Funktion und Evolution der Polizei im Krisenmodus der Corona-Pandemie

Am 27.9. stellte ich auf dem 41. deutschen Soziologentag im Rahmen des Panels „Grenzen und Grenzüberschreitungen in einer polarisierten Welt. Wie gewährleistet das Recht seine gesellschaftlichen Funktionen?“ der Sektion Rechtssoziologie einige Beobachtungen zur polizeilichen Arbeit während der Corona-Pandemie vor.

Megan O’Neill und ich hatten sie zusammengestellt, um ein soziologisch klareres Bild davon zu zeichen, was Polizei ist – oder zumindest davon, was sie tut.

Ein Mitschnitt des Beitrages kann hier gehört werden:

Interview: „Die Seele aus humanistischer Sicht“

Am 22.9.2022 wurde in der Sendung „Tag für Tag“ des Deutschlandfunks ein Gespräch zwischen Andreas Main und mir wiedergegeben, in dem wir uns über die Seele unterhalten haben. Zentral war hier die Frage, was die Seele für säkulare Humanist*innen sein kann – und warum es eine humanistische Seelsorge braucht.

Das Gespräch kann hier nachgehört werden:

Bodenhaftung und Sozialtheorie. Rezension zu Markus Schroer: Geosoziologie. Die Erde als Raum des Lebens; Berlin: Suhrkamp 2022

La terre nous en apprend plus sur nous que tous les livres. Parce qu‘ elle nous résiste.

Antoine de Sainte-Exupéry: Terre des Hommes

„It was not that long ago it first occured to me that my mother was a person in her own right,“ singt „Divine Comedy“ im Lied „Mother Dear“ (2006). Vermutlich haben sich schon viele Hörer*innen dieses Songs an dieser Stelle an die eigene Nase gefasst und beschämt festgestellt, dass auch sie erst verblüffend spät festgestellt haben, dass Eltern 1. nicht den einzigen Lebenszweck darin sehen, Eltern zu sein und 2. häufig (meistens) eine vollständig von den Kindern unabhängige Geschichte vorzuweisen haben. Und eine eigene Gegenwart.

Bei der Lektüre von Markus Schroers fast 600-seitigen Werk summte sich dieser Song immer und immer wieder durch meinen Kopf. Denn m.E. lässt sich das Buch als eine Art Coming of Age-Geschichte der Soziologie lesen, in der sie (ähnlich vielleicht wie beim Fund elterlicher Jugendbriefe) erstaunt feststellen muss, dass Mutter Erde ein Eigenleben führt, das lange vor dem Entstehen von menschlicher Gesellschaft begann und – und hier hinkt der Vergleich zwischen Teenager und Soziologie – auch weiterbestehen wird, wenn von Gesellschaft nicht mehr die Rede sein wird. „Im Zuge ihrer erfolgreichen Etablierung als universitäres Fach“ fehlten Schroers Beobachtung zufolge „in der Soziologie die Einlassungen  zu Raum, Umwelt, Pflanzen und Tieren“ (S. 15).

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Staat ohne Mitte? Die Frage nach dem politischen Zusammenhalt aus humanistischer Sicht

„Dass ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau‘ alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu‘ nicht mehr in Worten kramen.“

Die berühmte Frage aus Goethes Faust, „was die Welt im Innersten“ zusammenhalte, stellt sich auch und gerade im Politischen. Der Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde suchte deswegen nach dem „einigenden Band“ moderner demokratischer Großstaaten. Das nach ihm benannte Diktum, der freiheitliche, säkularisierte Staat lebe von Voraussetzungen, „die er selbst nicht garantieren kann“ (Böckenförde 1991; S. 114) wird noch heute gerne von den Kirchenvertretern zitiert. Sie meinen nämlich daraus herauszulesen, dass die „Werte“ moderner Gesellschaften auf religiösen Vorstellungen basierten. Politischer Zusammenhalt – das lässt sich hier schon erahnen – wird häufig mit religiösem Zusammenhalt verglichen.

Dabei wird Böckenfördes Suche nach dem, was den Staat im innersten zusammenhält gar nicht von einem Bedürfnis nach einer religiösen Renaissance angetrieben, sondern von der Beobachtung, dass es einst einen religiösen Kern der Staatlichkeit gab, der zunehmend verblasst ist: So habe das Reich des Mittelalters „aus christlicher Geschichtstheologie und Endzeiterwartung“ gelebt und sei so das „Reich des Populus christianus“ gewesen. (S. 95)

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Welche Lernprozesse wurden bei der Polizei durch die Corona-Pandemie ausgelöst?

