Was als „bündisch“ bleibt, sind Bünde wie etwas die „Deutsche Freischar“, die „Adler und Falken“ oder die „Artamanen“.“ Ende der 20er Jahre ca. 50-60.000 Mitglieder. (153)

„ein Verweilen im bloß Chaotisch-Anarchischen nach Art des Vorkriegs-„Wandervogel“ ist ihr nicht mehr möglich: der notwendige Hintergrund dazu, eine gesättigte und scheinbar uner­schütterliche Bürgerlichkeit von der Art der wilhelminischen, ist weggefallen. Aber auch die Aufpfropfung von größtenteils der Fortschrittswelt entnommenen Zielsetzungen, wie das die „Freideutsche Jugend“ versucht, ist der in Krieg und Nachkrieg zutage tretende Zerstörung jener Welt nicht mehr möglich. Das Trümmerfeld zwingt zu anderen Zielsetzungen.“ (157)

„Ein großer Teil ihrer Führer versteht unter „Bund“ genauer den „Männerbund“.“ (158)

Die „Landvolkbewegung“

„Am 19. November 1928 werden in Beidenfleth beim Bauern Kock, der 300 RM Gemeindesteuern schuldig ist, und beim Bauern Kühl, der 500 RM schuldet, je ein Ochse gepfändet. Als der Gemeindediener (…) die Tiere wegtreibt, kommen die Beidenflether Bauern vom Feld und stellen sich mit ihren Stöcken schweigend an die Straße, auf der ein Feuer aufflammt. Die Ochsen reißen sich los und finden in den Stall zurück.“ (162)

Am 1.8.1929 beschlagnahmt die Polizei die Fahne der Landvolkbewegung in Neumünster (schwarz, mit Pflug und Schwert), daraufhin boykottieren die Bauern die Stadt (162f.)

November 1928 – September 1929 eine Reihe von Sprengstoffanschlägen. Eher „symbolische Gewalttaten“ gegen Regierungsgebäude und Wohnhäuser von Mitarbeitern der Behörden. (163)

 

 

Armin Mohler: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932; Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994.

Lasst Euch Zeit! Wie Geologie helfen kann, besser mit der Welt klarzukommen

Rezension zu Marcia Bjornerud: Timefulness. How Thinking Like a Geologist Can Help Save the World, Princeton, Oxford 2018

„Gli uomini sono molto più presi dalle cose presenti che dalle passate.“ (Niccolò Machiavelli)

 

1654 datierte der irische Bischof James Ussher die Schöpfung der Welt auf den 23. Oktober 4004 vor Christus. Somit würde die Entstehung des Lebens zeitgleich mit der Domestizierung des Hundes eingesetzt haben – eine Idee, die der Autorin dieses wunderbaren Buches sichtbar Unwohlsein bereitet (22ff). Sie stellt ihre Leser vielmehr darauf ein, in ganz anderen Zeitdimensionen zu denken: In Millionen von Jahren. Um sich klar zu machen, was eine Million ist, bietet sie folgendes Gedankenspiel an:„Wenn wir durchgehend pro Minute bis 100 zählen würden, bräuchten wir sieben Tage à 24 Stunden, um auf eine Million zu kommen“ (168).

Wenn wir in dem von ihr vorgeschlagenen Tempo weiterzählen würden, bräuchten wir 48 Stunden, um uns an das erste Auftreten des Homo Sapiens heranzuzählen, 455 Tage, um die Zeit bis zum Aussterben der Dinosaurier zu ermessen, 2800 Tage, um den ersten landbesiedelnden Pflanzen zu begegnen (79). 22400 Tage müssten wir durchzählen, um zum „Great Oxidation Event“ zu kommen, den Bjronerud auch als „geochemischen Putsch“ (S. 105) beschreibt – hier lässt sich ein massiver Anstieg an Sauerstoff in der Atmosphäre nachweisen, der als sicherer Hinweis auf pflanzliches Leben auf der Erde gewertet wird. Dazwischen liegt irgendwo eine Epoche, die Geologen die „Boring Billion“ nennen, weil dort für eine Milliarde Jahre (in unserem Spiel 7000 Tage durchgehendes Zählen) nichts Substantielles passiert.

IMG_2256

Um zur Geburt des ältesten Gesteins auf Erden zurückzuzählen müssten wir 29.400 Tage lang nichts anderes tun als zählen. Dieses älteste Mineral heißt Zirkon und solch fröhliche Formulierungen wie „zircons are forever“ machen das Buch von Marcia Bjornerud so angenehm zu lesen. Fortlaufend beschreibt sie ihr Arbeitsfeld der Gesteinskunde mit Begriffen und Metaphern aus dem menschlichen Leben. So stellt sie z.B. fest, dass Steine mit Käse und Wein dahingehend vergleichbar seien, dass sie im Alter immer interessanter würden (57). Geologische Datierungsverfahren erklärt sie mit Hilfe von Zinsen auf dem Konto (42) und Plattentektonik als Samsara – also als „Zyklus von Geburt, Tod und Wiederauferstehung“ (73).

Ohnehin sind Begriffe und Konzepte aus der mythologischen und religiösen Welt in diesem Buch häufig anzutreffen. So greift sie die Unterscheidung von „Chronos“ (ablaufende Zeit) und „Kairos“ (Zeit in der Erzählung) der antiken Griechen auf, um zu erklären, was sie als Aufgabe der Geologie versteht – die Geschichte der Erde in der Zeit zur erzählen (26). Auch das Buddhistische Konzept von „Sati“ als bewusster Betrachtung der Abläufe in der Zeit ist ihr ein Thema. Der wohl „heiligste“ Begriff, den sie ins Feld führt ist der der Zeit selbst, was mit folgendem Zitat Haldor Laxness unterstrichen wird: „Zeit ist wohl das Einzige, bei dem wir uns alle darauf einigen können, es übernatürlich zu nennen.“ (1).

Der moderne Mensch sei dem gegenüber in einem unnatürlichen „hermetic, narcistic Now“ (13) gefangen. Nur wenn es gelingt, zeitbewusst zu denken und das Wunder des kumulierenden Werdens und Vergehens klarer zu sehen ist es für Bjornerud möglich, dieses „autistische Verhältnis“ (179) zu überwinden, das der Mensch zu lange mit der Erde gepflegt habe. Wenn es statt dessen gelingt, der Erde zuzuhören und sich die Zeitdimensionen zu vergegenwärtigen, die aus Fels und Stein zu uns sprechen, wäre es möglich, anders mit sich und der Erde umzugehen. Gerade von alten Steinen, so Bjornerud, lässt sich z.B. einiges über Durchhaltevermögen und Resilienz lernen (57).

Wer bislang Manschetten davor hatte, sich mit Geologie zu beschäftigen, hat mit dem Buch Bjroneruds keine Entschuldigung mehr – es macht die Beziehung zwischen Mensch und Stein so deutlich, wie es eben nur geht. Darüber hinaus zeigt Bjornerud auf, was wir von Geologen lernen können: aus dem hermetischen Jetzt unserer Gegenwart auszubrechen und eine Zeitreise zu unternehmen, die es ermöglich, den „alten, heiligen Pfad zu erkennen, der sich durch die Zeit zieht“ (176).

 

Steinmeditationen

„A rolling stone gathers no moss,“ sagt ein uraltes englisches Sprichwort. Es zeigt, dass wir von Steinen einiges lernen können: das Stillhalten z.B., das einfach nur Daliegen und das Zuwarten auf was immer da kommt. Die „Rolling Stones“ sahen sich für einen solchen Lebenswandel als zu zappelig an – daher die Namenswahl.

Steine sind in der Tat auf den ersten Blick Meister im Stillhalten. Es gibt kaum etwas, was wir uns als haltbarer, dauerhafter und träger vorstellen als einen Stein. Wenn man „schläft wie ein Stein“, rührt man sich nicht von der Stelle. Und wer „Stein auf Bein“ schwört, ist in seiner Haltung unverrückbar.

Aber wenn man sich einen Stein lang genug anschaut, zeigt sich ein anderes Bild.