Bei der Cepol-Tagung „Pandemic Effects on Law Enforcement Training and Practice“ stellten Stephanos Anastasiadis, Jens Bergmann und ich im Mai 2021 unsere Forschungsergebnisse aus einer Befragung in Niedersachsen und NRW vor.

Der Audio-Mitschnitt ist jetzt hier zu finden:

Network Centric Policing. Moderne Polizeiarbeit im Lichte der Akteur-Netzwerk-Theorie

Netzwerktheorien ziehen mit einem gewissen Recht seit einiger Zeit Aufmerksamkeit auf sich. In der Soziologie ist es namentlich Manuel Castells (2004), der wortreich aktuelle gesellschaftliche Transformationsprozesse hin zu einer „Netzwerkgesellschaft“ beschreibt. Diese reichten, so Castells (2004; S. 534) „über die Sphäre der sozialen und technischen Produktionsverhältnisse hinaus: sie haben tiefgreifende Auswirkungen auch auf Kultur und Macht.“ Castells (2004; S. 528f.) definiert Netzwerke dabei wie folgt:

„Ein Netzwerk besteht aus mehreren untereinander verbundenen Knoten. Ein Knoten ist ein Punkt, an dem eine Kurve sich mit sich selbst schneidet. (…) Netzwerke sind offene Strukturen und in der Lage, grenzenlos zu expandieren und dabei neue Knoten zu integrieren, solange diese innerhalb des Netzwerkes zu kommunizieren vermögen, also solange sie dieselben Kommunikationscodes besitzen – etwa die Werte oder Leistungsziele.“

Netzwerke zeichnen sich also durch freie Verbindungen zwischen einzelnen Punkten aus. Das Internet zeigt, dass diese Punkte fortlaufend neu miteinander verbunden werden können und dass Netzwerke sich ohne inneren oder äußeren Zwang fortpflanzen, verändern, verlagern, thematisch umstellen etc. Netzwerke lassen sich also weder steuern noch gar planen.

In ihrer optimistischen Phase sah die Soziologie im „social engineering“ ihre prinzipielle Aufgabe (Schulz 2011, Latour 2010; S. 31), ein Ansinnen, dem sich Netzwerke erfolgreich zu entziehen scheinen. Vielmehr scheint mit dem Internet ein soziales Netzwerk vorzuliegen, das sich selbst steuert. Martin Warnke (2011, S. 116) beschreibt in seiner Einführung in die Theorien des Internet, wie sich Netzwerke der Idee zentraler Steuerung entziehen:

„Netze wachsen, sie werden nicht gebaut. Mit dieser Disposition liegen sie genau im Zeitgeist, der sich angesichts übergroßer Komplexität von Gesellschaft, Technik, Ökonomie und Kommunikation vom kybernetischen Kontrollphantasma verabschiedet und anerkennt, dass die wichtigsten Ingredienzien der postmodernen Gesellschaft netzartig-emergenten Charakter haben.“

Dieser neue Imperativ der hierarchiefreien Selbststeuerung von Netzwerken hat bereits in der militärischen Planung Niederschlag gefunden. So erklärte die US-Armee im Jahre 2001 das Konzept der genannten „network centric warfare“ zum „bestimmenden Organisationsprinzip der militärischen Planung, streitkräftegemeinsamer Einsatzkonzepte sowie Rüstungsplanung“ (Schreer 2003, S. 8). Jeder einzelne kämpfende Soldat wird als vernetzter Akteur verstanden, der mit allen militärischen Einheiten im Einsatzgebiet im direkten oder vernetzten Kontakt steht. Der Dienstlaptop, mit dem der Soldat in den Krieg zieht, steht symptomatisch für diesen Strategie- und Perspektivwechsel.

Sowohl die soziologische Theorie als auch das Nachdenken über polizeiliche Strategien reflektieren den sozialen Wandlungsprozess der Gesellschaft hin zur Netzwerkgesellschaft. Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit zwei Netzwerk-Ansätzen, die auf den ersten Blick recht unterschiedlich erscheinen. Zum einen soll es um das namentlich von Thomas Cowper formulierte Konzept des „network centric policing“ (NCP) gehen, zum anderen um die Akteurs-Netzwerk-Theorie (ANT), für die insbesondere Bruno Latour mit seinem Namen steht. Während der US-Amerikaner Cowper als gelernter Polizist über die Zukunft der Polizei im Internetzeitalter nachdenkt, ist es dem Franzosen Bruno Latour viel mehr um eine Neuausrichtung der soziologischen Theorie zu tun. Dennoch weisen beide Ansätze an, wie ich finde, entscheidenden Punkten Gemeinsamkeiten auf, die hier nachvollzogen werden sollen.