Ein Stein liegt zum Beispiel am Strand, angespült von der Brandung, die schon wieder an ihm zerrt und ihn in den kommenden Tagen und Wochen unweigerlich ins Wasser zurückziehen wird. Seine Form ist rundlich, fast möchte es scheinen, er sei dafür gemacht, sich in eine Hand zu schmiegen. Seine Oberfläche ist glatt und geschmeidig, doch auch immer wieder von kleinen Löchlein übersäht. Diesen Zustand hat der Stein einem vermutlich schon seit Jahren dauernden Schleifprozess zu verdanken, in dem er immer und immer wieder von der Brandung über den rauen Sandstrand geschubst wurde – hin und her. Er kugelt den Strand herauf, er kugelt den Stand herunter – und nimmt dabei zunehmen die Form eines merkwürdigen Balles an. Was für eine unfassbare Geduld, Zeit und Ausdauer an diesem Stein zu Werke waren!

Doch bevor er der Stein wurde, den wir nun in der Hand halten war er vielleicht ein Teil eines Sedimentsgefüges. Das erkennen wir an den feinen Strichen, aus denen er geformt ist. Diese Striche sind Ablagerungen eines Strandes, den es vor mehreren Millionen Jahren einmal gab, als die Erde noch nicht einmal ahnte, dass es einmal eine Tiergattung geben würde, nach der ein ganzes Erdzeitalter benannt werden würde. Dinosaurier sind über solche Strände spaziert – ab und an haben sie ihre Fußstapfen hinterlassen, die wir uns bis heute ansehen können. Jahr für Jahr haben sich in den Lagunen dieser Küsten Sandschichten abgelagert. Eine Sandschicht. Noch eine. Noch eine. Und noch eine. Bis mehrere tausend dieser Sandschichten übereinander lagen und der Druck, den sie aufeinander ausgeübt haben sie zu einem zusammenhängenden Gestein gepresst haben.

30167179_10156276230649395_7176573738491344458_o-1

Manche Steine haben aber noch größere Abenteuer erlebt. Als magmatisches Gestein sind sie durch den Schlot einer Vulkankraters gepresst worden, oder waren zumindest in dessen Magmakammer so heiß, dass sie als flüssiges Gestein dort hin und her waberten. Je nachdem, mit welcher Geschwindigkeit sie abkühlten bildeten sich verschiedene Gesteine. Vom Bims bis zum Obsidian ist hier alles mit dabei.

Auch solche Steine können natürlich von Urzeitmeeren an Urzeitstränden zu Sand zermalmt werden. Die feinen Sedimentstriche, die wir auf dem schönen Stein auf unserer Hand beobachten können also magmatische Sände sein, die sich zu Sedimenten übereinandergelegt haben – so dass ein Sedimentgestein durchaus magmatische Vorfahren haben kann.

Besonders anrührend sind Steine, die während einer Eiszeit zusammengepresst wurden. Man kann sich die fantastischen Kräfte kaum vorstellen, die mehrere Kilometer hohe Gletscher auf Stein ausüben können. Sie zermalmen und pressen in mehrfachen Reprisen, was sich ihnen in den Weg legt. Sie schieben die Gesteinspampe ein wenig mit sich, legen sie beim intermediären Schmelzen irgendwo ab, nehmen sie in Kaltphasen wieder auf, kratzen mit ihr über den Boden und pflügen im großen Stil ganze Landschaften um. Einen Konglomeratstein aus solch einer Eiszeit in der Hand zu halten macht demütig und löst ein Gefühl der Brüderlichkeit aus: wie mag es den wenigen Homo Sapiens wohl gegangen sein, die es bei der letzten großen Eiszeit vor 35.000 Jahren schon gab? Wie ist wohl ein menschliches Leben in einer solchen Welt, in der Schnee und Eis mit solch einer Wucht in das Leben der Landschaften, Tiere und Menschen eingreifen?

Ein Stein – vielleicht mehrere zehntausend Jahre jung, vielleicht aber auch mehrere Millionen Jahre alt – liegt also in meiner Hand. Wenn ich Glück habe, werde ich 100 Jahre alt. Da wird es diesen Stein noch geben. Und noch lange danach.

Doch auch er wird sich ändern, wird durch Wind, Wasser, Hitze, Kälte, andere Steine und viel viel Zeit immer wieder anders aussehen. Er wird Stein bleiben und zugleich nie der gleiche Stein sein, den ich jetzt in der Hand halte. Auch wenn es bei ihm viel länger dauert als bei mir: auch er verändert sich, passt sich seiner Umwelt an, wird durch die Lebensumstände seiner Zeit geprägt, zermalmt, zersetzt und aufgerichtet.