So sollen in diesem Artikel die Theorien vorgestellt, ihre gemeinsamen Ansichten, aber auch ihre gemeinsamen Schwächen diskutiert werden. Letztlich soll es darum gehen, nach einer Theorie Ausschau zu halten, die den Einstieg der Polizeiarbeit in das Informationszeitalter (Castells 2001-2003) der Netzwerkgesellschaft beschreibt.

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Wir können auch anders. Lehrt uns der Ukrainekrieg, den Staat neu zu denken?

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, der am 24.2.2022 begann, hat viele grundsätzliche Frage aufgerufen, die wir uns in Europa in dieser Genauigkeit gerne nicht gestellt hätten. Da geht es z.B. um die Energie- und Getreideversorgung, um Flüchtlingspolitik, oder den Staat.

Und besonders die Frage nach dem Staat – dem Nationalstaat – hat es in sich. Denn der Ukraine-Krieg zeigt, wie sehr die Grundfesten des modernen Staatsdenkens schon länger wanken und es schon längst an der Zeit wäre, ihn neu, anders und inklusiver zu denken.

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Mängelwesen from outer space. Gedanken zur soziologischen Anthropologie

Frank Schirrmacher hat mit seinem Buch „Ego. Das Spiel des Lebens“ ein ökonomisches Menschenbild angegriffen, das im Menschen einen stets rational handelnden egoistischen Nutzenmaximierer sieht. Er weist der Behauptung dieses Menschenbildes gesellschaftsprägende Kräfte zu: ihm sei die aktuelle Lage mit sich häufenden Wirtschaftskrisen zuzuschreiben, es sei Schuld an einer Ent­menschlichung der menschlichen Beziehungen. Ökonomen wehren sich gegen dieses Attacke mit dem Hinweis darauf, dass der „Homo oeconomicus“ nur ein Denkmodell sei, dessen Vorhersagekraft noch immer überzeuge.

In Erklärungsnot geraten aber auch andere Wissenschafts­zweige, die mit standardisierten Menschen­bildern arbeiten (müssen). Als Soziologe interessiert mich natürlich das soziologische Menschen­bild, das ich hier in Kürze nachzuzeichnen und zu hinterfragen versuchen.

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„Verzweiflung oder Glauben“? Über Religion, Wissenschaft und viel viel Zeit

Ich möchte wirklich, dass in Ihren Amtsstuben keine Porträts von mir hängen, denn der Präsident ist keine Ikone. Hängen Sie dort Bilder Ihrer Kinder auf und schauen Sie sich sie vor jeder Entscheidung an.” (W. Selenskyj)

Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade hat in den 1950er Jahren eine Zeittheorie vorgelegt, die genauer anzuschauen sich aus humanistischer Perspektive lohnt. Denn Eliade sieht über den welthistorischen Daumen gepeilt zwei konkurrierende Zeitkonzeptionen nebeneinanderstehen, zwischen denen man sich seiner Ansicht nach entscheiden muss: Die eine sieht Zeit in kleinen, großen oder riesengroßen Bögen vergehen, die sich in einer „ewigen Wiederkehr“ immer wieder selbst erneuern, die andere sieht Zeit als eine linearen Entwicklung, die den „neuen Menschen“ als Ziel angibt. Die eine Anschauung ist religiös, die andere „modern“. In Eliades Betrachtung scheint die Menschheit vor der Entscheidung zu stehen: „Verzweiflung oder Glauben“ (Kapitel IV, 4). Ein Drittes gibt es für Eliade nicht.

Aus humanistischer Sicht bin ich überzeugt, dass das nicht stimmt und sich sehr wohl eine dritte Perspektive der Zeit anbietet. Dieses dritte Konzept ist das der „tiefen Zeit“ (deep time), das die Geologin Marcia Bjornerud vor einiger Zeit vorgeschlagen hat. Es vereint die beiden von Eliade genannten Zeitvorstellungen nicht nur miteinander, es geht sogar noch darüber hinaus und ist ein wahrhaft humanistisches Konzept von Zeit. Wie genau es aussieht und wie es sich von Eliades Dichotomie (entweder religiös – oder modern) löst möchte ich im folgenden Beitrag darstellen.  

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Von Gewalt und Fahrrädern

Für seinen Podcast „Strategists of Social Change“ habe ich neulich mit Sergius Seebohm über Gewalt gesprochen. Ein Gespräch über Strukturen, Kultur, Diskriminierung, Fahrradverkehr, Macht, Nubbelverbrennungen, den Leviathan, tektonische Verschiebungen, die Frage, wie gefährlich Menschen füreinander sind und ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen.

Das gesamte Gespräch kann hier nachgehört werden.