Ich mag vielleicht Gefühle haben, Augen, um zu sehen und eine Sprache, die es mir erlaubt, meine Gefühle zu beschreiben. Aber angesichts dieses Abenteuers, das der Stein in meiner Hand hinter sich hat und das ihm noch bevorsteht, gibt es keinen Anlass für Überheblichkeit. Ich war noch nie Zeitgenosse eines Dinosauriers, bin noch nie durch tektonische Verschiebungen unter die Lithosphäre gedrückt worden und bin dort geschmolzen, wurde nie durch einen Vulkanschlot gepresst und habe mich nie als Sediment in aller Ruhe, Schicht nach Schicht irgendwo abgelagert. Zwar haben meine Vorfahren auch eine Eiszeit mitgemacht, aber ich selbst wurde nie zerdrückt und mit anderem Gestein zu einem Felsen eigener Art zusammengepresst.

Und doch ist mir das alles nicht gänzlich fremd. Einige der Geschichten, die ich in der Lehre erzähle müssen auf meine Studenten in der Tat so wirken, als hätte ich zur Zeit der Dinosaurier gelebt. Tektonische Verschiebungen kenne ich auch, z.B. gerade in diesem Augenblick, wo im britischen Unterhaus über den Brexit abgestimmt wird. Mir sind einige Sachen in meinem Leben so peinlich, dass mir so heiß wird wie in einem Vulkan und das sedimentartige Zur-Ruhe kommen kenne ich aus jedem Urlaub. Und dass ich mit anderen Menschen zu einer ganz eigenständigen Körperschaft zusammengepresst bin nennt man seit jeher in der Soziologie: Gesellschaft.

Sind Steine also letztlich das Selbe wie ich, nur langsamer? Auf die Idee könnte man kommen. Eines sind Steine aber auf jeden Fall: eine wunderschöne Anregung zur Mediation über sich, das Leben, den dazu gehörenden Wandel und die Zeit. Wer sich die Ruhe gönnt, Steine so anzusehen setzt vielleicht kein Moos an. Aber er bekommt die Gelegenheit zu einer gelungenen Meditation. Wie kann man angesichts eines Steines nicht ins Meditieren geraten?

13920294_10154407740449395_1836198246022328116_o

 

 

 

 

 

Die unsichtbaren Mitbewohner. „Leben mit den Göttern“ von Neil MacGregor

Neil MacGregor ist mit seinem Buch über die 100 Objekte mit deren Hilfe man sich die Weltgeschichte vor Augen führen kann berühmt geworden. In ähnlichem Geist geht er in „Leben mit den Göttern“ an Artefakte heran, die nur im religiösen Kontext Sinn ergeben und die die Haushalte der Menschen seit Jahrtausenden zieren. Er beginnt mit der Darstellung des Ulmer Löwenmenschen, einer Figur aus Mammutzahn. Sie ist 40.000 Jahre alt. Niemand weiß, wozu sie gebraucht wurde. Und doch muss man nicht sonderlich religiös musikalisch sein, um zu erkennen, dass hier etwas Besonderes vorliegt. Dieses Kunstwerk ist – ja, wie soll man sagen? – irgendwie heilig.

Es ist die Stärke des Buches, dass es mit Hilfe solcher und ähnlicher Artefakte deutlich macht, wie nahe liegend religiöse Emotionen sind, auch wenn man die dazu gehören religiösen Traditionen für unglaubwürdig oder sogar schädlich halten mag. Was man von Neil MacGregor lernen kann ist, dass religiöse Erfahrungen unsere emotionalen Nachbarn sind. Deswegen ist auch der Titel gut gewählt: „Leben mit den Göttern“ heißt, dass menschliches Leben häufig bedeutet, unsichtbare Mitbewohner zu haben. Dass diese unsichtbaren Mitbewohner sehr menschlich sind, ändert nichts an ihrer Wirksamkeit.

Wenn Menschen z.B. sterben, bleiben sie nach menschlicher Erfahrung häufig noch  da. „Che Guevara presente!“, skandieren Anhänger des kubanischen Revolutionärs noch Jahre nach seinem Tod und wollen damit sagen, dass Ernesto Guevara trotz seines Ablebens noch da ist – man weiß nicht recht, wie genau. Diese Erfahrung machen Menschen häufig: auch wenn jemand tot ist, ist er irgendwie doch nicht so richtig tot. Er ist Gegenstand des Gesprächs, der geteilten Erinnerungen und Emotionen. Wie weit ist es von dieser Beobachtung hin zu einem ausgewachsenen Totenkult, in dem z.B. chinesische Angehörige ihre Toten mit allem Notwendigen versorgen, indem sie z.B. so genanntes Totengeld für sie verbrennen? Ist es so gesehen so vollkommen absurd, dass die Inka für besondere Gesprächssituationen Mumien in den Gesprächskreis einbanden?

Es ist nur ein kleiner Schritt von der Erinnerung an einen Menschen hin zum Totenkult.

Manche Partygäste setzen sich gleich zu Anfang des Festes in die Küche, weil sie wissen, dass hier das Herz aller Feierlichkeiten wummert. Mag auch im Wohnzimmer getanzt werden und das Kinderzimmer ins Legosteindelirium torkeln – die Küche ist der Ort, in dem die Geselligkeit ihren Ausgangspunkt findet – und wo sich die letzten Partygäste am Ende des Festes auch wieder versammeln. Diese Erfahrung beschränkt sich nicht auf den modernen Menschen. Auch die Römer haben beobachtet, dass das Heimische Herdfeuer der magische Mittelpunkt des Hauses ist. Sie haben daraus den Schluss gezogen, dass auch ihr Reich nichts anderes ist als ein riesiger Haushalt, dessen Heimisches Herdfeuer in Rom brennt. Das durfte nie ausgehen und wurde deswegen in einem Tempel von heiligen Jungfrauen – den Vestalinnen – gepflegt.

Es ist nur ein kleiner Schritt von der kuscheligen Küche hin zum Reichskult.

Dass Menschen in Traditionszusammenhängen leben, weiß jeder, der schon mal versucht hat, bewusst eine Entscheidung gegen die subkutanen Einflüsse seiner Erziehung zu fällen. Es ist vermutlich eine der erschreckendsten Erkenntnisse, die das Älterwerden liefert: wie ähnlich man den eigenen Eltern ist. Und seinen Großeltern. Und seinen Kindern übrigens auch. Das Rad der Zeit dreht sich und nur die Akteure werden ab und an ausgetauscht. Auch diese Beobachtung kann sich zur religiösen Überzeugung auswachsen, in einem seit Ewigkeiten so gewollten Lebenswandel zu stehen.

Es ist kein weiter Weg von der Erkenntnis der Eingebundenheit in den Zeitstrom hin zur religiösen Tradition.

Für säkulare Leserinnen und Leser ein wenig frustrierend ist die Lektüre des Kapitels über die Versuche, Religion aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. MacGregor zitiert hier die Beispiele der französischen Revolution und der Sowjetunion. Ein aufgeführtes Artefakt zeigt einen Kosmonauten, der im Weltall schwebend Ausschau hält und feststellt „Boga njet“ – „kein Gott“. MacGregor zeigt sich überzeugt, dass eine menschliche Hausgemeinschaft ohne unsichtbare Mitbewohner nicht denkbar ist und dass Gesellschaften, die sich nur auf „die Ratio“ berufen letztlich im Namen der Vernunft Gewalt anwenden.

Säkular humanistische Leserinnen und Leser werden hier wohl inhaltlich nur zögernd mitgehen können, aber eines können sie dennoch von dem Buch von MacGregor lernen: menschliches Leben ist über sehr weite Wegstrecken ein gemeinsames Leben mit Göttern, Geistern, Traditionen und unsichtbaren Kräften gewesen und wird es auch noch auf absehbare Zeit bleiben. Zu nahe liegend ist es, auf religiöse Gedanken zu kommen. Wie diese unsichtbaren Mitbewohner beschaffen sind, wie sie aussehen, auf welche Traditionen sie sich berufen und wie sie unser Leben prägen lernen wir auch dem sehr klugen und sehr weltoffenen Buch.